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"Beziehungen sterben und wachsen"
Emma Thompson grübelte kurz darüber nach, ob sie die Auszeichnung von Seiten der Queen überhaupt annehmen soll.

"Beziehungen sterben und wachsen"

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Emma Thompson grübelte kurz darüber nach, ob sie die Auszeichnung von Seiten der Queen überhaupt annehmen soll.
Panorama 1 6 Min. 14.08.2018

"Beziehungen sterben und wachsen"

Emma Thompson spricht im Interview über ihr Leben als "Dame", traurige Frauen und das Geheimnis währender Liebe.

Interview: André Wesche

Es bedurfte einer wirklich großen Schauspielerin, um die facettenreiche Hauptrolle in Richard Eyres Literaturverfilmung "The Children Act", die kürzlich in Luxemburg angelaufen ist, mit Wahrhaftigkeit zu erfüllen. Immerhin geht es nicht selten um das Leben oder den Tod eines Kindes, wenn die Figur der britischen Familienrichterin Fiona Maye ihr Urteil spricht. Sie trägt schwer an dieser Last, die auch ihre Ehe zu erdrücken droht. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson zeigte sich der Herausforderung gewachsen. "Luxemburger Wort"-Korrespondent André Wesche traf die 59-Jährige, die unlängst für ihre Verdienste in den Stand einer "Dame Commander" erhoben wurde zum Gespräch.

Emma Thompson, was für eine Erfahrung war es, in den Ritterstand erhoben zu werden?

Ich habe zu dieser Zeit gerade in New York gearbeitet. Ich bekam einen Brief, in dem es hieß, dass die Königin mir diese Ehrung zuteilwerden lässt. Danach bleibt einem nur eine Woche Zeit, um zu entscheiden, ob man die Auszeichnung annimmt oder nicht. Meine erste Reaktion war Begeisterung, komplette und vollkommene Begeisterung. Dann setzten die Schuldgefühle ein. Ich dachte: Warte einen Moment, das ist das Establishment! Ich selbst bin eher links ausgerichtet. Vielleicht ist es falsch, die Ehrung anzunehmen. Und dann dachte ich darüber nach, dass ich mein ganzes Leben lang für die Position der Frauen eingetreten bin. Nun ging es darum, einer Frau, die auf ihrem Arbeitsgebiet vieles geleistet hat, Respekt zu zollen. Nämlich mir. Sollte ich jetzt sagen, dass diese Ehrung nicht für mich steht? Nach reiflicher Überlegung fühlte es sich am besten an, meine Zustimmung zu geben. Es hat sich als die richtige Entscheidung erwiesen. Mein Ehemann verbeugt sich nun leicht vor mir. Und man bringt mir ein wenig mehr Respekt entgegen.

Hat Ihnen die Königin die Auszeichnung persönlich überreicht?

Diese Erfahrung habe ich nicht gesammelt. Wir sprechen hier über eine Plakette. Tatsächlich sind die Richterinnen des Familiengerichts, wie wir sie in "The Children Act" kennenlernen, automatisch auch "Dames". Ich gehe mit zwei von ihnen regelmäßig aus. Jetzt sind wir drei "Dames". Wir mögen das und es macht uns großen Spaß.

Warum können Sie gerade den traurigen Frauen auf der Leinwand ein so überzeugendes Gesicht verleihen?

Ich glaube, dass das Dasein der Frau größtenteils ziemlich traurig ist. Als ich jung war, hatte ich das Gefühl, dass mir die Welt offensteht. Dann wurde mir bewusst, dass dem nicht so ist, weil man es Frauen nicht zugesteht. Ich kann auf viele Beispiele verweisen, bei denen man mir einreden wollte, dass ich bestimmte Dinge nicht tun kann, weil ich eine Frau bin, etwa lustig sein. Und ich gehöre zu den Frauen, die sich glücklichen schätzen können. Die Erfahrungswelt einer Frau ist oft sehr schwierig, ziemlich traurig und enttäuschend. Ich spreche da für viele Menschen, die mir zustimmen würden. Sie mögen mir widersprechen, weil man als Mann vielleicht ähnliche Erfahrungen sammelt. Das weiß ich nicht. Ich kann hier nur meine Sicht der Dinge wiedergeben.

Stimmen Sie die aktuellen Entwicklungen in dieser Hinsicht optimistisch?

Ich habe immer gesagt, dass wir es hinkriegen können. Ich habe dafür gekämpft. Man musste mich nicht erst davon überzeugen, dass Veränderungen möglich sind. Ich hatte das Glück, Männer zu treffen, die meine Arbeit schon geschätzt haben, als ich noch jung war. Ich bin meinen männlichen Agenten und Produzenten sehr dankbar, die mich darin bestätigt haben, dass ich ein Talent fürs Schreiben habe. Sie haben mich unterstützt. Leute aus der Führungsebene haben mir viele Möglichkeiten gegeben. Das werde ich ihnen niemals vergessen.

Gab es während der Dreharbeiten Momente, in denen Sie dafür dankbar waren, keine Familienrichterin sein zu müssen?

Absolut. Ich habe Zeit im Familiengericht verbracht und dort einige Gespräche geführt. Normalerweise geht man davon aus, dass am Kriminalgericht die großen und wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Weil man beim Familiengericht "nur" über häusliche Probleme spricht, ist dessen Ansehen geringer. Klar, es geht ja meistens nur um Frauensachen. Bei den Gesprächen mit den Richterinnen und Richtern ging mir auf, dass sich eigentlich hier das wahre Leben abspielt. Die Entscheidungen, die man treffen muss, sind brutal. Hier trifft man oft auf zutiefst verzweifelte Menschen und gequälte Kinder. Das ist furchtbar. Diese Verantwortung für Leben oder Tod, diesen ganz konkreten Einfluss auf ein menschliches Dasein könnte ich selbst nicht tragen. Vielleicht, weil meine Empathie zu stark ausgeprägt ist. Aber klar, die Frauen, die in diesem Job arbeiten und die ich persönlich kenne, verfügen über eine ähnliche Empathie. Sie müssen Wege finden, sie für positive Zwecke zu nutzen und sich gleichzeitig selbst davor zu schützen. Ich danke Gott, dass das nicht mein Job ist.


Exzentrischer Haarschmuck von Lady Majoon (Luxemburgerin Laurence Streitz), Foto Lex Kleren
Alles, außer gewöhnlich
Laurence Streitz aus Beckerich fertigt extravaganten Blumenkopfschmuck für Paradiesvögel an. Das "Luxemburger Wort" schaute ihr bei der Arbeit über die Schulter.

"The Children Act" ist auch eine Geschichte über Liebe und Leidenschaft. Es ist schmerzhaft mitzuerleben, wenn Fiona ihrem Ehemann die Türen verschließt.

Eine der Vorstellungen, die wir überwinden müssen, ist folgende: Der Partner, mit dem man sich auf eine ernsthafte Beziehung einlassen möchte, wird nicht allzeit der selbe bleiben. Tatsächlich müssen alle Langzeitbeziehungen irgendwann sterben, um neu geboren zu werden. Darüber wird in der Psychoanalyse und der Paartherapie viel gesprochen. Eine Beziehung stirbt und wächst dabei. Entweder man arbeitet daran oder man trennt sich nach zwanzig Jahren – so wie viele meiner Freunde – und fragt sich, was das eigentlich war. Dann heißt es: Was habe ich nur zwanzig Jahre lang getrieben?

Worin genau liegt das Problem?

Man hat nicht miteinander darüber geredet, was sich geändert hat. Gewohnte Verhaltensweisen, die sich immer bewährt haben, funktionieren nicht mehr. Es stören plötzlich Eigenheiten, die früher nie gestört haben. Es ist nicht einfach, sich solche Dinge gegenseitig einzugestehen. Ich liebe es an Stanleys Filmcharakter (Anm.: Stanley Tucci spielt Fionas Ehemann), dass er den Mut dazu aufbringt. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. Einige finden sein Vorgehen scheußlich. Ich hingegen halte es für sehr tapfer, wenn er seiner Frau sagt, dass sie nicht zuhören will, obwohl man dringend reden muss. Wir haben solche Angst vor emotionalem Schmerz. Aber wir müssen uns dem Schmerz stellen und hinterfragen, was er uns sagen will.

Im Film heißt es, man sollte immer wild und frei bleiben. Ist das überhaupt möglich?

Nein, das funktioniert in der Realität nicht. Wenn man tatsächlich immer wild und frei leben möchte, muss man sich darauf einstellen, oft auch sehr einsam zu sein.

Sehr anständige Filmfiguren sind oft auch sehr langweilig. Wie gelingt es Ihnen, solche Charaktere trotzdem interessant zu gestalten?

Wir sind es nicht gewohnt, Anstand interessant zu finden. Meiner Meinung nach kann man nur anständig sein, wenn man die Komplexität des eigenen Seins erkennt. Anstand erfordert alle Arten von Mitgefühl und Toleranz, zuallererst sich selbst gegenüber. Diesen Zustand zu erreichen, ist sehr kompliziert. Anstand ist komplex. Gut zu sein, ist komplex. Wenn wir Geschichten erzählen, tun wir das aber oft sehr schwarz-weiß. Wir zeichnen die Geschlechterrollen schwarz-weiß. Gegenwärtig bewegen wir uns aber davon weg. Deshalb interessiert mich die aktuelle Geschlechterdiskussion. Dieser fließende Prozess erlaubt uns vielleicht das Überwinden starrer Rollenklischees, die man Männern und Frauen aufzwingt. Auch viele Männer hassen sie. Wie wir einander gegenübertreten, wandelt sich momentan komplett. Es ist eine aufregende Zeit.


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