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Zwangsrekrutierung und Generalstreik in Luxemburg
Lokales 3 Min. 15.03.2012

Zwangsrekrutierung und Generalstreik in Luxemburg

Lokales 3 Min. 15.03.2012

Zwangsrekrutierung und Generalstreik in Luxemburg

Es war am Schobermesssonntag, dem 30. August 1942, als Gauleiter Gustav Simon die allgemeine Wehrpflicht mit sofortiger Einberufung der Jahrgänge 1920 bis 1924 bekannt gab. Diese Nachricht durchzuckte das Land wie ein lähmender Blitzschlag.

(sjp) - Es war am Schobermesssonntag, dem 30. August 1942, als Gauleiter Gustav Simon die allgemeine Wehrpflicht mit sofortiger Einberufung der Jahrgänge 1920 bis 1924 bekannt gab. Diese Nachricht durchzuckte das Land wie ein lähmender Blitzschlag.

Anderntags, am Schobermessmontag, dem 31. August 1942, griffen die Mutigen zur einzigen Waffe der Ohnmächtigen, zum Protest der Arbeitsverweigerung. Am besagten Tag gaben die Arbeiter der Lederfabrik „Ideal“ in Wiltz das Signal zum Generalstreik. Nachdem sich am Nachmittag auf dem Schifflinger Hüttenwerk ein Streikkomitee unter der Leitung von Eugène Biren gebildet hatte, gab um 18.02 Uhr Hans Adam das Signal zum Streik, indem er einen schweren Haken an die Werkssirene befestigte. Unverzüglich verließen die 2 000 Arbeiter des Schifflinger Hüttenwerkes den Betrieb. Die Arbeit wurde erst am anderen Tag wieder vollständig aufgenommen.

Die Nazis hatten zuerst geglaubt, sie hätten es mit lokal begrenzten Unruhen zu tun. Erst nach seiner Rückkehr aus Schifflingen erkannte Gestapochef Fritz Hartmann den Ernst der Lage. In den späten Abendstunden erstattete er Bericht an das Reichshauptamt in Berlin und erhielt gegen Mitternacht den Befehl von Heinrich Himmler zur Verhängung des Ausnahmezustands. Am 1. September wurde der Ausnahmezustand zuerst über den Bereich der Stadt Esch/Alzette verhängt, dann auf Düdelingen und schließlich auf das ganze Land ausgedehnt. Ein Sondergericht wurde außerdem einberufen. Vorsitzender des Standgerichts war der Chef der Gestapo selbst. Die Verhandlungen fanden in der Regel zur Nachtzeit statt. Die Angeklagten erhielten keine Verteidiger und keine Vorladung. Oft wussten sie nicht einmal, dass sie einem Gericht vorgeführt wurden. 21 Personen, die sich am Streik beteiligt hatten, wurden zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde sofort vollstreckt und durch Plakate bekannt gemacht, die schon vor der Hinrichtung gedruckt waren.

Umsiedlung und Verschleppung

Insgesamt wurden 875 Luxemburger vom Sondergericht verurteilt. Sie landeten in Gefängnissen oder in Konzentrationslagern. In deutschen Konzentrationslagern wurden bis Kriegsende fast 800 Luxemburger umgebracht. Viele Luxemburger Beamte, Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte und Eisenbahner verloren ihren Arbeitsplatz, wurden abgesetzt und mussten Zwangsarbeiten durchführen (z. B. beim Bau der deutschen Autobahnen).

Hinzu kam, dass Gauleiter Gustav Simon nach dem Streik beschloss, alle Luxemburger Familien, die für ihre deutschfeindliche Haltung bekannt waren, weit weg an die Ostgrenzen des Deutschen Reiches, nach Schlesien und in die Tschechoslowakei umzusiedeln und zu verschleppen. Der Besitz der umgesiedelten Familien wurde beschlagnahmt, ihre Häuser und Wohnungen an deutsche Familien vergeben. Im Ganzen wurden 4 186 Personen in 85 Zügen deportiert. Angesichts solcher Bilanz muss die Frage nach der Berechtigung des Streiks und der offenen, aktiven Auflehnung gegen Nazi-Deutschland überhaupt deutlich gestellt werden. Damit verbunden ist natürlich die andere Frage: Kann der Luxemburger Streik von 1942 von denen, die dazu aufgerufen haben, verantwortet werden, auch und gerade vor den Opfern und vor der Geschichte?

André Heiderscheid schreibt in der LW-Beilage zum 60. Jahrestag der Zwangsrekrutierung und des Generalstreiks (30.8.2002): „Meine Antwort auf beide Fragen lautet deutlich: Ja! – Denn wer den Dingen auf den Grund geht und sie hinterfragt, muss zu dem Schluss kommen: Der Streik war nicht umsonst, also gerechtfertigt, weil er zumindest dem Gauleiter so in die Glieder gefahren ist, dass dieser es nicht mehr wagte, noch ältere Luxemburger Jahrgänge, über 1920 hinauf, wie anfänglich geplant, einzuberufen, obschon Berlin und die Wehrmacht dies wünschten. Der Gauleiter hat durch den Streik von 1942 eine Schlappe und eine Blamage – vor sich selbst und seinen Gesinnungsgenossen, vor Berlin und vor der Welt – erlitten, wie sie eigentlich nicht größer hätte sein können. Er fürchtete sich regelrecht vor einem zweiten Streik dieser Art. – Also hatte der erste auf alle Fälle das erreicht, und auf diese Weise blieben wenigstens 20 000 Luxemburgern die Schmach und der Blutzoll der Zwangsrekrutierung erspart. Tausenden, bei lediglich 20 Prozent Verlusten immerhin 4 000!, wurde so das Leben erhalten.“