Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Bonnievale-Projects in Südafrika: Vom Kinderhort zum Krisenzentrum
Panorama 4 Min. 04.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Bonnievale-Projects in Südafrika: Vom Kinderhort zum Krisenzentrum

Die Bewohner des Squattercamps von Bonnievale trifft die Corona-Krise besonders hart.

Bonnievale-Projects in Südafrika: Vom Kinderhort zum Krisenzentrum

Die Bewohner des Squattercamps von Bonnievale trifft die Corona-Krise besonders hart.
Foto: privat
Panorama 4 Min. 04.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Bonnievale-Projects in Südafrika: Vom Kinderhort zum Krisenzentrum

Nathalie RODEN
Nathalie RODEN
Spontane Helfer in der Not: Die Luxemburger Wohltätigkeitsorganisation Bonnievale-Projects kurbelt eine Hilfsaktion für Slumbewohner in Südafrika während der Covid-19-Krise an.

Als die Covid-19-Pandemie Ende März auch Südafrika in ihren Würgegriff nahm, befürchteten einige Einwohner von Bonnievale, einer 180 Kilometer östlich von Kapstadt gelegenen Kleinstadt, bereits das Schlimmste: Die Krise barg die Gefahr, dass vor allem unter der armen, mehrheitlich farbigen Bevölkerung in den Elendsvierteln Chaos ausbricht und Tumulte bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen entstehen. Also wandten sie sich Hilfe suchend an den 69-jährigen Francis Faber aus Warken, der als Präsident der luxemburgischen Wohltätigkeitsorganisation Bonnievale-Projects bereits öfter zu Besuch in der südafrikanischen Gemeinde war.

Francis Faber freut sich, dass seine Organisation Starthilfe leisten konnte.
Francis Faber freut sich, dass seine Organisation Starthilfe leisten konnte.
Foto: privat

Urlauber mit Herz

Die Verbindung zwischen Luxemburg und der Kleinstadt in Südafrika geht zurück auf das Jahr 2003. Damals reisten die Luxemburger Aly Zeimen und Marc Hermes durch das Land. Eine Farmerin machte die beiden Urlauber aus dem Großherzogtum schließlich auf ein sogenanntes Squattercamp aufmerksam – ein improvisiertes Elendsviertel, das in Zeiten der Apartheid entstand und in dem es nicht nur an sanitären Anlagen fehlte. Weil ihr Slum nicht als offizielle Adresse anerkannt wurde, konnten die Kinder dort nicht zur Schule gehen und fristeten ein Dasein als papierlose Straßenkinder.

Im Squattercamp von Bonnievale ist alltäglicher Luxus wie Duschen fremd.
Im Squattercamp von Bonnievale ist alltäglicher Luxus wie Duschen fremd.
Foto: privat

Gerührt von diesem Schicksal gründeten die beiden Freunde noch im selben Jahr die gemeinnützige Organisation Bonnievale-Project. Unter dem Slogan „Eng Schoul an e Gaart fir Bonnievale“ mieteten die Gründer ein altes, zwischen Stadt und Squattercamp gelegenes Gebäude samt Außengelände an und bauten es um, um dort eine Kindertagesstätte einzurichten. Das Gebäude diente den Kindern zudem fortan als offizielle Adresse, sodass die Regierung ihnen endlich Papiere ausstellte.

Bis heute unterstützt die Organisation rund um Francis Faber die dank ihrer Bemühungen entstandene Betreuungs- und Bildungseinrichtung finanziell. Basierend auf einer Initiative des Lycée Athenée von vor acht Jahren engagieren sich außerdem regelmäßig Schüler aus dem Großherzogtum vor Ort. Inzwischen sind sogar zwei weitere Einrichtungen in der Gegend hinzugekommen. Und auch ältere Kinder und Teenager dürfen dort nun nachmittags ihre Hausaufgaben erledigen, etwas essen, Sport treiben, duschen oder einfach nur auf die Toilette gehen. „Ein Luxus, den sie im Camp leider nicht haben“, bemerkt der pensionierte Versicherungsinspektor. „Dadurch, dass wir wiederholt Druck auf die Behörden ausgeübt haben, verfügen die Campbewohner nun immerhin über zwei Wasseranschlüsse. Die wenigen mobilen Klos, die aufgestellt wurden, benutzt aufgrund der Hygienezustände aber keiner.“

Die Lebensmittel werden in großen Hallen sortiert, um sie dann zu Hilfspaketen zu schnüren.
Die Lebensmittel werden in großen Hallen sortiert, um sie dann zu Hilfspaketen zu schnüren.
Foto: privat

Schnell geschaltet

Nachdem die Betreuungseinrichtungen im Zuge des landesweiten Lockdown leider kurzerhand geschlossen werden mussten, wandte sich die gemeinnützige Organisation „Bonnie People“, die sich vor Ort um die Anliegen der besagten Tagesstätten kümmert und als Ansprechpartner für Bonnievale-Projects fungiert, flugs einem anderen dringenden Unterfangen zu: 


"Schlimmer als der Tsunami"
Im Jahr 2005 konnte Claude Baltes dank der Unterstützung großzügiger Luxemburger bereits über 80 Fischerboote für die Bevölkerung auf Phuket bauen. Nun will der Wohltäter Bedürftige auf der thailändischen Ferieninsel mit Lebensmitteln versorgen.

Dank einer spontanen Finanzspritze aus Luxemburg in Höhe von rund 18.500 Euro leiteten die „Bonnie People“ ohne langes Zögern eine groß angelegte Versorgungsaktion mit Lebensmittelpaketen in die Wege. Jeder Arbeitslose von Bonnievale darf sich eines dieser Pakete nach Voranmeldung an einer der fünf Ausgabestationen abholen. Rund 4.000 Abnehmer gibt es mittlerweile. Hinzu kommen 1.600 Kinder, die täglich mit dem Nötigsten versorgt werden.

Die Einwohner des Squattercamps nehmen das Angebot dankbar an.
Die Einwohner des Squattercamps nehmen das Angebot dankbar an.
Foto: privat

„Wir sind entsprechend froh, dass die Anzahl der Helfer in den Annahme- und Verteilstationen von 20 auf mehr als 100 gestiegen ist“, sagt Faber. So werde die Sicherheit der Menschen leichter gewahrt. Wobei nicht nur auf die gesundheitliche Unversehrtheit der Helfer geachtet würde: „Damit die Lager nicht von irgendwelchen Banden überfallen werden, werden die gesammelten Lebensmittel an geheimen Orten aufbewahrt.“

Welle des Mitgefühls

Nachdem der Stein dank der schnellen Unterstützung aus dem Großherzogtum ins Rollen gebracht wurde, gewann die Initiative überraschend schnell an Fahrt. „Es gab eine regelrechte Explosion an Hilfsbereitschaft, die sich auf einmal bemerkbar machte“, freut sich Faber. Von überall seien Menschen, zumeist Farmer oder Unternehmer, mit großen Pick-up-Ladungen voll Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln angefahren gekommen. „Einmal kamen sogar 1,5 Tonnen Pilze auf einmal an“, erzählt Faber. „Das war schon ein ordentlicher Berg.“ Und auch der Staat trüge mittlerweile zu der spontanen Initiative der „Bonnie People“ bei, sodass die Finanzspritze aus Luxemburg nur mehr einen Bruchteil der Gesamthilfe ausmache. Etwa 20 Prozent, schätzt der Warkener.

Einige Helfer beim Sortieren und Verarbeiten gespendeter Pilze.
Einige Helfer beim Sortieren und Verarbeiten gespendeter Pilze.
Foto: privat

Ausnahmsweise wird in diesem Jahr aufgrund der Covid-19-Pandemie aber wohl kein Mitglied von Bonnievale-Projects nach Südafrika fliegen, um sich vor Ort ein Bild von den Fortschritten der verschiedenen Tagesstätten zu machen. Dies sei jedoch nicht so schlimm, meint Faber. Die Menschen vor Ort würden ohnehin immer selbstständiger werden. „In etwa drei oder vier Jahren werden wir dieses Projekt abschließen können, weil die Menschen in der Lage sind, auf eigenen Füßen zu stehen“, ist der 69-Jährige überzeugt. Damit die Zukunft der Menschen in Bonnievale gesichert ist, wolle man das Bewusstsein der Kinder allerdings noch verstärkt für die Themen Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und Klimawandel schärfen.

Geduldig stehen die Menschen Schlange, um eins der Hilfspakete in Empfang zu nehmen.
Geduldig stehen die Menschen Schlange, um eins der Hilfspakete in Empfang zu nehmen.
Foto: privat

 

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Sie wohnte in vielen Ländern der Welt, aber in Luxemburg hat Sonja Wanting letztendlich ihre Heimat gefunden.
Wenn Wohltätigkeit zur Lebenseinstellung wird: Ein Porträt von Rita Krombach-Meyer, die sich bereits seit mehr als 34 Jahren bei der luxemburgischen Croix-Rouge engagiert.
Als starke Frau mit einer positiven und liebevollen Art ist Rita Krombach stets ein willkommener Gast in den Häusern der Hauptstadt, wenn sie während des Mois du Don um Spenden bittet.
Den Weg aus ihrem Heimatland Algerien nach Luxemburg fand Samia Bounaira vor nunmehr 22 Jahren. Nur wenige Zeit nach ihrer Ankunft hob sie in Wiltz ein Projekt aus der Taufe, das ihr Leben geprägt hat.