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Zwischen Autismus und Krankheit
Lokales 5 Min. 19.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Prozess um Totschlag an eigenem Vater

Zwischen Autismus und Krankheit

An die Tat in der Familienwohnung in Belair kann sich die Beschuldigte eigenen Aussagen nach kaum erinnern.
Prozess um Totschlag an eigenem Vater

Zwischen Autismus und Krankheit

An die Tat in der Familienwohnung in Belair kann sich die Beschuldigte eigenen Aussagen nach kaum erinnern.
Foto: Anouk Antony
Lokales 5 Min. 19.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Prozess um Totschlag an eigenem Vater

Zwischen Autismus und Krankheit

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Schwieriger Prozess vor der Kriminalkammer mit einer alles entscheidenden Frage: Kann eine psychisch kranke Autistin für den Mord am eigenen Vater zur Rechenschaft gezogen werden?


(str) - Ab ihrem 16. Lebensjahr geriet ihr Leben aus den Fugen. Nun steht sie wegen Totschlags an ihrem 81-jährigen Vater vor Gericht.

Paranoide Schizophrenie, Drang zur Selbstverletzung, gewalttätiges Verhalten und Asperger-Syndrom, mit diesen Fachausdrücken beschrieb der behandelnde Arzt am Dienstag das Krankheitsbild der 36-jährigen Beschuldigten.

„Sie ist sich ihrer Krankheit nicht bewusst“, erklärte der Psychiater aus dem „Centre hospitalier neuropsychiatrique“ in Ettelbrück. Es sei möglich, dass Julia P. eines Tages geheilt werden könne. An einer lebenslangen Medikamenteneinnahme führe aber kein Weg vorbei. Wie viel Zeit für die Heilung erforderlich sei, könne er nicht sagen. Vielleicht zehn Jahre, vielleicht auch mehr.

Er sprach zudem von Phasen mit Halluzinationen und Delirien, sie befürchte etwa in ihrem Krankenzimmer vergewaltigt zu werden oder Kannibalen zum Opfer zu fallen. Seiner Auffassung nach verfüge die Angeklagte nicht über eine volle Urteilsfähigkeit, dafür sei ihr Krankheitsbild zu schwer. Diese Frage ist insoweit relevant, dass die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können, eine Grundvoraussetzung für eine Verurteilung ist (siehe unten).

Asperger-Syndrom im Fokus

Ein unabhängiger psychologische Gutachter ging näher auf den Autismus der Angeklagten ein. Beim Asperger-Syndrom handele es sich um eine Kommunikationsschwierigkeit, die es den Betroffenen quasi unmöglich mache, sich in den Gesprächspartner hinein zu versetzen. Sie würden sich oft an Details festklammern und dabei den Gesamtkontext aus den Augen verlieren.

Auch für den Gutachter kommt der paranoiden Schizophrenie im Zusammenhang mit der Bluttat eine entscheidende Rolle zu. Seiner Meinung nach sei Julia P. am Abend des 27. Februar 2015 sicher in einem Delirium gewesen – demnach in einem Zustand, in dem sie sich ihre eigene Realität zurecht legte.

Wie ihr Geisteszustand bei der Tat gewesen sei, ließe sich im Nachhinein nicht feststellen. Er gehe aber von einer sehr starken Verfälschung des Urteilsvermögens aus. Zudem könne nicht nachgewiesen werden, ob Julia P. damals ihre Medikamente eingenommen habe, da sie eine Blutuntersuchung verweigert habe.

„Das haftet mir seit meiner Jugend an"

„Die Diagnose ist falsch“, untermauerte die Angeklagte, als sie gleich nach den Medizinern angehört wurde. „Das haftet mir seit meiner Jugend an. Es sind nur Spekulationen. Die Menschen verstehen mich nicht“. Die Herangehensweise der Psychiater sei falsch. Diese würden wie Chirurgen vorgehen, einzelne Elemente herausschneiden und sich daraus einen Befund zusammenstellen.

„Ich bin Autistin“, erklärte die 36-Jährige. „Ich habe nunmal eine ganz eigene Art mich auszudrücken“. Deshalb sei sie ihr Leben lang stigmatisiert worden. Die Symptome würden jener einer Schizophrenie ähneln, es sei aber etwas anderes. „Autismus ist keine Krankheit“, unterstrich sie.

Ihre Ausdrucksweise vor der Kriminalkammer war in der Verhandlung am Dienstag tatsächlich ungewöhnlich. Julia P. sprach mit auffallend fester Stimme, sehr schnell, fast als ob sie aus einem Lexikon vorlesen würde. Regelmäßig rutschte ein Stottern dazwischen, das ihrer Bestimmtheit jedoch keinen Abbruch tat.

Selbstmord oder ecuadorianischer Vergewaltiger

„Ich weiß nicht mehr richtig, was in der Tatnacht passierte“, führte sie aus. „Entweder hat mein Vater sich wegen seinem Lungenkrebs selbst getötet“, meinte sie. Oder ein Mann aus Ecuador, der sie vor Jahren in Portugal vergewaltigt habe, sei in die Wohnung eingedrungen und habe den Vater umgebracht.

Sie erinnere sich noch daran, dass sie an diesem Abend mit ihrem Vater über den Verkauf eines Appartements in Paris gestritten habe, wie so oft, doch sie habe den Vater geliebt.

Sie schilderte, ihre Medikamente genommen zu haben, in der Küche gewesen zu sein und nachdem sie in einer Pfütze im Haus ausgerutscht und gefallen sei, eine Panikattacke erlitten zu haben. Wie sich im weiteren Verlauf der Verhandlung herausstellte handelte es sich bei der Pfütze um eine Blutlache im Schlafzimmer der Eltern.

Ebenfalls in Panik sei sie mit dem Wagen zu ihrer Mutter nach Paris aufgebrochen, um den Verkauf der Wohnung zu verhindern. Doch die Fahrt endete bereits in Howald am Rondpoint Gluck. Hier sprach sie Verkehrspolizisten an und erklärte, sie habe ihren Vater erstochen.

„Lieber Gefängnis als Psychiatrie“

„Ja ich habe mich selbst der Tat bezichtigt“, betonte Julia P. vor den Richtern. „Ich wollte mich verstecken. Mein Leben lang wurde ich von irgendwelchen Menschen belästigt.“ Sie habe nicht mehr von Menschen umgeben sein wollen, die Angst vor ihr hätten und sie wie eine Außerirdische behandeln würden.

„Deshalb wollte ich ins Gefängnis“, verdeutlichte sie. Ein Mordgeständnis sei der einfachste Weg gewesen. Im September wurde sie schlussendlich in die geschlossene Psychiatrie in Ettelbrück überwiesen.

„Heute aber will ich diese Isolierung nicht mehr“, stellte die Angeklagte klar. „Ich bin unschuldig“. Sie habe nie jemand anderem als sich selbst Schaden zugefügt. Sie habe nie Halluzinationen oder Delirien gehabt. Sie sei bloß immer falsch verstanden worden.

Wenn sie im Falle einer Verurteilung die Wahl zwischen der Psychiatrie und Gefängnis hätte, würde sie sich für die Haftanstalt entscheiden, sagte sie. Dort sei das Leben besser strukturiert und sie werde auch keinen Gewalttätigkeiten ausgesetzt.

Der Prozess, in dem es noch eine ganze Reihe von offenen Fragen zum Tatablauf gibt, wird heute mit der Anhörung der Ermittler der Kriminalpolizei fortgeführt.

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Artikel 71: Die Frage der Strafmündigkeit

(mth) - Der Artikel 71 des luxemburgischen Strafgesetzbuchs definiert die Rahmenbedingungen, unter denen der Urheber einer Straftat aufgrund dieser Tat nicht oder nur eingeschränkt strafrechtlich belangt werden kann.

Dieser Fall tritt ein, wenn die beschuldigte Person „zum Zeitpunkt der Straftat unter psychischen Störungen leidet, welche ihr Urteilsvermögen oder die Kontrolle über ihr Handeln unterbinden“.

Die betroffene Person kommt in einem solchen Fall üblicherweise nach psychiatrischer Untersuchung in medizinische Obhut, bis es zur Gerichtsverhandlung kommt. Das Gericht muss dann aufgrund eines oder mehrerer psychiatrischer Gutachten entscheiden, ob der Angeklagte strafmündig ist oder nicht.

Wird im Gutachten nur eine teilweise Urteils- oder Handlungsfähigkeit eines Beschuldigten festgehalten, bleibt der Angeklagte prinzipiell straffähig.

Das Gericht kann allerdings aufgrund des Artikels 71-1 eine Aussetzung oder Reduzierung der Strafe aufgrund verminderter Zurechnungsfähigkeit entscheiden.


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