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Schifflingen erinnert sich an den Streik von 1942 - Stillstand um 18.02 Uhr

71 Jahre sind seit dem Generalstreik von 1942, durch den Luxemburg den Nazis die Stirn bot, vergangen.

Die Opfer sind aber längst nicht vergessen. Im Rahmen einer Gedenkfeier auf dem Friedensplatz erinnerte sich Schifflingen am Samstagabend an den dunklen Tag in der Geschichte Luxemburgs.

Der Generalstreik war eine Reaktion auf die am Vorabend proklamierte Wehrpflicht für die jungen Luxemburger der Jahrgänge 1920 bis 1924 im Rahmen einer Kundgebung in Luxemburg-Limpertsberg durch Gauleiter Gustav Simon. Im Zuge dieser Bekanntmachung brach am 31. August 1942 in Wiltz ein Streik aus, der sich schnell im gesamten Land verbreitete. Im Laufe des Tages erreichte die Nachricht auch das Schifflinger Hüttenwerk, wo unter der Leitung von Eugène Biren ein Streikkomitee gebildet wurde. Man einigte sich auf den deutschstämmigen Hans Adam, der um 18 Uhr die Werkssirene aufheulen lassen sollte, um somit den Beginn des Streiks anzukündigen.

Hans Adam befestigte einen etwa drei Kilo schweren Haken an der Dampfdrucksirene. Um 18.02 Uhr heulte sie auf. Kurze Zeit später stand das Schifflinger Werk still.

Die Reaktion der deutschen Besatzer ließ nicht lange auf sich warten. Am 5. September wurden Eugène Biren und J.P. Wieshoff, die seit dem 1. September wieder regelmäßig gearbeitet hatten, von der Gestapo verhaftet und schwer misshandelt. Am 6. September wurde auch der Direktor der Arbed Schifflingen, Mathias Koener, abgeführt. Um 21 Uhr des folgenden Tages wurden die Festgenommenen zur Vernehmung aus ihren Zellen geholt. Das Verhör wurde um 1.30 Uhr abgebrochen. Am 8. September wurde es um 20 Uhr wieder aufgenommen.

Auf Antrag von Dr. Leonhard Drach, Vertreter der deutschen Staatsanwaltschaft und Ankläger beim Standgericht, wurde Eugène Biren wegen „Gefährdung des deutschen Aufbauwerkes durch Arbeitsniederlegung und Aufwiegelung zum Streik“ zum Tode verurteilt. Mathias Koener wurde zur Überstellung an die Gestapo verurteilt, dies wegen „Gefährdung des deutschen Aufbauwerkes durch grobfahrlässige Vernachlässigung seiner Pflichten als Betriebschef.“

Eugène Biren wurde am 9. September 1942 in der Nähe des SS-Sonderlagers Hinzert hingerichtet. Mathias Koener kam am 25. September nach Hinzert. Marie Biren wurde am 27. September mit ihrem acht Monate alten Sohn Alex nach Deutschland umgesiedelt. Erst am 8. Mai 1945 kamen sie wieder nach Luxemburg zurück.

Hans Adam hatte sich nach dem Auslösen der Sirene durch das Kanalsystem in Sicherheit gebracht. Zunächst blieben die Nachforschungen der Gestapo nach ihm ergebnislos. Zwar war Hans Adam am Abend des 31. August wegen Arbeitsverweigerung festgenommen worden. Am 1. September wurde er aber gegen 18 Uhr wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 9. September wurde Hans Adam dann an seinem Arbeitsplatz wieder von der Gestapo verhaftet.

Am 10. September wurde er in der Mittagsstunde in das Gefängnis im Grund eingeliefert. Vor das Sondergericht kam Hans Adam am Nachmittag unter der Anschuldigung „staatsfeindlicher Betätigung“ und wurde zum Tode verurteilt. Am 11. September wurde er im Gefängnis Köln-Klingelpütz durch das Fallbeil hingerichtet. Seine Ehefrau Catherine Adam-Breyer wurde mit ihren beiden Kindern nach Schlesien verschleppt. Sie kehrte erst am 21. Juli 1945 zurück nach Esch/Alzette.

Wie vor 71 Jahren

An der diesjährigen Gedenkfeier nahm der amerikanische Botschafter Robert A. Mandell teil. Anwesend waren auch Bürgermeister Roland Schreiner, Schöffe Paul Weimerskirch, mehrere Abgeordnete, Vertreter der Widerstandsbewegungen, der Zwangsrekrutierten und der lokalen Vereinswelt. Genau wie vor 71 Jahren ertönte um 18 Uhr die Sirene. Darunter mischte sich das Läuten der Glocken der Pfarrkirche. Blumen wurden niedergelegt von der Gemeindeverwaltung, dem „Syndicat d’initiative“, der LPPD, den Zwangsrekrutierten und dem OGBL.

VON RAYMOND SCHMIT