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Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen: Das Leben ist schön
Pauline ist stets gut gelaunt - und posiert gerne für die Kamera.

Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen: Das Leben ist schön

Foto: Pierre Matgé
Pauline ist stets gut gelaunt - und posiert gerne für die Kamera.
Lokales 5 Min. 03.12.2017

Zum Welttag der Menschen mit Behinderungen: Das Leben ist schön

Cheryl CADAMURO
Cheryl CADAMURO
Menschen mit Trisomie 21 sind in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung beeinträchtigt. So, wie Pauline. Doch die 23-Jährige macht – gemeinsam mit ihrer Familie und vielen anderen wohlgesinnten Menschen in ihrem Umfeld – das Beste daraus.

Von Cheryl Cadamuro

Nach der täglichen Arbeit im Altersheim spielt Pauline gerne mit Hugo und Rocky, ihren Katzen. Und wenn sie mal ihre Ruhe haben will, sitzt sie vor dem Computer oder schaut Serien – am liebsten "Grey´s Anatomy". Ein Feierabend, wie ihn viele andere jungen Menschen auch kennen.

Doch Pauline ist ein bisschen anders als die anderen. Sie hat Trisomie 21. Auf medizinischer Ebene bedeutet dies, dass das 21. Chromosom dreimal und nicht, wie bei gesunden Menschen, zweimal vorhanden ist. Auf sozialer Ebene aber gibt es keine pauschale Anleitung. Ob eine Inklusion gelingt, hängt sehr stark vom Umfeld des Betroffenen ab.

Allein mit der Diagnose

Doch von vorn. Die Geschichte von Pauline, die per Kaiserschnitt zur Welt kommt, beginnt vor 23 Jahren. Mutter Christiane erinnert sich noch genau daran, wie ihr mitgeteilt wurde, dass Pauline nicht gesund ist: „Bei ihrer Tochter besteht Verdacht auf Trisomie 21, das wissen Sie ja sicher bereits.“

Sonst nichts. Ihr Mann ist nicht da, sie ist allein mit dem Kind und den Gedanken. Und nein, sie hatte nichts geahnt. Da sie nicht zur Risikogruppe der über 35-jährigen Schwangeren zählte, wurden keine Untersuchungen am Fruchtwasser durchgeführt. Nach weiteren Analysen aber wird die erste Annahme bestätigt: Pauline hat wirklich Trisomie 21.

Mutter und Tochter verstehen sich blendend.
Mutter und Tochter verstehen sich blendend.
Foto: Pierre Matgé

Christiane und ihr Mann suchen eine Klinik mit Spezialisten im Ausland auf – das Vertrauen in die Ärzte hierzulande haben sie mangels der Aufklärung nach der Geburt verloren. Und dort erfahren sie: „Trisomie 21 ist kein Problem, es bedeutet halt nur etwas Arbeit.“

Geschwisterliebe

In Luxemburg findet die Familie schließlich einen Arzt, der ihnen auf ihrem Weg zur Seite steht. Langsam kommt die Familie in den ganz normalen Alltagswahnsinn. Christiane sagt, dass Pauline ein braves Baby war, von den Großeltern als erste Enkelin gar ein bisschen vergöttert, schmunzelt Christiane. Elf Monate später kommt Françoise, Pauline´s Schwester, zur Welt.

Und das ist für Pauline ein Glücksfall. „Die beiden sind wie Zwillinge aufgewachsen“, erklärt Christiane. Ob Gehen oder Sprechen: Françoise macht es vor, Pauline imitiert sie. Und so lernt Pauline mit zwei Jahren zu laufen und mit vier Jahren zu sprechen. Die beiden sind ein Herz und eine Seele.

Doch dann bekommt Pauline im Alter von drei Jahren eine zweite Schwester, Charlotte. Und das ist etwas komplizierter, wie Christiane erzählt: „Pauline hatte Schwierigkeiten damit, Charlotte zu akzeptieren. „Ja, das war nicht schön“, wirft Pauline ein, „aber jetzt sind wir richtige Schwestern. Wir halten zusammen.“

Reif für die Schule

Christiane legt viel Wert darauf, dass ihre Töchter gleich behandelt werden – und wenn Pauline etwas ausfrisst, wird sie genau so getadelt wie die anderen beiden. Und auch sie muss den Ernst des Lebens mitmachen. Pauline kommt in die Kindertagesstätte, dann in den Kindergarten und schließlich in die Grundschule – überall wird sie mit offenen Armen empfangen. Allerdings sucht Christiane die Lehrkraft selber aus: „Ich wollte nicht, dass Pauline nur gezwungenermaßen in einer Klasse aufgenommen wird, die Lehrkraft sollte sich gerne um sie kümmern“.

Der kleine Kater Hugo ist - neben Rocky, dem anderen Kater - Pauline´s ganzer Stolz.
Der kleine Kater Hugo ist - neben Rocky, dem anderen Kater - Pauline´s ganzer Stolz.
Pierre Matgé

Und das klappt auch. Alles läuft wie bei anderen Kindern auch. Fast. Denn anders, als bei Kindern ohne Trisomie 21 erklärt Mutter Christiane gemeinsam mit Pauline am Anfang des ersten und zweiten Schuljahrs, dass Pauline ein bisschen anders ist.

Sie räumt auf mit Vorurteilen, die manche Kinder zu Hause aufgreifen und erklärt, warum Pauline anders läuft, anders spricht, warum sie langsamer im Denken ist und warum sie kleiner ist als die anderen.

Bei den schulischen Aufgaben stehen Assistenzlehrer dem Mädchen zur Seite. „Mein Lieblingsfach war Deutsch, Rechnen mochte ich gar nicht“, erzählt sie.

Pauline ist integriert in die Schulgemeinschaft. Und wenn doch mal einer sie hänselt, dann wird sie von den anderen Schülern beschützt.


Vom Nachsitzen und "dienstbaren Geistern"

Nach der Grundschule besucht Pauline eine „Modulaire“-Klasse des „Uelzechtdall“-Lycée in Dommeldingen. Den Weg zur Schule mit Bus und Bahn zeigt Mutter Christiane ihr ein paar Mal – danach muss sie aber alleine fahren. Und das klappt auch.

Meistens. Manchmal verpasst Pauline die richtige Haltestelle. „Das war aber kein großes Problem. Sie hatte immer ein Mobiltelefon dabei und rief mich in solchen Fällen an. Gemeinsam haben wir dann nach einer Lösung gesucht“, erzählt Christiane. Meist helfen ihr Mitreisende oder Schaffner schließlich weiter. „Pauline hatte immer irgendwie Glück“, so Christiane.

Im Lyzeum geht es Pauline ebenfalls gut. Bei Problemen, die andere Jugendliche verursachen, greift die Direktion ein. Doch auch sie ist nicht immer brav, heimst sich sogar mehrmals Nachsitzstunden ein. Zum Beispiel dann, wenn sie mal wieder den Zug verpasst hat oder an der falschen Haltestelle ausgestiegen ist, wie ihre Mutter schmunzelnd erzählt.

Nach Beendigung der neunten Klasse will Pauline arbeiten, andere tun das ja auch. Sie hat während der Schulzeit mehrere Praktika gemacht – und dasjenige im Altenheim, ja, das hat ihr besonders gefallen, wie sie sagt.

Endlich erwachsen

Sie erhält den Behindertenstatus und schließlich den heiß begehrten Job als Animateurin im Altenheim. Sie begleitet die Bewohner bei alltäglichen Erledigungen, spielt Bingo mit ihnen oder macht Turnübungen vor. Erzieher sind allgegenwärtig und passen auf, dass Pauline ihren Job richtig macht. Aber das nimmt ihr trotzdem nicht den Spaß an der Arbeit. Ganz im Gegenteil. Sie blüht inmitten der Menschen, die sie dort jeden Tag trifft, auf.

Ganz ohne fremde Hilfe geht es aber nicht: Christiane muss die 23-Jährige jeden Tag zur Arbeit fahren. Und das Geld, das sie verdient, wird von ihren Eltern eingeteilt – denn einen Bezug dazu hat sie nicht.

Nach getaner Arbeit geht Pauline ihren Hobbys nach: Tanzen und Reiten stehen ganz hoch oben im Kurs. Und so hat sie auch schon die Bretter betreten, die die Welt bedeuten: die Bühne.

Pauline und King: ein gutes Team.
Pauline und King: ein gutes Team.
(Foto: Lex Kleren)

Unter der Anleitung von Choreografin Sylvia Camarda hat sie mit anderen Jugendlichen, die das „Down-Syndrom“ haben, den Tanz „Confluences“ eingeübt. Diesen wird die Gruppe morgen bei der Veranstaltung „Inklusiv Jugend“ aufführen.

Und dann gibt es da noch die pädagogischen Reitstunden, die sie regelmäßig in Anspruch nimmt. Wenn Pauline von King, dem Pferd spricht, strahlt sie.

Und sie strahlt auch, wenn sie von ihrem großen Traum, einer eigenen Wohnung erzählt. „Meine Schwester Françoise studiert im Ausland und wohnt da ja jetzt auch in einer Wohngemeinschaft“, erzählt sie strahlend.

Doch Christiane wirft ein: „Das ist ja auch eine schöne Idee, aber leider nicht ohne weiteres umsetzbar. Es gibt nur sehr wenige betreute Wohnungen für Menschen mit Trisomie 21. Und alleine leben kann Pauline definitiv nicht.“ Pauline sieht ein, dass sie nicht alleine wohnen darf: „Ja, ich kann ja auch nicht kochen, da muss ich noch üben.“

Insgesamt habe die Inklusion von Pauline sehr gut geklappt, schließt Christiane ab. Dies aber nur, weil das Umfeld für Pauline und ihre Behinderung offen gewesen sei.

Unterstützung für Betroffene:

Bei „Trisomie 21 Lëtzebuerg“ erhalten Eltern von Kindern mit Trisomie 21 Unterstützung. www.trisomie21.lu


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