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Berlins „größter Bauernhof“
Ein Stück Bayern in Berlin: Zur Grünen Woche treffen sich Landwirtinnen und Landwirte in Dirndl und Lederhosen am Biertisch.

Berlins „größter Bauernhof“

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Ein Stück Bayern in Berlin: Zur Grünen Woche treffen sich Landwirtinnen und Landwirte in Dirndl und Lederhosen am Biertisch.
Panorama 4 Min. 18.01.2019

Berlins „größter Bauernhof“

Auf der Grünen Woche kommen Agrarier, Verbraucher und Kritiker ins Gespräch – nicht nur freundlich.

(dpa//NW) - Schuhplattler, Kuhställe und Bierhumpen – damit rechnet mancher in Deutschlands Hauptstadt ebenso wenig wie mit einem fertiggestellten Flughafen. Doch einmal im Jahr treffen dort zwei Welten aufeinander: Diejenigen, die Fleisch, Milchprodukte, Gemüse und Brot für Millionen herstellen – und diejenigen, die es essen. Zur weltgrößten Agrar- und Ernährungsmesse Grüne Woche, die an diesem Freitag beginnt und bis zum 27. Januar andauert, wollen die Veranstalter 400.000 Besucher anlocken.

Branchentreff mit Konflikten

Sie kommen zum Schlemmen und Staunen, manche auch zum Streiten: über Essgewohnheiten und die Folgen für Tiere, Menschen und Umwelt. Und über die Frage, wie es gelingen kann, die weiter wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Für alles zusammen will die deutsche Bundesagrarministerin Julia Klöckner den Blick auf die Chancen der Digitalisierung lenken – auch als Gastgeberin für Amtskollegen aus aller Welt.

„Der Run auf die Grüne Woche ist ungebrochen“, wirbt ein Sprecher vorab. Die Messefläche ist gewachsen, ebenso die Zahl der Aussteller, die 1.700 übertreffen wird. Aus mehr als 60 Ländern werden sie kommen. Daneben gibt es Konferenzen, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel haben sich angekündigt.

Währenddessen wollen sich nicht nur auf dem Messegelände Menschen sammeln – um zu protestieren gegen das, was sie Massentierhaltung und Agrarindustrie nennen. „Wir haben es satt!“ Mit dieser Losung ziehen jedes Jahr zur Grünen Woche Tausende durch Berlin, aufgerufen von rund 100 Organisationen, darunter auch Verbände sowohl ökologisch als auch konventionell wirtschaftender Bauern.

Aktivisten der Deutschen Umwelthilfe (DUH) demonstrieren vor der Messe Berlin gegen Palmöl im Biodiesel.
Aktivisten der Deutschen Umwelthilfe (DUH) demonstrieren vor der Messe Berlin gegen Palmöl im Biodiesel.
Foto: dpa

Die Landwirte signalisieren Bereitschaft zum Dialog. „Wir wollen transparent sein, wir wollen zeigen, wie nachhaltig wir Lebensmittel erzeugen“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. „Der größte Bauernhof ist dann in der Hauptstadt auf dem Erlebnisbauernhof.“

Das ist jener Teil der Hallen, in dem Besucher auf Trecker klettern, Schweinen über die Borsten streicheln und sich per 360-Grad-Video auf echten Betrieben umsehen können. „Da kann man sehen, fühlen, riechen, wie Landwirtschaft funktioniert – vom Produkt auf dem Acker bis zum Endprodukt“, meint Rukwied.

So soll ein vorzeigefähiges Bild moderner Landwirtschaft entstehen. Und ein anderes als Aufnahmen von toten oder verstümmelten Tieren, die Tierschutz-Aktivisten zuweilen mitbringen, nachdem sie sich Zutritt zu Ställen verschafft haben. „Stellen Sie sich der Auseinandersetzung bei Tage und schleichen Sie nicht nachts auf unseren Höfen herum“, forderte Brandenburgs Bauernverband vor dem Beginn der Messe. Nötig sei eine ehrliche Debatte auch darüber, wie Verbraucher einkaufen, über die Macht des Handels und wirtschaftlichen Druck auf die Bauern.

Viele Bauern unter Druck

Geschäftlich blicken viele deutsche Landwirte lieber vorsichtig ins begonnene Jahr. Denn die lange Dürre 2018 hat vor allem im Norden und Osten der Republik die Ernte vermiest und Grasfutter fürs Vieh knapp werden lassen. Höfe in akuter Finanznot reichten mehr als 8.500 Anträge für ein Millionen-Hilfsprogramm von Bund und Ländern ein. Dabei ist die Lage aktuell durchaus unterschiedlich: Während Milchbauern recht stabile Preise erzielen können, stehen besonders die Tierhalter unter Druck.

Lamentieren will die Branche aber nicht. „Wir Landwirte sind es gewohnt, mit der Witterung zu arbeiten – da gibt es trockene Jahre, da gibt es feuchte Jahre“, formuliert es Rukwied. „Wir sind im neuen Jahr und da starten wir neu mit Elan.“ Generell sei es aber schon so, dass angesichts steigender Kosten höhere Preise gebraucht würden.

Für viele Bauern ist die Grüne Woche der traditionelle Jahresauftakttreff, wenn Äcker teils unter Schnee liegen und auf dem Hof nicht so viel zu tun ist. Allein 2.000 Busse aus ganz Deutschland werden erwartet. In Berlin steht eine Landjugendfete mit der Band Krachleder auf dem Programm, Züchter präsentieren in den Hallen unter dem Funkturm ihre Pferde bei Hengstparaden. Und der moderne Bauer informiert sich über neue Technik – wie Drohnen, die längst über so manchem Acker schwirren.


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