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Wie sich Schizophrenie anfühlen könnte
Lokales 15 1 4 Min. 15.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Wie sich Schizophrenie anfühlen könnte

Etwa fünf Probanden bewegen sich unter Anleitung ihres zugewiesenen Projektleiters durch den Raum.

Wie sich Schizophrenie anfühlen könnte

Etwa fünf Probanden bewegen sich unter Anleitung ihres zugewiesenen Projektleiters durch den Raum.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 15 1 4 Min. 15.10.2018 Aus unserem online-Archiv

Wie sich Schizophrenie anfühlen könnte

Diana HOFFMANN
Diana HOFFMANN
Wie es sich wohl anfühlt, wenn die Psyche eine parallele Realität kreiert? Für gesunde Menschen unvorstellbar, für an Schizophrenie Erkrankte eine schwere Bürde. Um ihr Empfinden ansatzweise nachzuerleben, wurde das Kunstprojekt Labyrinth Psychotica entwickelt.

Stimmen – sie nehmen einen komplett ein. Eine davon sagt: „Wink mal!“ Eine andere fragt: Wieso winkst du?“ „Weil es mir eine Stimme gesagt hat“, so die Antwort. Die beiden Stimmen vermischen sich. Nur mehr ab und an drängen klare Worte einer nebenstehenden Person kurz durch. Doch was ist real und was kommt, in diesem Fall, nun über die Kopfhörer in die Gedankenwelt?

Die Antwort ist bei dem Projekt Labyrinth Psychotica nicht immer klar, denn es handelt sich um eine Animation, die den Probanden im Rahmen der Woche der mentalen Krankheiten eine schizophrene Krise möglichst genau vorgaukeln soll. Den Teilnehmern werden dazu eine Virtual-Reality-Brille und Kopfhörer aufgesetzt. Diese sind mit einem Computer verbunden, der als eine Art Rucksack befestigt wird. So soll der Proband während 15 Minuten erleben, wie es ist, an Schizophrenie erkrankt zu sein, oder zumindest einen Eindruck davon bekommen, wie Vincent Navet, Direktionsbeauftragter im Bereich der Behandlung bei der Ligue Luxembourgeoise d'Hygiène Mentale, erklärt. „Wahrscheinlich ist es nicht zu 100 Prozent die Erfahrung, die ein richtiger Patient macht, aber es soll schon den Extremfall einer Krise relativ real beschreiben.“

Zwei unterschiedliche Welten verschmelzen zu einer

Realität und, bei diesem Experiment eben, die virtuelle Realität vermischen sich. Bei einer richtigen Schizophrenie ist es eben Wirklichkeit und Sinnestäuschung. Für den Betroffenen ist es schwer, beides zu unterscheiden, denn schließlich sind die Stimmen und Bilder, die er wahrnimmt, für ihn eine Realität. Während des Experiments fragt die Leiterin etwa: „Möchten Sie etwas trinken? Dann nehmen Sie sich doch bitte ein Glas vom Tisch vor Ihnen.“ Ein Tisch, wo bitte? Wo gerade der Tisch zu sehen war, fährt jemand auf einem Dreirad einen Gang hinunter. „Was ist los? Stimmt etwas nicht“, fragt eine Stimme. Wie aber soll man nun sagen, dass man keinen Tisch mehr erkennt und wie beschreiben, was man sieht? „Haben Sie etwa keinen Durst mehr?“ „Nein!“

Erfahrungen wie diese braucht ein gesunder Mensch eigentlich keine, denkt man. Doch bei dem Projekt hat sich die Künstlerin Jennifer Kanary etwas gedacht. Das Erleben der Betroffenen soll ansatzweise nachempfunden werden können. Dies soll vor allem Menschen im Umgang mit an Schizophrenie erkrankten Personen helfen. So nehmen etwa Krankenschwestern, Ärzte, Psychologen, Polizisten oder aber auch Angehörige von Betroffenen an dem Experiment teil.

Vincent Navet, Direktionsbeauftragter im Bereich Behandlung bei der Ligue.
Vincent Navet, Direktionsbeauftragter im Bereich Behandlung bei der Ligue.
Foto: Gerry Huberty

Nach einer Viertelstunde ist für die Teilnehmer der Spuk im Kopf vorbei. Für Erkrankte sind Häufigkeit und Dauer einer Krise aber unterschiedlich. Die falschen Sinneswahrnehmungen können in manchen Fällen nur einmal, bedingt durch eine extreme Stresssituation, auftreten. Jedoch ist die Erkrankung chronisch und in den meisten Fällen nur mit einer Psychotherapie und Medikamenten zu behandeln.

Ein Prozent der Weltbevölkerung ist betroffen

Schätzungen nach leidet etwa ein Prozent der Weltbevölkerung an Schizophrenie. In Luxemburg wären das hochgerechnet 6.000 Personen. „Leider wird die Erkrankung immer noch sehr stigmatisiert. Etwa durch das Vorurteil, dass die Erkrankten gefährlich seien“, erklärt Vincent Navet. Dem sei aber nicht so. Sie sind nicht gewaltbereiter als der Rest der Bevölkerung. Die größte Gefahr sind die Personen für sich selbst. Die Suizidrate bei Erkrankten sei sehr hoch, bedauert Vincent Navet.

Ein gewisser Frust macht sich selbst während des Experiments bemerkbar. In der Brille werden Farben sichtbar. Sie wechseln sich ab, laufen ineinander über. Eine Vision! Die Realität ist ausgeblendet. Auf die Ohren gibt es nur Rauschen durch die Kopfhörer. Die Projektleiterin scheint dem Teilnehmer etwas mitteilen zu wollen. Der hört nichts. Er wird immer wieder angestupst. Dreht sich im Kreis. Die objektive Realität der Teilnehmerin ist nicht die subjektive Realität, in der er sich befindet. Alles scheint sich zu vermischen. Der Teilnehmer wird nervöser, resigniert und sagt nichts mehr. Er versucht nicht einmal mehr, auf die Projektleiterin zu reagieren und bleibt einfach im Raum stehen.

Dann klärt sich die Sicht in der Brille allmählich auf. Die Außenwelt ist wieder wahrzunehmen. Das Experiment ist vorbei. Die Projektleiterin nimmt die Brille wieder ab. Was aber bleibt, ist das ungute Gefühl, dass für den Erkrankten der Film nicht einfach so auf einmal zu Ende ist.



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Ein Selbstversuch
15 Minuten dauert die Simulation „Labyrinth Psychotica“ der Künstlerin Jennifer Kanary. Das heißt: 15 Minuten die Kontrolle über Zeit, Raum und Wirklichkeit verlieren. 15 Minuten schizophren sein. Ein Selbstversuch.
Bisher haben 12 000 Personen die Simulation „Labyrinth Psychotica“ gestestet. Alexandra Landré (r.) arbeitet an dem Projekt mit.