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Aus dem Leben eines "Käfers"


1971 hatte die Polizei mich, den Käfer vom Typ 11 1302 , mit 1276 Kubikzentimeter, 44 PS – heute 34 kW - und 115 Kilometer pro Stunde schnell , für gut befunden und ich sollte für einige Jahre (bis 1982) in den Polizeidienst treten. Im Transportministerium wurde mir offiziell die amtliche Erkennungstafel A 2051 zugeteilt – ab der Zeit fühlte ich mich fast als Staatskarosse. Ich war von knallroter Farbe - wie es damals so schön in Amtsdeutsch hiess und wurde in Luxemburg-Stadt der Kriminalabteilung zugeteilt. Welch ein Karrieresprung – vom einfachen Strassenkäfer aus Wolfsburg zum Sonderermittler bei der Kripo Luxemburg. Mein Chef war damals der Leiter der Jugendschutzabteilung Kommissar Faack, besser bekannt in Polizeikreisen als „Faacke Jemp“, ein ziemlich rauher Kerl aber unser Verhältnis war ausgezeichnet. Manchmal konnte er aus voller Herzenslust aufbrausen, was mich, den roten Käfer, allerding nur zu einem heimlichen Schmunzeln brachte.

Ich war damals schon mit einer automatischen Gangschaltung versehen. Leider hatte der Schalthebel einen kleinen Nachteil und zwar, wenn der Fahrer während der Fahrt ungewollt mit dem rechten Knie gegen den Hebel drückte, wurde der Gang ausgeschaltet. Und das gewöhnlich zum Nachteil meines damaligen Chefs, Faake Jemp.

Wenn wir beide auf Untersuchung fuhren, übernahm « Jemp » normalerweise das Lenkrad, wahrscheinlich hatte er damals kein Vertrauen die Fahrkünste des zweiten Mannes, Roger Menghi, und das musste natürlich bestraft werden.

Damals befand sich unsere Dienststelle in der damaligen Arsenal-Avenue, die heutige Avenue Emile Reuter. Unsere Dienstwagen standen im Hof hinter dem Gebäude. Die schmale Einfahrt repektive Ausfahrt mündete in den Boulvard Royal, und genau hier machte Menghi, der ausnahmsweise mein Steuer übernehmen durfte, genau das was man natürlicherweise bei seinem Chef nicht machen sollte. Beim Abbiegen auf den den Boulevard drückte er mit dem rechten Knie gegen den Schalthebel, was zur Folge hatte, dass ich nicht vom Fleck kam und mein Motor aufheulte wie ein Formel 1 Bolide. Jemp heulte dann genau so laut auf wie mein Motor auf und schrie : « Mä milnondichöffen namol « Hâl op mat dengem Blödsinn ! Galt der Aufschrei mir oder war er für Rosch gedacht – ich kann mich heute nicht mehr erinnen.

Ein anderes Mal mussten wir drei dienstlich in einer Jugendschutzaffäre nach Paris. In Paris hatte Rosch dann ausnahmsweise wiederum das Glück, mich zu fahren. In einer Kreuzung stand ein Polizeibeamte und regelte den Verkehr. Ich weiss noch heute nicht, wie das geschehen konnte, aber plötzlich sass der französische Kollege auf meinem vorderen Kofferraumdeckel. Und Jemp natürlich in seiner erregten Ausdrucksweise, « mä milnondichöffen namol, wat mechs du dann do ? » Ich war nicht schuld – ich folgte nur der Spur die Rosch eingeschlagen hatte.

Zur Erklärung: Ich bin eine Erfindung von Ferdinand Porsche. Er hatte die Idee, einen billigen, einfachen Wagen zu bauen, der auch für den normalen Bürger erschwinglich war. Also billig und einfach – eine Idealbesetzung, die auch noch heute in der Polizei gilt. Ende der 30er Jahre hatten die normalen Autos für normale Menschen einen ziemlich großen Vorbau mit viel Platz für den großen Motor, eine Fahrgastzelle und dans einen relativ kleinen Kofferraum. Ferdinand wollte ein kompaktes Auto für vier Personen, in dem auch noch Platz für Gepäck war – ergo, der Motor musste nach hinten. Die Heckmotorbauweise gewährleistetegernatierte eine gute Traktion, das Gewicht des Heckmotors lag auf der hinteren Achse, denn dadurch wurde dieser Antrieb gewährleistet. Bei mir bildeten also der Motor, das Getriebe und meine verschiedensten Fahrer eine kompakte Einheit.

Der französische Kollege, der Gottseidank keinerlei Verletzungen erlitten hatte, kam auf mich zu und fragte, nachdem Rosch das Seitenfenster heruntergekubelt hatte, (damals hatte ich noch keine elektrischen Fensteröffner und ich habe heute auch noch keine) ob wir in Luxemburg immer so fahren würden. Rosch verneinte natürlich und entschuldigte sich für meine Fahrweise – die kleinen „Beamten“ zu denen ich mich ja auch zählen durfte, waren früher und sind es heute noch, für alles verantwortlich. Meine zwei Insassen in Zivilkeidung haben sich dann als Polizeibeamte zu erkennen gegeben. Polizisten fahren nur ja nicht in Uniform nach Paris – man will ja schließlich nicht auffallen – nur ich alleine fuhr getarnt als roter Käfer zwischen dunkelfarbigen Peugeots und Renaults auf die „Champs Elysées“ ein. Der französische Kollege hat gelacht und uns dreien eine gute Weiterfahrt gewünscht.


Das war vor ungefähr 40 Jahren und das sind einige amüsante Erinnerungen, die man nicht so leicht vergisst und im Polizeileben hie und da vorkommen sollen.

Wir, Rosch und ich schliessen in unsere Gedanken Kommissar Faack mit ein, wir wollen uns an dieser Stelle meinem neuen Besitzer Camille einen großen Dank aussprechen für seine ausserordentlichen Bemühungen und Arbeit, die er geleistet hat, um mich, den roten Käfer, den einst bis fast zur Unkenntlichkeit verrosteten Blechhaufen, wieder auf die Räder gebracht hat.

Im Novemer 2015 begannen die Restaurationsarbeiten und wurden jetzt nach 20 Monaten und vielen Arbeitsstunden abgeschlossen. Nach einigen „Testfahrten“ brachte mit mein neuer Besitzer Camille am 21. Juni 2017 in die „ärztliche“ Kontrolle nach Wilwerwiltz, wo mir dann auch sofort meine neue „alte“ Immatrikulationsnummer zugeteilt wurde: A 2051 (L). Nach 35 Jahren durfte ich wieder auf die öffentliche Straße zurück. Für das Museum der Grossherzoglichen Polizei darf ich jetzt wieder Streife fahren. ( Text: Gilbert Linster – Fotos Camille Diener)

Quellen: Camille Diener & Roger Menghi