Wo ein Gewitter abends niedergeht, lässt sich am Morgen schwer voraussagen

"Die Warnung war gerechtfertigt"

Der Weg, den ein Unwetter nimmt, lässt sich Stunden vorher schwer bestimmen.
Der Weg, den ein Unwetter nimmt, lässt sich Stunden vorher schwer bestimmen.
Foto: Lex Kleren

(vb) - Das Bulletin des staatlichen Wetterdienstes las sich vorgestern recht eindrucksvoll: Meteolux gab am Morgen zunächst eine Unwetterwarnung in Form einer „Alerte jaune“ heraus. Um 14.30 Uhr wurde sie auf „Alerte orange“ verschärft. Konkret warnte Meteolux vor Hagelschlag, Windböen um die 100 Stundenkilometer und Starkregen mit bis zu 35 Litern pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde.

Am Abend passierte dann: fast nichts. Außer ganz im Süden und Norden fielen nur paar Regentropfen. Das Gewitter zog ziemlich genau an den Grenzen des Landes vorbei.

„Das Potenzial war da“

Für den staatlichen Wetterdienst gibt es keinen Grund, sich von 
seiner Prognose zu distanzieren. „Die Gewitterzelle hat sich abgeschwächt, bevor sie Luxemburg erreichte, so dass es nur noch Regen war. Das Potenzial für ein starkes Gewitter war aber eindeutig da“, erklärt Martina Reckwerth, Leiterin des staatlichen Wetterdienstes Meteolux am Flughafen Findel.

Grundsätzlich sei es nun einmal schwer vorauszusehen, wie lange Gewitter aktiv sind und wo genau sie niedergehen. Dass das Luxemburger Land über eine kleine Fläche verfügt, spielt für die Vorhersagen nur eine untergeordnete Rolle, sagt die Chefmeteorologin. Bei einem kleinen Land bestehe nur eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Gewitterzellen an dem betreffenden Gebiet vorbeiziehen. Gerade in der hügeligen Landschaft Luxemburgs seien Prognosen, wo Hagel niedergeht oder der Blitz einschlägt, immer mit Unsicherheit behaftet. „Im Flachland lassen sich die Zugbahnen von Unwettern einfacher vorhersehen als im Mittelgebirge“, erklärt Reckwerth.

Auch bei großflächigen Wetterphänomenen wie Starkregen, Hitze oder strenger Frost sei die Treffsicherheit höher. Dem Eindruck, dass Meteolux in letzter Zeit vorsichtiger geworden ist und auch in zweifelhaften Fällen Warnungen aussendet, tritt Martina Reckwerth entgegen: „Wir haben unsere unveränderten Parameter. Wenn die erreicht werden, warnen wir.“

 Die einzige Änderung betrifft die Kommunikationspolitik. Seit zwei Jahren würden Warnungen verstärkt an die Medien weitergegeben. „Wenn sich eine gefährliche Wettersituation abzeichnet, stehen wir auch in engem Kontakt zur Verwaltung der Rettungsdienste und zum ,Haut-Commissariat à la protection nationale‘“.

Die Bevölkerung könne sich im Internet unter meteolux.lu über 
die Bedeutung und Konsequenzen der einzelnen Warnstufen informieren.

Kachelmann: Unwetter 
besser verfolgen

Der Schweizer Meteorologe und TV-Wetterexperte Jörg Kachelmann bestätigt das staatliche Wetteramt in seiner Position. Gewitterprognosen würden sich immer nur auf eine Möglichkeit beziehen. „Die Leute denken, man wüsste morgens, wo um 18 Uhr ein Gewitter aufzieht. Das geht überhaupt nicht! Auch in 100 Jahren werden wir das nicht können.“ Im englischen Sprachraum unterscheide man deshalb zwischen „Watch“ (Aufruf zur Beobachtung) und „Warning“ (Entwicklung von bereits aufgetretenen Stürmen oder Gewittern). Deshalb sei es wichtig, dass Meteorologen ein Gewitter begleiten und bei Bedarf kurzfristige Warnungen an die Bevölkerung aussprechen. „Das macht Meteolux bisher nicht“, sagt Kachelmann. „Meine Sorge ist, dass irgendwann einmal ein großes Hagelgewitter über Luxemburg hinwegzieht und niemand davor gewarnt wird.“