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Alpen: Die Kuh, das wilde Wesen
Panorama 3 Min. 05.08.2019

Alpen: Die Kuh, das wilde Wesen

Verhaltensregeln sollen Wanderer vor gefährlichen Angriffen der Vierbeiner schützen.

Alpen: Die Kuh, das wilde Wesen

Verhaltensregeln sollen Wanderer vor gefährlichen Angriffen der Vierbeiner schützen.
Foto: dpa
Panorama 3 Min. 05.08.2019

Alpen: Die Kuh, das wilde Wesen

Österreich hat Regeln für Wanderer aufgestellt, in Bayern warnen Schilder: „Keep distance!“ Die Kuh gilt inzwischen als Gefahr auf den Bergwiesen. Deshalb auch: keine Selfies mit dem Vieh.

(dpa) - So friedlich liegen sie da und käuen wieder. Doch der Schein trügt. „Danger!“, warnt ein Schild am Weidezaun nahe dem Blomberg bei Bad Tölz. „Keep distance!“ Überall in den bayerischen Alpen stehen diese Tafeln, die auf Englisch auch ausländische Wanderer erreichen sollen. Alm- und alpwirtschaftliche Vereine, Tourismusämter und Bauernverband reagieren so auf eine bisher offensichtlich unterschätzte Gefahr: Kühe. In Österreich endete das Zusammentreffen einer Hundebesitzerin mit den Wiederkäuern tödlich. Die 45-Jährige wurde 2014 im Stubaital von einer Herde totgetrampelt, die wohl ihre Kälber vor dem Hund schützen wollte. Nun herrscht Alarm auf den blumigen Almwiesen.

Vor allem das Urteil des Landgerichts Innsbruck im Februar zu dem Todesfall sorgt für Verunsicherung – unter Bauern: Das Gericht sprach den Hinterbliebenen rund 180 000 Euro Schadenersatz und eine monatliche Rente in vierstelliger Höhe zu. „Die Angst vor der Haftung ist gestiegen“, sagt Hans Stöckl, Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Auch in Deutschland habe nach dem Urteil eine Wanderin eine Klage erwogen, nachdem sie im vergangenen Sommer von einer jungen Kuh verletzt worden war.


ARCHIV - 17.04.2018, Stolzenhagen: Eine Milchkuh und ein Kalb stehen auf einer Weide. (zu dpa «Urteil nach tödlicher Kuh-Attacke - Konsequenzen für Tourismus?» vom 22.02.2019) Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Tödliche Kuh-Attacke: Landwirt muss Schadenersatz zahlen
Mit massiven finanziellen Folgen hat nun ein Bauer zu kämpfen, dessen Kuhherde eine Hundehalterin aus Rheinland-Pfalz zu Tode getrampelt hatte. Sollte das Urteil Bestand haben, ist das Wandern in den Alpen gefährdet – so sehen es zumindest die Landwirte.

Warnhinweise für Wanderer

In Österreich stehen im Sommer rund 270 000 Rinder auf Almen; in den bayerischen Alpen sind es 50 000. Vielfach kreuzen Wanderwege die Weiden. Der Almwirtschaftliche Verein Oberbayern riet Bauern unter anderem zu einer Betriebshaftpflichtversicherung – und zu Warnhinweisen. So hängen an den Kuhweiden die „Danger“-Schilder. Ob diese bei einem Unfall ausreichen, ist offen. Nach Auffassung des Innsbrucker Gerichts wären speziell an dem Unfallort Abzäunungen nötig gewesen.

Oft, so hört man, hätten Wanderer kein Gespür, wie sie sich zu verhalten haben. Viele hätten überhaupt keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft und oft auch nicht zur Bergwelt. Die Gefahr steigt noch, wenn Mutterkühe mit Kälbern auf den Almen sind, die sie schützen wollen. „Die Zahl der Muttertiere auf den Almen nimmt zu. Dadurch steigt auch die Spannung zwischen Wanderern und Tieren“, sagt Markus Drexler vom Bayerischen Bauernverband.

Auch der zunehmende Ansturm auf die Berge verschärft die Lage. Gerade der Tagestourismus habe zugenommen, sagt Stöckl. „Es macht die Masse aus. Damit steigt auch der Anteil derer, die rücksichtslos unterwegs sind.“ Hinzu kämen Mountainbiker und immer mehr E-Biker, die auch in abgelegene Winkel der Bergwelt vordringen. Die Radler beunruhigten die Kühe mehr als Wanderer.

„Aktionsplan für sichere Almen“

Österreich erließ ein paar Wochen nach dem Urteil zu dem tödlichen Kuhunfall einen „Aktionsplan für sichere Almen“. Wer sich nicht an den Verhaltenskodex halte, für den habe das im Schadensfall rechtliche Konsequenzen, sagte der damalige Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP). „Es geht um das gute Miteinander von Landwirtschaft und Tourismus auf Österreichs Almen.“ Ein mögliches Hundeverbot auf Almen war hingegen schnell vom Tisch.

Ein Schild auf dem Blomberg warnt vor dem Betreten einer Kuhweide. Auch in Bayern sind Almbauern verunsichert und suchen nach Wegen zu einem friedlichen Miteinander von Vieh und Tourist.
Ein Schild auf dem Blomberg warnt vor dem Betreten einer Kuhweide. Auch in Bayern sind Almbauern verunsichert und suchen nach Wegen zu einem friedlichen Miteinander von Vieh und Tourist.
Foto: Sabine Dobel/dpa

Wanderer einfach aussperren und den Durchgang verbieten ist zumindest in Bayern nicht möglich. „Wir haben im Freistaat ein freies Betretungsrecht. Die Sache ist deshalb nicht mit Verboten zu lösen“, sagt Markus Drexler. Wanderer müssten Sorgfalt walten lassen – und die Tierhalter müssten informieren. Der Bauernverband hat für Almen und Hütten ein Plakat aufgelegt: „Machen Sie keine hektischen Bewegungen. Tiere sind schreckhaft“, mahnt es. Und: „Machen Sie keine Selfies mit Weidetieren.“ Die Maßregeln entsprechen in etwa denen der Österreicher.

„Man kann damit die Anzahl von Konflikten reduzieren“, sagt Josef Klenner, Präsident des Deutschen Alpenvereins zum österreichischen Plan. „Da sind ein paar nützliche Ratschläge zusammengefasst.“ Die Verhaltensregeln seien allerdings keineswegs neu und erschlössen sich auch mit gesundem Menschenverstand. „Wenn ich auf die Alm gehe, dann muss ich nicht direkt neben die Kuh treten oder das Kalb streicheln oder den Hund frei laufen lassen – das sollte ich eigentlich wissen.“ 


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