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„STELL DICH DOCH NICHT SO AN“

Wieder einmal musste ich mir die Bemerkung „Stell dich doch nicht so an, so schlimm kann das nicht sein, jeder hat mal Schmerzen“ anhören. Und genau da liegt das Problem! Jeder hatte schon „mal“ Schmerzen, seien es Kopf-, Zahn- oder Magenschmerzen. Diese vergehen jedoch bei entsprechender Behandlung nach einigen Stunden oder Tagen. Chronische Schmerzen gleichwohl quälen den Patienten 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und das über Monate und sogar Jahre hinweg.
Die meisten von ihnen hatten bestimmt schon mal starke Zahnschmerzen. Nun versuchen sie sich vorzustellen, sie würden diese Schmerzen über Jahre spüren. Vielleicht reicht ihre Vorstellungskraft auch noch, sich diese Pein im Rücken, in den Beinen oder Armen auszumalen. Würden sie sich dann noch gut fühlen? Wie würden sie dann reagieren, wenn jemand ihnen sagt: „Du siehst aber gut aus. Was hast du ein Glück, dass du nicht arbeiten musst.“ oder „Ach, du warst in Italien im Urlaub. Das kannst du, weshalb ist es dir dann nicht möglich zu arbeiten?“ Dass die Schmerzen einen auch in den Urlaub begleiten und man so manchen Tag im Hotelzimmer verbringt, da die Krankheit jede Bewegung unmöglich macht interessiert niemanden. Ausserdem wollte der Erkrankte auch vielleicht nur ein wenig Sonne tanken, da das feuchte, kalte Wetter in Luxemburg nicht wirklich förderlich ist. Oder er wollte dem Alltag entfliehen, wo auf die Frage: „Wie geht es dir?“ ausschliesslich die Antwort:“Gut“ akzeptiert wird. Was anderes will niemand hören.
Natürlich hilft es keinem, wenn man nur jammert, ganz im Gegenteil. Positive Gedanken sind sehr viel nützlicher.
Wenn jedoch zu den körperlichen Schmerzen, noch seelische Schmerzen, berufliche, familiäre und finanzielle Probleme hinzukommen, tut es doch manchmal gut, sich aussprechen zu können. Man verliert sich schon mal in seinen eigenen Schwierigkeiten und eine Diskussion mit einem Außenstehenden bringt dann eine andere Sichtweise in die Problematik, sodass sich einem neue Wege auftun können.
Auch für den Nichtbetroffenen kann es von Vorteil sein, mal einen Schritt aus seinem täglichen Laufrad zu tun und Empathie für die Mitmenschen zu zeigen. Einen Blick hinter die Fassade des Nächsten kann zeigen, wie schlecht es demjenigen, trotz Lächeln wirklich geht. Viele Schmerzpatienten trauen sich schon nicht mehr ihre Erkrankung zu erwähnen, da sie Angst haben als Simulant, Drückeberger, Faulenzer und Hypochonder abgetan zu werden. Andere leiden unter Mobbing, ihrer Arbeitsunfähigkeit, ihrer Einsamkeit und der Ignoranz ihrer Umgebung. Aus diesem Grund ist die Selbstmordrate unter Schmerzpatienten sehr hoch, laut verschiedenen Studien 2-3 mal höher als bei gesunden Menschen.
Ich persönlich kenne oder besser gesagt kannte 2 Schmerzpatienten, aus der gleichen Arztpraxis, in der ich behandelt wurden, die sich das Leben genommen haben.
Manchmal ein offenes Ohr, ein Händedruck, eine Umarmung oder einfach nur ein wenig Zeit kann diesen Menschen schon helfen. Die Kranken wissen selbst, dass sie alleine mit ihrer Krankheit leben müssen, aber ein wenig moralische Unterstützung und das Gefühl ernst genommen zu werden, kann dabei helfen.
Was der Patient nicht braucht sind, zwar gut gemeinte, aber nutzlose und manchmal sogar verletzende Allgemeinratschläge, wie „Das geht schon. So schlimm ist es doch nicht…“ Ein wenig mehr Offenheit, ein wenig mehr Verständnis und Empathie im Alltag tut jedem gut, ob krank oder nicht.
In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen, stress- und schmerzfreien Tag.
Denise Bucciarelli
Präsidentin von ALPADOC