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Alt werden, wo andere Urlaub machen
Panorama 3 Min. 30.07.2019

Alt werden, wo andere Urlaub machen

Offizielle Zahlen fehlen, aber nach Schätzungen leben mehrere tausend Senioren aus deutschsprachigen Ländern in thailändischen Alters- und Pflegeheimen.

Alt werden, wo andere Urlaub machen

Offizielle Zahlen fehlen, aber nach Schätzungen leben mehrere tausend Senioren aus deutschsprachigen Ländern in thailändischen Alters- und Pflegeheimen.
Foto: Getty Images/EyeEm
Panorama 3 Min. 30.07.2019

Alt werden, wo andere Urlaub machen

Palmen, Meeresblick, fürsorgliche Pfleger und dabei noch günstig – in Thailand boomen Altersheime für europäische Rentner.

(KNA/mij) - Ein Lebensabend unter Palmen – davon träumen manche Senioren. Und einige wagen schließlich auch den Schritt. Ein Grund, warum in Thailands Ferienorten Pattaya, Hua Hin oder Chiang Ma Seniorenresidenzen für europäische Rentner wie Pilze aus dem Boden sprießen. Die kommerziellen Betreiber versprechen den zukünftigen Bewohnern das Blaue vom Himmel, der neben Palmen und Pool ein wesentliches Feature ihrer bunten Prospekte und knalligen Webseiten bildet.

Eine dieser Einrichtungen ist die „Sunshine Residence“ in Hua Hin am Golf von Siam. Die 200 Kilometer südlich von Bangkok gelegene Anlage weist alle Merkmale eines Hotels auf, nur dass sie auf Senioren aus dem deutschsprachigen Ausland spezialisiert ist, die eines der Appartements gekauft oder gemietet haben, und denen im Bedarfsfall die hauseigene Krankenschwester beisteht.

Sunshine-Gründer ist der unternehmerische Tausendsassa Andrew Stocks. Beim Schlendern durch den tropischen Garten des Sunshine zwickt der gutaussehende Charmeur mal einem Mann kumpelhaft in die Wange, mal herzt er Seniorinnen. „Thailand und das Sunshine bieten einen tollen Service“, betont der 49-Jährige. Auf den Einwand, dass „Service“ im thailändischen Alltag eher ein Fremdwort sei, reagiert der vor Ort aufgewachsene Brite mit elitärer Ignoranz. „Ich habe den größten Teil meines Lebens in Fünf-Sterne-Hotels gelebt. Da war der Service toll.“

„Nichts für Arme“

Die „Sunshine Residences“ sind zwar billiger als vergleichbare Seniorenresidenzen in den deutschsprachigen Ländern – ein 43-Quadratmeter Appartement mit Vollpension kostet rund 1 300 Euro pro Monat, inklusive medizinischer Checks -, aber Stocks gesteht, dass Senioren mit durchschnittlicher Rente nicht zur Zielgruppe seines Imperiums gehören. „Das ist eher nichts für Arme“, gibt er zu.

Wie auch Thailand insgesamt nicht. Die Lebenshaltungskosten mögen zwar günstiger sein als in den Herkunftsländern der Zielgruppe. Aber für ein Rentnervisum müssen beispielsweise mindestens 23 000 Euro auf dem Bankkonto nachgewiesen werden. Welche Kosten zudem von Renten- oder Krankenkassen übernommen werden, ist von Land zu Land anders.


memorebox
Gamen hält Senioren fit
Die Videospielkonsole MemoreBox soll vor Demenz und körperlichen Altersgebrechen bewahren. Deutsche Krankenkassen und Krankenhäuser sind bereits von dem Gerät begeistert.

Die Bewohner des Sunshine haben altersgemäße Zipperlein, sind aber ansonsten agil und lebensfroh. So auch die 73-jährige deutsche Rentnerin Klara, die es bei ihrem Vornamen belassen möchte. Sie lebt seit Dezember 2018 in der Residenz. Das Klima tue ihrem Asthma gut, das Wetter sei toll, die Gemeinschaft mit den anderen Senioren auch. „Ich möchte hier nicht mehr weg.“

Die Seniorenresidenz namens „Prosana“ in Hua Hin ist im Vergleich eher bodenständig. In derzeit fünf hübschen Häusern leben je zwei Demenzkranke aus der Schweiz. Die Unterkunft koste inklusive Betreuung, Vollpension, Physiotherapie, Friseur und Nagelpflege 3 000 Franken (rund 2 700 Euro) pro Monat, sagt Prosana-Chef Hans Hufschmid. „Das ist sehr viel günstiger als bei uns in der Schweiz. Nicht im Preis enthalten sind allerdings ärztliche Betreuung, Medikamente und Krankenhausaufenthalte. Aus Deutschland haben wir kaum Bewohner, weil das Rentenniveau dort niedriger ist.“

Die Entscheidung für die richtige Residenz ist mangels gesetzlicher Standards Glücksache. Lediglich ein von dem in Pattaya lebenden Schweizer Rene Boner mit Unterstützung der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde zusammengestellter Leitfaden bietet auf 41 Seiten Adressen, eine Checkliste für Heime sowie das Auswandern im Alter. „Es gibt viele schwarze Schafe und illegale Anbieter“, so Boner warnend.

Keine professionelle Altenpflege

Thomas Mohr, zuständig für internationale Patienten im San Paulo-Krankenhaus in Hua Hin, sieht den Hype um Altersheime in Thailand mit Skepsis. „Die Leute kommen mit Erwartungen her, die Thailand letztlich nicht erfüllen kann.“ Auf der Plusseite sieht Mohr Sonne, Sand und Meer und den in der thailändischen Kultur verwurzelten Respekt vor dem Alter. Deshalb funktioniere die alltägliche Betreuung von hilfsbedürftigen Senioren. „Aber wenn professionelle Pflege angesagt ist, wird es schwierig und richtig teuer.“

Geriatrie, professionelle Altenpflege wie auch Rehamöglichkeiten seien in Thailand so gut wie unbekannt. Dessen sind sich auch die Bewohner, etwa das Rentnerehepaar Hägele, bewusst. Bei Seafood und Bier in einem Freiluftrestaurant gibt Gerd Hägele freimütig zu, im Falle größerer Gesundheitsprobleme nicht in Thailand zu bleiben. Und damit ist er wohl nicht der einzige.


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