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Wölfe in der Nähe von Rom: Lupus im Schatten des Vatikan
Roms Gründungsmythos: Die kapitolinische Wölfin säugt die Zwillinge Romulus und Remus.

Wölfe in der Nähe von Rom: Lupus im Schatten des Vatikan

Foto: Shutterstock
Roms Gründungsmythos: Die kapitolinische Wölfin säugt die Zwillinge Romulus und Remus.
Lokales 5 Min. 09.02.2018

Wölfe in der Nähe von Rom: Lupus im Schatten des Vatikan

Am Rande der italienischen Hauptstadt lebt zum ersten Mal seit hundert Jahren wieder ein Wolfsrudel. Die Nähe zu Autobahnen, Industrieanlagen und einem Flughafen scheint die Tiere nicht zu stören.

von Kurt de Swaaf

Alessia De Lorenzis leitet die Station des Naturschutzverbandes Lipu auf dem Landgut Castel di Guido im Westen Roms. „Der erste Wolf, den wir hier bemerkt haben, tappte 2013 in eine Fotofalle“, berichtet sie. Man taufte ihn auf den Namen Romulus. Nach wenigen Monaten jedoch verschwand der Vierbeiner wieder, wahrscheinlich zog er weiter. Indes: Nur ein Jahr später tauchte erneut ein männlicher Wolf auf. Dieser, Numa genannt, blieb. De Lorenzis und ihr Kollege Marco Antonelli behielten den Graupelz mithilfe ihrer automatischen Kameras im Auge.

14 Kilometer zum Petersdom

Dann die Überraschung: „Im Februar 2016 zeigten die Aufnahmen plötzlich Numa zusammen mit einem anderen Wolf.“ Die Wissenschaftler ließen DNA-Analysen von Kotproben durchführen. Diese bestätigten, dass das zweite Exemplar ein Weibchen war: Willkommen, Aurelia. Das Lipu-Team konnte es kaum fassen. Nach rund 100 Jahren Abwesenheit streifte am Stadtrand von Rom wieder ein Wolfspaar herum, keine 14 Kilometer Luftlinie vom Petersdom entfernt.

Rund 300 Hektar umfasst das zur Stadt Rom gehörende Areal, auf dem die Stadtverwaltung seit 1984 ein Wiederaufforstungsprojekt betreibt, das sich zu einer echten Oase entwickelt hat. Forstflächen, Felder und alte Restbestände natürlicher Vegetation wechseln einander ab. Das Gebiet wird nur wenig von Menschen besucht, kein Wunder also, dass sich hier seltene Vogelarten und rottenweise Wildschweine wohl fühlen – und eine Wolfsfamilie.

Denn Numa und Aurelia taten, was alle gesunden Tiere tun. Ihr erster Nachwuchs kam im Frühling 2017 zur Welt und zeigte sich vergangenen September erstmalig vor der Linse der Forscher: zwei langbeinige Welpen beim Erkunden ihrer Umgebung. Nicht nur die Fachwelt war begeistert, auch die Öffentlichkeit reagierte überwiegend positiv.

Rom und Wölfe gehören seit Menschengedenken zusammen. Dem Mythos nach säugte schließlich eine Wölfin die ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus und rettete so den späteren Stadtgründern das Leben. Aber die Zeiten änderten sich. Jahrhundertelang wurde Canis lupus, wie der Graupelz mit wissenschaftlichem Namen heißt, gnadenlos verfolgt, und in weiten Teilen Europas komplett ausgerottet. Dank strengen Schutzmaßnahmen ist mittlerweile ein gegenläufiger Trend eingetreten: Der Wolf breitet sich wieder aus.

Seinem Ruf als besonders scheues, versteckt lebendes Geschöpf wird er allerdings nicht immer gerecht. Bisher glaubten viele Experten, die Graupelze würden sich nur in abgelegenen, dünn besiedelten Gebieten wohl fühlen – offenbar ein Irrtum. Im rumänischen Brasov beobachtet man die Tiere schon seit längerem nachts auf den Straßen, wo sie im Müll stöbern und Katzen jagen. Die Bürger der Stadt nehmen davon kaum Notiz, und nein, um ihre Kinder brauchen sie auch nicht zu fürchten. Übergriffe gab es noch nie. Aus dem Umland der norditalienischen Wirtschaftsmetropole Mailand liegen ebenfalls die ersten Meldungen zu Wölfen vor.

Äußerst anpassungsfähig

„Der Wolf gilt allgemein als Generalist“, erklärt der Biologe Rolf Holderegger von der Schweizer Forschungsanstalt WSL. Die Vierbeiner mögen bestimmte Präferenzen haben, was ihre Lebensbedingungen angeht, doch sie scheinen mit vielem klarzukommen. Das zeigt sich bereits an der Bandbreite ihrer natürlichen Lebensräume. Canis lupus besiedelt sowohl die ausgedehnten skandinavischen Wälder als auch die schroffen Gebirge des Balkans. Gefressen werde, was die Landschaft hergebe, betont Holderegger.

Der Wolf ist nicht der Einzige, der in Teilen Europas zurückkehrt. Auch Bär und Luchs tasten sich regional wieder vor. Wie sich diese Raubtiere in Zukunft weiter ausbreiten könnten, hat Holderegger vor kurzem zusammen mit drei Kollegen untersucht. Die Forscher ermittelten die Habitatsansprüche der drei Arten und projizierten diese in einer Modellrechnung auf die gesamte kontinentale EU sowie Norwegen, die Schweiz und die Balkanstaaten. Sie berücksichtigten auch Prognosen über die künftige Entwicklung von ländlichen Räumen sowie Ballungszentren.

Die Ergebnisse zeigen ein erstaunlich großes Wiederansiedlungspotenzial, vor allem für den Wolf. Europaweit könnten den Rudeln bis 2040 über zwei Millionen Quadratkilometer zur Verfügung stehen, so die Wissenschafter: Von Portugal bis nach Dänemark wäre fast alles wieder Wolfsland. Für viele eine faszinierende Perspektive.

Jede Lücke nutzen

Natürlich müssten die Tiere diese potenziellen neuen Siedlungsgebiete auch erreichen können, sagt Holderegger. Das größte Hindernis seien heute die zum Teil eingezäunten Autobahnen. „Aber wenn es irgendwo eine Lücke gibt, werden sie diese finden.“ Genau das wird wohl in Castel di Guido in Rom geschehen sein. Am Nordrand des Gebiets verläuft die vierspurige Schnellstraße SS 1. Die Westgrenze des Areals bildet die Autostrada A 12, gleich neben dem Flughafen. Auch eine Ölraffinerie ist in unmittelbarer Nähe. Städtische Peripherie eben.

Das Wolfspaar Numa und Aurelia stamme vermutlich aus dem rund 35 Kilometer nordwestlich gelegenen Regionalpark Bracciano-Martignano oder den benachbarten Tolfa-Bergen, meint Alessia De Lorenzis. Dort gebe es eine stabile Wolfspopulation. Die zwei Neulinge könnten die SS 1 bei einer der Unterführungen für Feldwege und Bachläufe gekreuzt haben. Leider haben Wölfe mitunter die Neigung, auch größere Straßen kurzerhand zu überqueren – was nicht selten tödlich endet.

Im vergangenen Jahr fielen allein in Deutschland 36 Graupelze dem Verkehr zum Opfer. Ein nur wenige hundert Meter langer Autobahnabschnitt bei Turin wurde bereits mehreren Jungwölfen zum Verhängnis. Bahnlinien können ebenfalls eine Gefahr darstellen. Im Juni 2014 wurde in Zürich Schlieren ein Jungwolf von einem Zug überrollt. Numa und Aurelia hatten vielleicht nur Glück.

Das Kernrevier des römischen Wolfspaares umfasse etwa 20 bis 25 Quadratkilometer, erklärt De Lorenzis. Auf ihren Streifzügen dürften die Tiere jedoch weiter gehen. „Um genauere Informationen über ihre Bewegungen zu bekommen, müssten wir mindestens einen von ihnen mit einem GPS-Sender ausstatten.“ Und dafür fehle zurzeit das Geld.

Wildschwein als Hauptspeise

Zum Beutespektrum des neu entstehenden Rudels dagegen können die Lipu-Forscher anhand von Kotproben schon Aussagen treffen. Die Wölfe von Castel di Guido fressen fast ausschließlich Wildschweine, was zu erwarten war. Auch anderswo in Italien steht das wilde Borstenvieh ganz oben auf Canis lupus’ Speiseplan. Am Stadtrand von Rom indes jagen die Graupelze gelegentlich auch Hasen, Stachelschweine und die aus Südamerika eingeschleppten Biberratten (Myocaster coypus), wie De Lorenzis erläutert. Eine wesentliche Rolle spielen diese Beutetiere aber nicht.

Gemäß Hochrechnungen dürfte der gesamte italienische Wolfsbestand mittlerweile auf 1 250 bis 1 800 Exemplare angewachsen sein – Tendenz steigend. Dank den vielerorts so zahlreichen Wildschweinen gibt es genug Nahrung. Auch vor Rom könnten sich bald weitere Paare ansiedeln, sagt De Lorenzis. „Anders als in vielen anderen italienischen oder europäischen Ballungsräumen gibt es hier ländliche Ecken und Agrarflächen, die durch ökologische Korridore miteinander verbunden sind.“

Solche Bereiche bieten diversen Tierarten geeignete Lebensräume – auch Isegrim. Südöstlich der Stadt zum Beispiel, im Wald von Castelli Romani, seien in den vergangenen Jahren schon mehrfach Wölfe herumgestreift. Das Terrain, so scheint es, wird bereits erkundet. De Lorenzis jedenfalls ist begeistert: „Die Rückkehr des Wolfs zeigt, dass Menschen und Beutegreifer koexistieren können, sogar ganz nah an einer Metropole wie Rom.“

Aus dem Umland der norditalienischen Wirtschaftsmetropole Mailand liegen ebenfalls die ersten Meldungen zu Wölfen vor.

Artikel aus der „Neue Zürcher Zeitung“, Syndizierungspartner des „Luxemburger Wort“


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