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Ohne Finger auf den Everest
Panorama 3 Min. 24.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Aufstieg im Himalaya

Ohne Finger auf den Everest

Panorama 3 Min. 24.08.2016 Aus unserem online-Archiv
Aufstieg im Himalaya

Ohne Finger auf den Everest

Mit nur einem Finger wollte Nobukazu Kuriki vor einem Jahr den Mount Everest besteigen. Nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 2015 sollte er mit dieser Aktion als Werbeträger den Bergtourismus ankurbeln. Doch er scheiterte. Nun will es Kuriki erneut versuchen.

von Felix Lee (Peking)

Noch sitzt Nobukazu Kuriki entspannt an einem Kaffeetisch in einer Tokioter Bürowohnung. Ein paar Wochen habe er ja noch, sagt er und nippt an einer Wasserflasche. Aber ja, seine Nervosität steige von Tag zu Tag. Ende des Monats ist es wieder so weit. Dann will es der 34-jährige Japaner ein weiteres Mal wissen. Gelingt es ihm, den Mount Everest zu besteigen, den mit 8 848 Metern höchsten Berg der Welt? Das haben über 10 000 Bergsteiger vor ihm zwar auch schon geschafft. Doch er will ohne künstlichen Sauerstoff auskommen. „Das ist die reinste Form des Bergsteigens“, sagt Kuriki.

Zudem will er im Herbst den Gipfel erklimmen, wenn die Tage kürzer werden und es ab 8 000 Höhenmetern besonders windig und eisig zugeht. Und: Kuriki will all das mit nur einem Finger schaffen, genau genommen mit seinem rechten Daumen. Alle anderen neun Finger mussten ihm 2012 amputiert werden, nachdem sie bei einem seiner Versuche am Everest erfroren waren. Nur einem war das unter ähnlich schweren Bedingungen gelungen: Reinhold Messner. 1980 war das. Messner hatte zuvor drei Fingerkuppen verloren.

Nobukazu Kuriki ist unverheiratet, eigene Kinder hat er nicht. Seine Mutter verstarb als er 17 Jahre alt war. Und sein Vater – der hat ihn geradezu zu seinem waghalsigen Hobby ermutigt.
Nobukazu Kuriki ist unverheiratet, eigene Kinder hat er nicht. Seine Mutter verstarb als er 17 Jahre alt war. Und sein Vater – der hat ihn geradezu zu seinem waghalsigen Hobby ermutigt.
Foto: Felix Lee

Gefährliche Leidenschaft

Die Leidenschaft für diese extreme Form des Bergsteigens entdeckte Kuriki im Studentenalter. Zusammen mit einem Freund wollte er die schneebedeckten und menschenleeren Berge von Hokkaido, Japans Nordinsel, erklimmen „Wir hatten keinen Mobilfunkempfang, der Schnee war tief“, erinnert er sich. Erst dachte er, das sei unmöglich. Doch ehe sie sich versahen, hatten sie ihr Ziel nach einer Woche erreicht. Das spornte ihn an, höhere Gipfel zu besteigen. Sein derzeitiges Ziel: Er will alle Gipfel des Himalayas über 8 000 Meter solo und ohne Sauerstoffflasche erklimmen. Der Everest fehlt ihm noch.

Im vergangenen Jahr war Kuriki der große Hoffnungsträger der angeschlagenen Tourismusindustrie Nepals. Im April 2015 hatte gleich zu Beginn der Frühjahrssaison ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Himalaya erschüttert. Mehr als 9 000 Menschen kamen ums Leben. Die chinesischen Behörden ließen ihren Teil des Berges komplett absperren.

Auf der nepalesischen Seite riss im Zuge des Bebens eine Lawine große Teile des Basislagers fort, 18 Menschen kamen ums Leben. Auch hier mussten sämtliche Expeditionen abgesagt werden – erst seit dem Frühjahr 2016 machten sich wieder Bergsteiger auf zum Gipfel. 450 schafften bis Ende Mai den Aufstieg. Mindestens fünf Menschen bezahlten das Abenteuer mit dem Tod.

Die nepalesische Regierung beauftragte Kuriki im vergangenen Herbst, als Erster nach dem Beben den Everest wieder zu besteigen. Mit dieser Werbeaktion sollte er den Bergtourismus wieder ankurbeln. Doch Kuriki scheiterte. Bei etwa 8 150 Höhenmetern sah er sich zum Abbruch gezwungen. Sein Körper sei völlig erledigt, ihm sei übel und er habe Schwindelgefühle, schrieb er damals in seinem Blog. „Ich bewege mich wie ein alter Mann“, postete er.

Leichtsinn oder Lebensaufgabe

Nun will er sich denselben Qualen erneut aussetzen. Ist er leichtsinnig? Oder sogar lebensmüde? „Nein“, antwortet er. Das Leben sei ihm sogar sehr wichtig. Daher bereite er sich intensiv auf den Aufstieg vor, trainiere hart. Er begebe sich rechtzeitig ins Basiscamp und mache Probeaufstiege, um sich an die dünne Luft zu gewöhnen. Sicherlich, der Verlust der Finger erschwere den Aufstieg.

„Anfangs war es echt schlimm“, sagt Kuriki. Er konnte nicht einmal seine Schnürsenkel binden oder mit Essstäbchen essen. In der Reha habe er aber gelernt, mit alldem umzugehen. Doch er gibt zu: „Wenn ich Finger hätte, wäre vieles sehr viel leichter.“

Und ja, er kalkuliere ein, nicht heil oder gar nicht zurückzukehren. Doch das wolle er um jeden Preis vermeiden. Er halte sich an sein Vorbild Reinhold Messner, der immer wieder beschwor, dass der Abbruch fest eingeplant werden müsse, sonst drohe der Tod. „Erst die Fähigkeit zur Umkehr selbst kurz vor dem Gipfel sichert das Leben.“ Das unterscheide Profibergsteiger von Amateuren. Angst vor dem Tod hat er aber nicht. „Jeder trägt den Tod in sich.“ Ob man ihn empfinde oder nicht, das unterscheide die Menschen. Erst die Konfrontation mit dem Tod habe ihm bewusst gemacht, wie wichtig ihm das Leben ist.


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