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Skandal in Luxemburg: Die Erneuerungswut der Häuser. Credo: Das Alte muß weg!

Nach dem Krieg 1945 sollten in Luxmburg die alten Häuser einer Erneuerungswut zum Opfer werden. So nach dem Motto: Weg mit dem alten Kram. In den Dörfern waren ganze Häuserreihen zerstört. Und Emissäre der Regierung zogen durch die Dörfer, um die Hausbesitzer zu überzeugen, dass man die Häuser nicht mehr an Ort und Stelle errichten dürfe. In jedem Fall sollten sie zurückversetzt werden, um die Dorfstrassen breiter zu machen. Gottseidank setzten sich die Dorfleute gegen die Erneuerungswut durch. Denn sonst hätten wir in Dörfern wie Hosingen und Heinerscheid keine Dortstrassen mehr, sondern nur noch Rennpisten.


Doch mit den Jahren geschahen in fast allen Ortschaften des Landes Todsünden bei der Restauration der Häuser. Alles was aus Holz war, wie Haustür, Fenster. Klappläden musste weg, wenn eine junge Frau einheiratete. Fusssteine weg. Sie wurden durch bunte Klinker ersetzt, die sehr gut in ein Badezimmer passen, aber nicht am Fuss eines Hauses. Die italienischen Baumeister wussten es nicht besser. Und die "dummen" Luxemburger liessen sie gewährten.


Das einzige Positive war, dass die Häuser im Innenraum wohnlicher wurden. Doch wo blieb die Hascht, in der einst der gute Ardennerschinken heranreifen konnte? Und aus den Kaminen kam so viel Russ, dass die Wäsche nicht mehr sicher im Freien trocknen konnte.


Ganze Baumalleen wurden umgehauen, denn sie störten in den Strassen, die für das neue große Auto aus den USA nicht breit genug waren. Und dann auch die vielen Blätter vonn den Bäumen, die die Strassen schmutzig und glitschig machen!


Und so war es nicht selten, dass man in einer Zeitung las: Unsere Dörfer werden dank des Wiederaufbaus schöner denn je. So rückt das einst bescheidene Dorf näher an die Stadt und bietet dementsprechend der Bevölkerung endlich modernes Komfort.


Es gab aber auch Stimmen in der Presse, die sich gegen diese Zerstörungswut heftig wehrten. Sehr oft mit Erfolg. So prangerte ich im tageblatt an, dass auf der Place de Paris auf Luxemburg-Bahnhof ein Herrschaftshaus einfach dem Boden gleich gemacht werden sollte. Architektonisch eine Perle aus der Belle Époque. Der Bankdirektor hatte Verständnis. Das Haus wurde bestens restauriert und ist jetzt seit 50 Jahren ein Augenweide insbesondere für die Einwohner des Bahnhofsviertels wie auch für die vielen Besucher.


Nach 1972 begann man im Kreuzgründchen eine ganze Baumallee umzulegen. Alle Bäume bei bester Gesundheit. Dank meines Artikels im tageblatt kam es zum Stopp des unsinnigen Vorhabens.


Mehrere Jahre später sollte in der Goethestrasse im Bahnhofsviertel die Villa ClIivio aus der Belle Époque umgelegt werden. Die Maschinen standen bereit. Jede Minute hätte der Bulldozer beginnen könnnen. Da intervenierte der bekannte Schriftsteller Roger Mandercheid in letzter Minute bei dem Generaldirektor der Staatssparkasse (der das Haus gehörte). Der Direktor entschied stante pede, dass die Vila stehen bleibe und fachgerecht restauriert werden müsse. Sie ist heute schöner denn je und erfreut so auch viele Menschen von weit und breit.


Mit Kulturminister Robert Krieps, nach 1974, kam endlich die Zeit, wo man begann die Bevölkerung über den kulturellen Reichtum ihrer alten Häuser aufzuklären. So zogen verschiedene Mitarbeiter des Ministers von Dorf zu Dorf, um der Bevölkerung zu zeigen, dies an Hand von guten Beispielen, wie man die alten Häuser, auch die, welche schampliert waren, wieder fachgerecht zu restaurieren. Den Dortbewohnern gingen die Augen so richtig auf und die wurden sich des kulturellen Reichtums ihrer Häuser bewusst. Gute Anreize dafür waren die vom Minister geschaffenen Subventionen, die später durch die Nachfolger von Minister Robert Krieps kräftig ausgenbaut wurden.


Die verschmutzte, ja sehr verkommene Unterstadt Grund sollte als Erholungsraum im Grünen eine Verlängerung des Petrusstals werden. Die diesbezüglichen Pläne existierten bereits, und wurden vom Pfarrer im Grund und dessen Assisten befürwortet. Die so herrlichen Häuser auf der linken Seite des Bisserwees wurden als unbewohnbar erklärt und mit staatlichen Subventionen durch die Stadt Luxemburg dem Boden gleichgemacht. Ebenso die alte Hasteschmühle im gleichen Bisserwee.


Erst als sich die Privatgesellschaft "Vieux Luxembourg" etablierte, alte Häuser aufkaufte und fachgerecht restaurieren liess, kam die Wende. Heute ist die Unterstadt Grund schöner denn je und gehört mit der Altstadt (Oberstadt) zum Weltkulturerbe.


Wer hätte das einst gedacht?


Heute wissen wir: Einzelne Personen, die ihren Mut in ihre vier Hände nehmen, können in der Wahrung unseres Kulturerbes Berge versetzen.


In unseren Ortschaften stehen keine Paläste, doch die Häuser sind in der Regel mit der Zeit sehr schön geworden. Anstatt ein Haus zu zerstören, ist es weit besser, das Haus fachgerecht zu restaurieren.


Doch aufgepasst: Die alte Mentalität - das Alte muß weg - gibt es immer noch bei gewissen Leuten, die sich nicht bewusst sind, dass Häuser aus früheren Epochen eine Seele haben, die man hie und da bei Neubauten vergeblich sucht.


Unsere Dörfer wurden nicht zu Museen, in denen alte Leute in Trachten leben.

Im Gegenteil. Immer mehr Leben finden wir in unseren Ortschaften. Ja, es lohnt sich auf dem Dorf zu leben oder in der Altstadt. Und man geht nicht mehr dorthin am Abend, nur um zu schlafen. Vielmehr nimmt man am Dorfleben teil.


Dennoch ist es nicht so, als würde überall die alte Baustruktur respektiert. Doch die Bürger wehren sich gegen derartiges Vorhaben. Und bekommen sehr oft Genugtuung. Wieso Gemeindeverantwortliche sich zu dem Abriss eines alten Gebäudes verleiten lassen, kann man sich schon fragen? Immerhin, da gibt es in unserem Land Menschen, die nur darauf aus sind, möglichst viele neue Wohnfläche zu schaffen und sich so die Taschen voll mit Geld zu stopfen.


Wir müssen also weiter wachsam bleiben!


Darum soll der Pfingstdienstag ein gesetzlicher Feiertag werden, an dem wir uns des Wertes unseres Kulturerbes noch bewusster werden!


Diese Petition trägt die Nummer 1026.