Zwangsrekrutierte

Wissen, was man nicht verstehen kann

Gespräch mit dem Präsidenten der „Amicale des anciens de Tambow“, Gaston Junck

Bilder der Erinnerung: Das Foto, das Gaston Junck hier in die Kamera hält, zeigt ihn in der russischen Uniform.
Bilder der Erinnerung: Das Foto, das Gaston Junck hier in die Kamera hält, zeigt ihn in der russischen Uniform.
Foto: Guy Jallay

Von Diane Lecorsais

Der Terminkalender des 89-jährigen GastonJunck ist prall gefüllt. Schulklassen besuchen. Ein Termin mit Forschern der Universität. Ein Gespräch mit dem Luxemburger Wort. Vor genau 70 Jahren, 1942, wurde der damals 19-jährige zwangsrekrutiert. Nachdem er zu den Russen übergelaufen war, kam Junck 1944 ins Gefangenenlager in Tambow. Als Präsident der „Amicale des Anciens de Tambow“ hält er die Erinnerung an die damalige Zeit bis heute aufrecht. Als am 30. August 1942 in den Limpertsberger Ausstellungshallen die Wehrmacht proklamiert wurde, war GastonJunck 19 Jahre alt. An jenen Tag erinnert er sich noch gut. Auf dem Glacis war „Schueberfouer“. Mit ein paar weiteren „Jongen“ konnte er sich an dem Abend im „Pafendall“ zunächst noch verstecken. Doch wie 15 408 andere Luxemburger wurde der junge Mann, der zum damaligen Zeitpunkt eine Lehre zum Koch absolvierte und plante, eine Hotelschule in Straßburg zu besuchen, zwangsrekrutiert. „Mit dem enrôlement de force hat alles angefangen, richtig angefangen“, sagt Junck heute, 70 Jahre später. In seine Heimat kehrte er am 6. Juni 1945 zurück. Anfang der 1950er-Jahre gründete er gemeinsam mit zwei weiteren „Tambower Jongen“ die „Amicale des Anciens de Tambow“, in der er bis heute aktiv ist. Gast Junck wird heute oft danach gefragt, warum die Kinder der ehemaligen Tambow-Gefangenen so wenig über das Schicksal ihrer Eltern wissen. „Wir wollten unseren Kindern nichts erzählen. Wir hatten dermaßen genug davon, und wollten ruhig sein. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun“, erklärt Junck. „Unsere Enkelkinder jedoch, die wissen besser Bescheid als wir selber. Die haben gefragt. Deshalb sind wir dann auch in die Schulen gegangen.“

Der 11. November 1943

Zahlreiche Schulen des Landes, von Esch bis ins Ösling, hat Junck inzwischen besucht, um seine Geschichte zu erzählen: Zunächst absolvierte er den Arbeitsdienst in Polen. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland kam er an die Ostfront, wo er aufseiten der Wehrmacht kämpfen musste. Im November 1943 fasste er schließlich einen entscheidenden Entschluss: Zusammen mit einem Luxemburger und einem Elsässer lief er über zu den Russen. „Sie haben uns zunächst gefilzt und dann verhört“, erinnert sich Junck an jenen 11. November im Jahr 1943. „Sie stellten uns die gängige Frage, nämlich warum wir übergelaufen sind. Wir antworteten: Wir sind keine Deutschen, wir sind Luxemburger! Wir wollen nichts mit den Deutschen zu tun haben!“ Und dann? „Wir rechneten damit, nach England gehen zu können, naiv wie wir waren“, erklärt Junck. Doch die Russen waren auch Alliierte. „Dunn haten se eis schéi kritt“, sagt Junck. Schließlich kam es zu einer Abmachung: Einer der dreien, nämlich er, verpflichtete sich, während eines Jahres an der russischen Front zu bleiben. Im Gegenzug erhielt er die Zusicherung, nach Ende des Krieges sofort zurückkehren zu können. „Das haben sie gehalten“, weiß Junck heute. Nach einigen Monaten an der russischen Front musste der junge Luxemburger aufgrund von Verletzungen an den Beinen ein Lazarett aufsuchen, in welchem er die nächsten zwei Monate verbringen sollte. Da seine Einheit sich in der Zwischenzeit weit entfernt hatte, konnte er nicht mehr zurück an die Front. Eine Ärztin erzählte ihm schließlich vom Gefangenenlager Tambow, wo sich mehrere Franzosen befinden würden. Da ihm keine andere Möglichkeit blieb, ging Junck nach Tambow. Die ersten Luxemburger befanden sich zu dem Zeitpunkt bereits dort. In die kleine Stadt, die 450 Kilometer südöstlich von Moskau liegt, ist Gast Junck inzwischen zehnmal zurückgekehrt, zum ersten Mal im Jahr 1988. Inzwischen zählt Tambow rund 300 000 Einwohner, vom Lager, das in einem Wald gelegen war, ist nichts mehr übrig. Seit Jahren setzt die Amicale sich dafür ein, dass in Tambow ein Denkmal aufgerichtet wird, um an die Luxemburger „Jongen“ im Gefangenenlager zu erinnern. Bislang konnte man sich mit den russischen Autoritäten jedoch noch nicht über den Standort einigen. Die Idee für das Denkmal selbst steht aber. Während des Krieges war Junck etwa ein Jahr in Tambow. Dort angekommen war er 1944. „Ich hatte meine Papiere, und ich hatte eine Präferenz“, berichtet er über die erste Zeit im Lager. Er fragte nach den Möglichkeiten, in der Küche zu arbeiten. Da es dort aber keinen freien Platz gab, erhielt er schließlich eine Arbeit in der Wäscherei. „Man darf sich nicht auf den Bauch legen und warten, bis etwas kommt“, hat Junck gelernt. Denn auf diese Weise erhielt er eine Beschäftigung. Die Wäsche lieferte er unter anderem an die Küche eines Lazaretts, so dass der junge Mann genügend zu essen erhielt. „Das war ganz wichtig“. Auch die anderen „Jongen“ konnte er so mit Essen versorgen. Am Ende seiner Zeit im Tambower Lager waren neben Junck noch etwa 400 andere Luxemburger dort. Später waren es gar 1 004. Im Diekircher Militärmuseum erinnert heute ein ganzer Raum an die Luxemburger im Gefangenenlager. Eingerichtet wurde der Saal von den „Tambower Jongen“. Zuvor, in den 1970er-Jahren, waren sie mit einer Wanderausstellung durch das Land gezogen, erzählt Junck. Nun können die Gegenstände in Diekirch eingesehen werden: Die erste Fahne der „Tambower Jongen“. Kleider, Objekte, Pläne. Und die russische Uniform von Gast Junck. Zehn Tage nach Ende des Krieges, am 21. Mai 1945, konnte er das Gefangenenlager in Tambow gemeinsam mit vier weiteren Luxemburgern verlassen. Über Odessa und Marseille kehrten sie am 6. Juni als erste zurück nach Luxemburg. Bis die letzten „Jongen“ endlich nach Luxemburg zurückkehren durften, sollte es jedoch noch fast sechs Monate, bis zum 5. November 1945, dauern. 167 Luxemburger kamen in Tambow ums Leben – 50 weitere starben auf der Rückreise.

Erste Statuten im Jahr 1955

Knapp zehn Jahre später, 1955, gab es die ersten Statuten der „Amicale des Anciens de Tambow“. In den Jahren zuvor galt es zunächst, die „Tambower Jongen“ zurückzufinden. Zwar hatten Junck und die zwei weiteren Tambow-Überlebenden, die Anfang der 1950er-Jahre die „Amicale“ ins Leben gerufen hatten, die Adressen der ehemaligen Luxemburger Gefangenen. Viele von ihnen hatten ihren Wohnsitz in Zwischenzeit jedoch gewechselt. „Daraufhin haben wir Anzeigen in der Zeitung veröffentlicht“, erinnert sich Junck. Im Restaurant „Commerce“ auf der Place d'Armes fand schließlich die erste Versammlung der „Amicale des Anciens de Tambow“ statt. Die vielen Bemühungen hatten sich gelohnt: „Wir waren sehr verwundert über die vielen Menschen, die gekommen sind“, so Junck. Gemeinsam fanden sie nach und nach den Großteil der 787 Luxemburger, die Tambow überlebt hatten. Noch heute zählt die Vereinigung mehr als 200 Mitglieder, jedes Jahr gibt es ein großes Treffen. Dieses findet symbolisch am ersten Samstag nach dem 5. November statt. Von denjenigen, die damals im Gefangenenlager in Tambow waren, sind heute jedoch nur noch um die 50, 60 Menschen am Leben. Nächstes Jahr wird GastonJunck 90 Jahre alt. Aus dem Clubvorstand möchte er sich dann zurückziehen, um Zeit für sich zu haben. Die Aufgabe, die Erinnerung an Tambow aufrecht zu erhalten, hat er erfüllt. Zahlreichen Menschen hat er über seine schweren Erlebnisse erzählt. Junck erinnert sich an seine Besuche in Schulen, an das große Interesse der Schüler. Und wie er den Kindern erklären musste, dass der Bus draußen auf sie warte, und sie nun wirklich aufhören müssten. „Kommen Sie denn zurück?“ hätten die Kinder ihm dann entgegnet. „Sie waren interessiert, haben Fragen gestellt. Sie wollten das alles wissen. Das, was man nicht verstehen kann.“ Drei Bücher hat die „Amicale“ zudem über das Gefangenenlager in Tambow veröffentlicht. Gaston Juncks Wunsch für die Zukunft? Dass die jungen Leute, die nun im Vorstand sind, diese Arbeit fortsetzen. Und diejenigen, denen diese Aufgabe von der Regierung zugetragen wurde. Die „Amicale" setzt auf die nachfolgende Generation: Sechs Mitglieder des neuen Vorstands sind Kinder von ehemaligen Tambow-Gefangenen. Und der Verein zählt so viele Mitglieder wie nie zuvor. „Das ist die einzige Möglichkeit, damit das weiter besteht“, meint Junck.