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Wenn das "Wir" zählt: Abendlob für Gehörlose in der Kathedrale
Der Domchor sang für die Kirchengemeinde, parallel dazu übersetzte ein Gebärdenchor.

Wenn das "Wir" zählt: Abendlob für Gehörlose in der Kathedrale

Foto: Guy Jallay
Der Domchor sang für die Kirchengemeinde, parallel dazu übersetzte ein Gebärdenchor.
Lokales 6 3 Min. 17.05.2019

Wenn das "Wir" zählt: Abendlob für Gehörlose in der Kathedrale

Sandra SCHMIT
Sandra SCHMIT
Rund 60 Menschen kamen am Donnerstagabend in die Kathedrale, um dort gemeinsam zu singen und zu beten. Die Besonderheit dabei: Mitglieder eines Gebärdenchors und Dolmetscher, die für Gehörlose übersetzten.

Kerzen brennen in der Kathedrale in Luxemburg-Stadt, es riecht nach Weihrauch, aus einzelnen Ecken ertönt leises Geflüster. Viele sitzen bereits auf den Stühlen, einige Nachzügler nehmen noch schnell ihren Platz ein. „Wir wollen gemeinsam beten, jeder auf seine Art und Weise. Die einen mithilfe ihres Mundes, andere mit ihren Händen“, beginnt Jutta Förtsch von der Sonderseelsorge des Erzbistums Luxemburg.


Gebärdensprache ,Veronique Steinmetz. Foto:Gerry Huberty
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Mehr als 60 Menschen sind gekommen, um gemeinsam ein inklusives Abendlob in Laut- und Gebärdensprache zu feiern. Manche sind gehörlos, andere hören nur ganz schlecht. Viele haben ihre Familien oder Freunde mitgebracht. Rund zehn Mitglieder der Pfarrei Walferdingen-Steinsel sitzen ebenfalls in der Kirchengemeinde.

Dass die Pfarrei eigens eingeladen wurde, hat einen Grund. So soll die Öffentlichkeit für die Bedürfnisse der Gehörlosen sensibilisiert werden, denn: „Sie erleben jeden Tag Situationen, in denen sie nicht folgen können, weil sie etwas nicht verstehen. Durch die Organisation eines auf ihre spezifischen Bedürfnisse angepassten Abendlobes, wollen wir auf sie eingehen. Es soll eine Feier sein, die sie anspricht“, erklärt Jutta Förtsch in einem Gespräch vor dem Abendlob.

Von Effata organisiert

Organisiert wird das Abendlob von der katholischen gebärdensprachlichen Seelsorge Effata Lëtzebuerg, deren Angebot sich an Gehörlose, Schwerhörige und an Menschen mit Hörprothese richtet, die durch Gebärdensprache kommunizieren. Die Bezeichnung Effata kommt aus dem Markus-evangelium und bedeutet so viel wie „Öffne dich!“. Unter diesem Motto sorgt Effata dafür, dass zu Weihnachten und Ostern Gottesdienste auch in Gebärdensprache angeboten werden oder hilft gehörlosen Paaren, die sich kirchlich trauen wollen. Und kümmert sich eben auch darum, dass Gehörlose die Oktave im Großherzogtum miterleben können.

Dabei steht nicht nur das Gebet, sondern auch der Gesang im Mittelpunkt. Aus dem Grund stehen am Donnerstagabend rund 20 Sängerinnen und Sänger der Maîtrise Sainte-Cécile vor dem Altar in der Kathedrale. Sie tragen schwarz, haben aber bunte Schals um den Hals geschlungen. Erwartungsvoll blicken sie zu ihrem Dirigenten, Marc Dostert. Neben ihm steht Ralf Schmitz, ein deutscher Priester der Katholischen Gehörlosengemeinde in Trier. Er leitet an diesem Abend einen weiteren, kleineren Chor: den Gebärdenchor, von dem vier Mitglieder in blauen und schwarzen Polo-T-Shirts vor den Sängern der Maîtrise stehen.

Kommunikation dank Hände

Im Gegensatz zu diesen halten die Mitglieder des Gebärdenchors keine Hefte mit den Liedertexten in ihren Händen. Denn die Sänger brauchen ihre Finger, um parallel zum Gesang zu gebärden. Gemeinsam wird nach der Fürbitte von Jutta Förtsch das Lied „Bleib bei uns“ angestimmt. Der Gesang wird von sanften Klavierklängen begleitet. Ein Mann mit Hörgerät der Kirchengemeinde hält zwischen seinen Fingern den Liedtext und liest mit. Hin und wieder gebärdet er einzelne Wörter, so bringt er sich ein und singt auf seine eigene Art mit.

Dass der Chor vor dem Altar steht – und nicht wie man es üblicherweise eher gewohnt ist dahinter –, hat einen guten Grund, wie Jutta Förtsch erklärt: „Gehörlose gleichen mit ihren Augen aus, was sie nicht hören können. Für sie ist eine uneingeschränkte Sicht deshalb sehr wichtig.“ Aus dem Grund steht während des Abendlobes auch niemand auf. So sollen die Zuschauer im Mariendom freie Sicht auf die Sänger haben.

Gebete mit Übersetzung

Zwischen den Liedern tragen Mitglieder aus der Pfarrei Walferdingen-Steinsel kurze Texte vor, auch diese werden in Gebärdensprache übersetzt. Dafür wechseln sich fünf Dolmetscher ab. So wird zusammen gebetet. „Das Abendlob ist sehr intensiv, denn jeder wird dabei einbezogen. Es ist nicht wie bei einer traditionellen Messe, in der vorne eine Person steht und alleine predigt“, erklärt Jutta Förtsch. Nach der Fürbitte einer älteren Frau herrscht sekundenlang Stille. Niemand redet. Nur das leise Surren der Lautsprecherboxen ist in dem Moment zu hören.

Am Ende des Abendlobes wird applaudiert, jeder auf seine eigene Art und Weise: Die einen klatschen in die Hände, andere heben beide Arme in die Luft und winken. Sie alle freuen sich schon auf den anschließenden Besuch auf dem Mäertchen.


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