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„Ärger hatte ich schon in der Schule viel“
Panorama 1 6 Min. 27.10.2021
Bill Murray im Interview

„Ärger hatte ich schon in der Schule viel“

Immer für einen Spaß gut: Schauspieler Bill Murray.
Bill Murray im Interview

„Ärger hatte ich schon in der Schule viel“

Immer für einen Spaß gut: Schauspieler Bill Murray.
Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Panorama 1 6 Min. 27.10.2021
Bill Murray im Interview

„Ärger hatte ich schon in der Schule viel“

Schauspieler Bill Murray über die Arbeit mit Wes Anderson, Spontanität und die Vorteile des Berühmt seins.

Interviewtermine mit Bill Murray sind Glückssache. Der Amerikaner, der seine Karriere als Komiker begann, mit Filmen wie „Ghostbusters“ oder „Groundhog Day“ zum Weltstar wurde und für „Lost in Translation“ eine Oscar-Nominierung erhielt, ist bekannt dafür, dass er sich ungern etwas vorschreiben lässt und sich herzlich wenig um Zeitpläne schert. Als wir anlässlich seines neuen Films „The French Dispatch“ zu einem virtuellen Video-Gespräch verabredet sind, hat der 71-Jährige tatsächlich fast zwei Stunden Verspätung, ist dann aber immerhin bestens gelaunt und gesprächig.

Interview: Patrick Heidmann

Bill Murray, von seinem Debütfilm abgesehen haben Sie seit 1998 in jedem einzelnen Film des Regisseurs Wes Anderson mitgespielt. So nun auch in „The French Dispatch“. War Ihnen gleich bei der ersten Begegnung klar, dass das eine Arbeitsbeziehung fürs Leben wird?

Puh, ehrlich gesagt erinnere ich mich gerade gar nicht mehr an unser erstes Treffen. Ich muss Wes nachher mal anrufen und fragen, der weiß das sicher noch ganz genau. Woran ich mich noch erinnere ist, dass ich ihn vor den Dreharbeiten gar nicht kennenlernen wollte. Das Skript zu seinem Film „Rushmore“ war so großartig, dass ich keinen Zweifel hatte, dass da jemand ganz genau wusste, was er will. Was dann auch genau so war. Noch hängen geblieben von damals ist auf jeden Fall der Eindruck, dass Wes damals wirklich verdammt jung war.

Noch keine 30!

Eben! Die Arbeit damals war eine der ersten Situationen in meinem Leben, in denen ich mich wirklich alt fühlte. Ich war Mitte oder Ende 40 und wirkte neben ihm, als müsste ich diesen Jungspund unter meine Fittiche nehmen. Was natürlich nicht nötig war, aber irgendwie habe ich es trotzdem getan. Und tue es bis heute. Schließlich sind wir Freunde!

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Die meisten Ihrer Filme der vergangenen Jahre entstanden mit alten Bekannten, von Anderson über Jim Jarmusch bis Sofia Coppola. Ist es für Sie mittlerweile besonders wichtig, vor allem mit Menschen zusammenzuarbeiten, die Sie gut kennen und gerne mögen?

Wissen Sie, vor Kurzem habe ich einen Marvel-Film gedreht. Darf ich Ihnen vermutlich gar nicht erzählen, aber egal. Jedenfalls waren einige Leute ziemlich verwundert, warum ich mich ausgerechnet für ein solches Projekt entschieden habe. Aber für mich war die Sache ganz eindeutig: Ich habe den Regisseur kennengelernt – und mochte ihn wirklich sehr. Er war witzig, bescheiden, alles was man von einem Regisseur will. Und mit der Cheerleader-Geschichte „Bring It On – Girls United“ hat er vor Jahren auch schon einen Film gemacht, den ich verdammt gut finde. Also habe ich zugesagt, obwohl diese riesigen Comicverfilmungen sonst nichts sind, was mich als Schauspieler interessiert.

Zum Glück sind die meisten guten Künstler auch gute Menschen.

Und haben Sie die Entscheidung bereut?

Sagen wir es mal so: der Regisseur ist ein guter Typ, und jetzt habe ich zumindest mal ausprobiert, wie es ist, wenn man einen Marvel-Film dreht. Aber ich denke nicht, dass ich diese Erfahrung noch ein zweites Mal brauche. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: ich habe meistens ein ganz gutes Händchen gehabt, wenn es darum ging, den Fieslingen dieser Branche aus dem Weg zu gehen. Zum Glück sind die meisten guten Künstler auch gute Menschen. Zumindest erlebe ich das so bei meinen Freunden.

Stichwort Künstler: verwenden Sie den Ausdruck auch, um sich selbst zu beschreiben? Oder bleiben Sie lieber bei „Imitator“, wie Sie sich vor Jahren mal nannten?

Haha, das trifft die Sache eigentlich in der Tat besser. Ich kann mich ja wirklich glücklich schätzen, es im Leben so weit gebracht und so viele großartige Möglichkeiten bekommen zu haben. Aber ich würde mal sagen: Man kann hin und wieder an künstlerischen Arbeiten beteiligt sein und womöglich sogar Eingang in die Kunstgeschichte gefunden haben, ohne trotzdem selbst Künstler zu sein. Vorhin meinte zwar ein Kollege von Ihnen, ich würde mich seit der Zusammenarbeit mit Wes in der Blauen Periode meiner Karriere befinden, was ich wirklich herrlich komisch fand. Aber trotzdem sehe ich mich selbst nicht als Künstler.

Es hat manchmal schon ein paar nette Vorteile, wenn die Leute wissen, wer man ist.

Aber warum nicht?

Für mich sind echte Künstler die, bei denen Leben und Kunst miteinander verschmelzen. Die ihre Kunst von morgens bis abends und mit Haut und Haar leben. Sie lassen konstant ihr Leben in ihr Werk einfließen. Da geht es mehr um Input als um Output. Das ist in meinem Beruf anders, würde ich sagen.

Sie sind bekannt dafür, sehr spontan zu sein und eigentlich nur zu machen, worauf Sie Lust haben. Ich erinnere mich noch an einen Interviewtermin in Toronto, wo Sie die Presse und das PR-Team erst einmal ein paar Stunden warten ließen und lieber Ihre Kolleginnen Melissa McCarthy und Naomi Watts zum Mittagessen entführten …

Stimmt, ich erinnere mich. Das war tatsächlich ganz spontan und intuitiv. Wir waren ja eigentlich schon vor Ort, aber die Stimmung an diesem Pressetag war irgendwie komisch, wir fühlten uns alle nicht wohl. Also habe ich aus dem Bauch heraus entschieden, dass wir da mal für einen Moment raus und ein wenig Spaß haben müssen. War auch wirklich die richtige Entscheidung: Wir sind zu einer Freundin gefahren, die köstlich für uns gekocht hat, und danach waren wir zwar viel zu spät, aber die Stimmung endlich bestens.

Dass Sie in solchen Momenten auch viele Leute verärgern, stört Sie nicht?

Ach, wissen Sie, Ärger hatte ich auch schon in der Schule viel. Ganz im Ernst. Es gibt immer wieder Leute, die zu mir sagen, ich würde mich wie ein Arschloch benehmen und mir das nur erlauben, weil ich reich und berühmt sei. Aber ich kann jedem versichern, dass ich auch schon lange vor Ruhm und Reichtum ein Arschloch sein konnte. Abgesehen davon füge ich mit so etwas ja niemandem Schaden zu. Ich habe nur keine Lust auf ein gleichgeschaltetes Leben oder darauf, mir meine Spontanität nehmen zu lassen.

Diese Spontanität hat auch zur Folge, dass Sie immer wieder auf ungewöhnliche Weise mit Fans interagieren: Auf fremder Leute Hochzeiten auftauchen, mit Taxifahrern musizieren … andere Stars versuchen eher, öffentlich unerkannt zu bleiben ...

Mir geht es auch nicht darum erkannt zu werden. Solche Sachen, wie Sie sie ansprechen, mache ich, weil ich im Moment lebe und mich treiben lasse. Aber weil ich in ein paar erfolgreichen Filmen mitgespielt habe, erkennen mich Leute eben, wenn ich ihre Party crashe. Was in dem Moment dann auch gar nicht schlecht ist, denn dann lassen sie mich mitfeiern statt mich rauszuschmeißen.


ARCHIV - 31.08.2003, Italien, Venedig: US-Schauspieler Bill Murray bei der Vorstellung seines Films "Lost in Translation" bei den 60. Filmfestspielen. Murray, der am 21.09.2020 seinen 70. Geburtstag feiert, macht seinem Ruf als Hollywood-Witzbold und Sonderling alle Ehre. (zu dpa "Mit 70 auf Geisterjagd - Bill Murray ist nicht zu bremsen") Foto: Claudio Onorati Ansa/epa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Also sind Sie doch ganz gerne berühmt?

Na ja, so würde ich das nicht sagen. Wenn mir jemand auf der Straße zuruft, dass er einen Film von mir liebt, dann freut mich das. Und wenn es womöglich ein eher obskurer Film ist, dann gleich noch viel mehr. Aber es gibt auch Fan-Begegnungen, die mir unbehaglich sind. Wenn sich vor einem Hotelausgang Autogrammjäger drängen, wird mir eher mulmig. So einer hat schließlich John Lennon umgebracht. Also, nicht dass ich wirklich Angst hätte, aber das, worum es diesen Leuten bei meiner Person geht, befremdet mich eher. Beschweren will ich mich trotzdem nicht. Es hat manchmal schon ein paar nette Vorteile, wenn die Leute wissen, wer man ist.

Welche sind denn die besten?

Manchmal bleibt einem ein Strafzettel erspart. Oder es gibt im Restaurant noch etwas zu essen, obwohl offiziell die Küche schon zu hat. Und das Beste ist, wenn man im Krankenhaus ein wenig schneller dran kommt. Ist natürlich nicht gerecht, aber wenn man mit einem schreienden Kind in der Notaufnahme sitzt, freut man sich auf jeden Fall darüber.

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