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Stadt Ettelbrück verlegte die landesweit erste „Stolperschwelle“ zu Ehren der Shoah-Opfer

Wer dieses Mahnmal betrachten will, seine Inschrift lesen möchte, der muss sich zugleich verbeugen vor den Opfern: In einer bewegenden Zeremonie wurde gestern in der Ettelbrücker Fußgängerzone die landesweit erste „Stolperschwelle“ in Erinnerung an die lokalen Opfer des Holocaust verlegt. Die Gedenkplakette zu Ehren der getöteten Juden der Stadt ist das Resultat eines fruchtbaren Gemeinschaftsprojekts zwischen zwei Schulklassen der „Ecole privée Sainte-Anne“ und des Max-Planck-Gymnasiums aus Trier.

Mit Textlesungen zur Geschichte der Judenverfolgung und -vernichtung während der NS-Zeit und dem Vortragen berührender Gedichte standen die Schüler beider Lyzeen denn auch selbst im Mittelpunkt der gestrigen Einweihungszeremonie, der zahlreiche Ehrengäste und Bürger beiwohnten. Und auch sie waren es, die im Anschluss Schieferplatten mit den Familiennamen der jüdischen Opfer aus Ettelbrück und sechs weiße Rosen in Erinnerung an die insgesamt sechs Millionen Opfer der Shoah an der „Stolperschwelle“ niederlegten, die der deutsche Künstler Gunter Demnig zuvor innerhalb kürzester Zeit in den Boden eingelassen hatte.


„Erst das Einzelschicksal macht den Schrecken spürbar“

Seit 1997 hat Gunter Demnig zwischen Norwegen und Italien, zwischen Belgien und der Ukraine bereits mehr als 32 000 sogenannter „Stolpersteine“ verlegt, Messingtafeln, die vor den einstigen Wohnhäusern der Opfer an all jene erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Aus Ettelbrück wurden während der Besatzungszeit insgesamt 127 Juden deportiert, 105 davon kamen dabei, zumeist in Konzentrationslagern, ums Leben. Ermordet wurden zudem elf jüdische Patienten der Ettelbrücker Nervenheilanstalt. Nur elf überlebten die Deportation. An sie alle erinnert nun also in kollektiver Form die „Stolperschwelle“ an der Place centrale in der Fußgängerzone.

„Wenn Schüler in den Geschichtsbüchern die Zahl von sechs Millionen jüdischen Holocaust-Opfern lesen, so kann dies eigentlich nur eine abstrakte Größe bleiben. Erst im Befassen mit den Einzelschicksalen, wird der wahre Schrecken, die tatsächliche Angst direkt und handfest spürbar“, so Gunter Demnig: „Dank der ,Stolpersteine‘ können jene Menschen, die einst von hier flüchten mussten oder deportiert wurden, in gewisser Weise zurückkehren.“

Bürgermeister Jean-Paul Schaaf sprach gestern von einem außergewöhnlichen Moment für seine Stadt, wie für das ganze Land. Die „Ecole privée Sainte-Anne“, die Schülerinnen der 10e PS unter der Leitung ihres Geschichtslehrers André Ney sowie ihre Kollegen vom Trierer Max-Planck-Gymnasium könne man zu dieser lobenswerten Initiative nur beglückwünschen.

Die „Stolpersteine“ und „Stolperschwellen“ von Gunter Demnig seien ein starkes Erinnerungszeichen und ein Appell an die jüngeren Generationen sich zu besinnen, dass unsere Heimat auch von jüdischen Mitbürgern errichtet, gewahrt, ausgebaut und umsorgt wurde. „Sie waren Teil unserer Gesellschaft und sind vielfach, so wie auch im Falle Ettelbrücks, bis in die Vergessenheit zurückgedrängt worden. Wir sind ihnen Respekt und Aufmerksamkeit schuldig – ihnen, die unschuldige Opfer gewesen sind“, so Schaaf, der anschließend näher auf das Wirken und den Beitrag jüdischer Familien im öffentlichen Leben Ettelbrücks zurückblickte.

Zugleich mahnte der Bürgermeister, auch heutzutage wachsam zu bleiben: „Der Mensch ist nicht von Natur aus menschlich. Es bedarf einer gewissen Anstrengung und humanem Vorsatz, eines steten Bemühens, immer zu versuchen, gut und menschlich zu sein“. Neben der Betrübtheit angesichts der Opfer, solle die neue „Stolperschwelle“ daher auch die Zuversicht vermitteln, „dass wir alle diesen humanen Auftrag in uns spüren.“


Der humane Auftrag in uns allen ...

Im Anschluss an ein Gebet von Julien Joseph vom „Consistoire israélite“ dankte im Namen der jüdischen Gemeinschaft des Landes auch der Vorsitzende des Konsistoriums, François Moyse, den Initiatoren des „Stolperschwelle“-Projekts, das hoffentlich weitere Nachahmungen hierzulande erfahren möge. Es sei unsere fundamentale Pflicht, als Gesellschaft an das Schicksal der Juden zu erinnern, um aufzuzeigen, wie schwach die Demokratie angesichts des Totalitarismus sein kann, wie unerlässlich ein stetes Auftreten gegen Hass und Ausgrenzung ist und wie rasch Menschen als nicht lebenswert abgestempelt werden könnten.

Als Zeuge zweiter Generation mahnte der EU-Abgeordnete Charel Goerens zudem, die Juden bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte nicht allein zu lassen und das Gedenken aufrecht zu erhalten. Angesichts der Absurdität dieses Völkermords sei es schwer Gründe hierfür zu benennen, so Goerens. Gewusst sei aber, dass die Weichen, die zur Shoah geführt hätten, bis heute nicht ganz verschwunden seien.



Text & Fotos: John Lamberty