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Chrëschtdag mam Emil


Weihnachten,

Als Emil das Haus verlässt bläst ihm ein eisiger Wind ins Gesicht, der Himmel ist grau verhangen und einzelne Schneeflocken tanzen vom Himmel herab. Emil zieht die Mütze tiefer in die Stirn und bindet seinen Schal fester um den Hals. In der Hand trägt er einen Korb mit Butter, Eiern, Schokolade und Kokosraspeln. Die will er seiner Oma vorbeibringen und dann wollen beide Weihnachtsplätzen backen. Er liebt es wenn er bei Oma den Teig kneten darf, die Plätzchen ausstechen und wenn die dann im Ofen backen dann duftet es immer so richtig heimelig, die Oma erzählt von der Weihnachtsgeschichte, wie Maria und Joseph keine Herberge mehr finden konnten und Maria das Jesuskind in eine Krippe legen musste, von den Engeln und den Hirten. Emil liebt diese Geschichten aber noch mehr liebt er wenn die Oma anfängt Weihnachtslieder zu singen.

Emil ist komplett in Gedanken versunken, fast wäre er mit Anna zusammengestoßen. „Hallo Anna, wie geht es dir? Ich bin auf dem Weg zu Oma Plätzen backen. Hmmm das duftet immer so toll und die schmecken einfach herrlich. Habt ihr auch schon Plätzchen gebacken? Und.......“ „Emil bei uns wird nicht Weihnachten gefeiert, wir sind Muslime und theoretisch dürfen wir keine Weihnachten feiern aber mein Papa sagt dass wir dennoch feiern werden, halt eben ein bisschen anders, er wollte einen Weihnachtsbaum besorgen und den hätten wir dann geschmückt aber jetzt muss Papa arbeiten und meine Tante auch. Aber wir feiern bald das Opferfest und dann beschenken wir uns.“

„Hmm“ Emil ist ein bisschen verdutzt „aber dann bist du doch ganz alleine zu Hause wenn alle arbeiten“. „Das ist nicht schlimm Emil, ich bin sehr oft alleine, Papa ist so froh dass er Arbeit hat und meine Tante arbeitet im Spital da muss sie auch oft abends arbeiten“. „Und deine Mama? ist die denn nicht da? „Nein leider meine Mama ist tot, wir kommen aus Syrien und mussten unsere Heimat verlassen weil Krieg ist und alles kaputt geschossen wird“, Annas Stimme wird ganz dünn und leise als sie weiter spricht „meine Oma wurde von einem Granatsplitter getroffen und ist dann verblutet weil keiner sie ins Spital bringen konnte und dann, ja dann haben wir uns auf den Weg gemacht in ein besseres Land. Aber auf der langen Reise ist meine Mama gestorben, sie war schwanger als wir weggingen und unterwegs bekam sie Wehen, wir fanden aber keine Unterkunft und keinen Arzt sodass meine Mama in einer Scheune entbinden musste. Mein Bruder war noch sehr klein und so überlebte er nur wenige Stunden und auch Mama wurde nie wieder richtig gesund. Mein Papa versuchte alles Mögliche aber als wir Mama dann in ein Spital brachten war es leider schon zu spät.“ Eine Träne löste sich aus Annas dunklen Augen und lief ganz langsam über ihre roten, kalten Wangen.

Emil musste schlucken, so etwas Schlimmes hatte er noch nie gehört „Ach Anna das ist ja viel schlimmer als bei der Mutter Gottes und dem Jesuskind“.

„Ja Emil so wie uns ergeht es sehr vielen Menschen, viele fliehen vor dem Krieg in der Hoffnung dass dann alles besser wird, aber es wird nicht besser, hier ist kein Krieg aber meine Mama ist nicht mehr da und wir sind nicht zu Hause“. So als hätte Anna schon viel zu viel erzählt dreht sie sich stumm um und geht weg.

Emil geht weiter zur Oma, er setzt einen Fuß vor den anderen, er spürt weder die Kälte noch den Wind. Das Schicksal dieses kleinen Mädchens geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Soeben bestand seine Welt nur aus Mama, Papa und seinem Bruder, Oma und Opa und vielleicht einigen Freunden. Er kennt die Anna aus der Schule, sie ist eine Klasse unter ihm, sie ist nett aber sie hatte noch nie über ihre Vergangenheit gesprochen. Aber jetzt plötzlich werden die Grenzen seiner Welt weiter und die Welt ist nicht mehr bunt sondern wird dunkler und dunkler.

„So Emil, jetzt will ich aber ganz gerne wissen was dich beschäftigt, du bist ja gar nicht bei der Sache, du hast jetzt schon zum 2. Mal Zucker über die Plätzchen gestreut und genascht hast du auch noch nicht“ Omas Stimme klingt besorgt. Emil duckst herum, irgendwie hat er das Gefühl als würde er ein Geheimnis verraten wenn er der Oma das von Anna erzählt, doch dann bricht es doch aus ihm heraus, er schluchzt und stockend berichtet er was Anna ihm erzählt hatte.

Oma nimmt ihn bei der Hand und beide setzen sich ins Wohnzimmer, diesmal ist es egal ob die Hosen noch voll Mehl sind oder noch Reste vom Teig an den Fingern kleben. Oma nimmt Emil in den Arm und erzählt ihm: „Mein Schatz, seit Jahrtausenden gibt es immer wieder Krieg, Not, Katastrophen und viel Böses auf unserer Welt, es gibt Verfolgung und immer trifft es die Unschuldigen, die Kinder aber es ist sehr schwer eine Antwort darauf zu finden. Wichtig ist dass wir alle zusammenhalten und uns immer für das Gute einsetzen, willst Du das auch versuchen?“ Emil nickt. „Weißt Du Emil, Weihnachten ist das Fest der Hoffnung, der Liebe, der Zuversicht, der Toleranz und wenn wir alle ganz doll daran glauben dann haben auch Kinder wie Anna eine Zukunft.



Heute ist Heiligabend und Emil feiert mit seinen Eltern, seinem Bruder, seiner Oma aber auch mit Anna und dessen Vater sowie der alten Frau Muller von nebenan zusammen. Sie sitzen beieinander und essen und erzählen sich gegenseitig Geschichten aus ihrem Leben. Es ist ein trostspendendes Weihnachtsfest, vielleicht weniger fröhlich als die Jahre vorher aber es ist und das schönste Weihnachtsfest das Emil bis jetzt erlebte und er versteht auf einmal den Sinn von Weihnachten und dass Engel nicht nur himmlische Wesen sind sondern dass jeder den Engel eines anderen sein kann.