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Zwischen schlimmer Erkrankung und Humbug: Das Gluten-Wirrwarr
Lokales 3 Min. 30.03.2017

Zwischen schlimmer Erkrankung und Humbug: Das Gluten-Wirrwarr

Die Zahl an glutenfreien Produkten in den Supermärkten stieg in den vergangenen Jahren.

Zwischen schlimmer Erkrankung und Humbug: Das Gluten-Wirrwarr

Die Zahl an glutenfreien Produkten in den Supermärkten stieg in den vergangenen Jahren.
Foto: Lex Kleren
Lokales 3 Min. 30.03.2017

Zwischen schlimmer Erkrankung und Humbug: Das Gluten-Wirrwarr

Diana HOFFMANN
Diana HOFFMANN
Nur sehr wenige Menschen müssen wirklich auf glutenhaltige Nahrungsmittel verzichten. Warum das so ist und es sich bei einer "Gluten-Diät" um Schwachsinn handelt, erklären wir Ihnen hier.

(dho) - „Sie dürfen für den Rest Ihres Lebens keine normale Pizza mehr essen. Keine Spaghetti vom traditionellen Italiener um die Ecke, und die Schokoladentorte vom Lieblingskonditor ist ab heute auch tabu!“ Würde ein Arzt dies sagen, wäre es für viele Menschen wohl eine derbe Enttäuschung.

Für Menschen mit der Erkrankung 
Zöliakie ist ein stark begrenzter Speiseplan jedoch eine alltägliche Realität. Sie leiden an einer Autoimmunerkrankung, die zur Folge hat, dass die Schleimhaut ihres Dünndarms durch Gluten zerstört wird. Das führt dazu, dass auf Dauer keine wichtigen Nährstoffe mehr ins Blut gelangen. Die Folgen sind diverse Mängel, wie etwa Eisen-, Magnesium- oder Vitaminmangel – es kann sogar bis zur Blutarmut führen.

Vielfältige Symptome der Erkrankung

Wie der Verlauf der Erkrankung beim Konsum von glu-tenhaltigen Lebensmitteln ist, ist so vielfältig, dass hier nur einige der Symptome aufgezählt werden können. Häufig sind es Verdauungsprobleme, es können aber auch Kopf- und Gliederschmerzen sein, bei Kindern können Wachstumsstörungen auftreten.

Eine besondere Ausprägung der Zöliakie kann auch die chronische Hauterkrankung „Dermatitis Herpetiformis“ sein, die ein Ekzeme und starken Juckreiz provoziert. Die Symptome der Darmerkrankung fehlen in manchen Fällen hier jedoch fast vollständig.

Das Auftreten der Zöliakie ist zu einem Großteil genetisch bedingt. „In Luxemburg haben schätzungsweise 30 Prozent der Bevölkerung eine genetische Prädisposition dafür, dass Zöliakie bei ihnen ausbrechen könnte, was aber nicht bedeutet, dass das auch passiert“, erklärt die Ernährungsberaterin und Präsidentin der „Association luxembourgeoise des intolérants au gluten“, Vicky Kuffer. Nur bei etwa einem Prozent der Bevölkerung tut sie das auch tatsächlich.

Glutenarme Nahrungsmittel können genauso ungesund sein wie anderes Essen.“

Für dieses eine Prozent gibt es nur eine Medizin: eine lebenslange strenge glutenfreie Ernährung. Nicht gerade einfach, handelt es sich bei Gluten um sogenanntes Klebereiweiß, ein Proteingemisch, das in vielen Getreidesorten wie Weizen, Dinkel, Roggen und Gersten enthalten ist. Eine glutenarme Ernährung ist sehr kostspielig, weshalb die Gesundheitskasse einen Teil der Kosten übernimmt. Dies aber nur für den Fall, dass eine Zöliakie vom Arzt medizinisch nachgewiesen worden ist.

Zöliakie ist nicht gleich Glutenallergie

Nicht zu verwechseln ist die Zöliakie mit einer Glutenallergie. Bei einer Glutenallergie tauchen durch den Konsum von glutenhaltigen Nahrungsmitteln sofort oder innerhalb von Stunden Symptome auf, die auch für andere Allergien typisch sind, wie Atemnot, Verdauungsprobleme oder Ausschlag auf der Haut. Die Glutenallergie kann wie andere Allergien plötzlich auftauchen. Die Unverträglichkeit kann jedoch nach Monaten oder Jahren auch wieder verschwinden.

Für Skepsis bei den Experten sorgt jedoch ein Trend, der sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat und als „Gluten-Diät“ bezeichnet wird. So glauben einige Menschen daran, glutenfreie Nahrungsmittel seien gesünder und man könne dadurch sogar abnehmen. Dem ist aber nicht so. „Glutenfreie Nahrung kann genauso gesund oder ungesund sein wie andere Nahrungsmittel“, weiß Vicky Kuffer. Es macht für einen gesunden Menschen überhaupt keinen Sinn, auf Gluten im Speiseplan zu verzichten.

Ein unsinniger Trend: Glutensensibilität

„Manche Menschen behaupten jedoch, sich besser zu fühlen, wenn sie glutenfreie Nahrung essen. In diesem Fall spricht man von einer Glutensensitivität, was eine Vorstufe der Erkrankung sein könnte“, so die Expertin. Glutensensitivität ist jedoch nicht medizinisch nachweisbar.

Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung bei der unbedingt auf Gluten verzichtet werden muss.“

Dass die Zahl der Menschen, die behaupten, sich besser zu fühlen, wenn sie auf Gluten verzichten, steigt, könnte daran liegen, dass sie sich in diesem Zusammenhang einfach insgesamt bewusster und somit gesunder ernähren. Aber auch daran, dass manche Hochleistungsgetreidesorten mehr Gluten enthalten als noch vor einigen Jahren. Denn sie geben dem Getreide Stabilität und erhöhen die Qualität des Mehls.

„Association luxembourgeoise des intolérants au gluten“

Die „Association luxembourgeoise des intolérants au gluten“ feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Sie klären Zölakie-Patienten und Glutenallergiker über die unterschiedlichen Symptome auf, und darüber wie sie sich glutenfrei ernähren können. Mittlerweile hat die Assoziation 450 Mitglieder.

Am Donnerstag informiert sie im „Centre Hospitalier“ in der Hauptstadt ab 17.30 Uhr. An sieben Ständen werden verschiedene glutenfreie Nahrungsmittel vorgestellt. Um 18.30 Uhr findet dann die Generalversammlung der Vereinigung statt. Eine Anmeldung ist erforderlich unter der Mail-Adresse contact@alig.lu oder der Nummer 26 38 33 83

www.alig.lu


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