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Welt-Autismus-Tag: Schwierigkeiten, die Welt zu verstehen
Lokales 3 Min. 02.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Welt-Autismus-Tag: Schwierigkeiten, die Welt zu verstehen

Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Betroffene Kinder verbringen daher meist lieber ihre Zeit alleine.

Welt-Autismus-Tag: Schwierigkeiten, die Welt zu verstehen

Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Betroffene Kinder verbringen daher meist lieber ihre Zeit alleine.
Foto: Shutterstock
Lokales 3 Min. 02.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Welt-Autismus-Tag: Schwierigkeiten, die Welt zu verstehen

Diana HOFFMANN
Diana HOFFMANN
Fast 6.000 Menschen in Luxemburg haben Autismus. Eine Heilung ist ausgeschlossen, doch ein besseres Zurechtfinden in der Gesellschaft kann erlernt werden – von dem Betroffenen, aber auch durch Hilfe aus dem Umfeld.

Wenn der 15-jährige Christopher morgens fünf rote Autos sieht, wird es ein superguter Tag für ihn, davon ist er felsenfest überzeugt. Schließlich ist Rot seine Lieblingsfarbe. Auf andere Menschen wirkt der Junge oft sonderbar, wenn er sich weigert, gelbe und braune Lebensmittel zu essen oder nichts mehr isst, sobald sich etwa Fleisch und Bohnen auf seinem Teller berühren. Den Jungen gibt es jedoch nicht wirklich. Er ist ein fiktiver Charakter aus dem Buch „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“.

Probleme mit der Kommunikation

Doch so wie ihm geht es vielen Menschen, auch in Luxemburg. Fast ein Prozent der Bevölkerung, also rund 5.900 Personen haben Autismus. Wie sie damit leben,ist höchst unterschiedlich. „Das Spektrum von Autismus reicht von einer leichten Störung bis zu einer schwereren Behinderung. Frühere Bezeichnungen wie frühkindlicher Autismus oder Asperger-Syndrom werden heute häufig unter Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst“, erklärt Claude Schmit, Präsident der Fondation Autisme Luxembourg.

Hat eine Person eine milde Form, so sind die Anzeichen, dass sie regelmäßig ein ungewöhnliches Sozialverhalten an den Tag legt. Dies liegt unter anderem daran, dass sie Körpersprache, also nonverbale Kommunikation nicht oder nur schwer beherrscht oder versteht. Wenn eine Person weint, erkennt der Betroffene also nicht, dass diese wahrscheinlich traurig ist. Ein bisschen ist es vergleichbar, als sei man in einem fremden Land, wo niemand die gleiche Sprache spricht. Auch bei bildlicher Sprache oder Ironie können Betroffene meist nicht folgen.

Bei Menschen die von einem schweren Grad von Autismus betroffen sind, gibt es häufig dazu auch Probleme mit der verbalen Kommunikation. Da sie nicht sprechen können, können sie sich nur schwer mitteilen. Claude Schmit, der selbst Vater eines autistischen Jungen ist, gibt ein Beispiel: „Es kann sein, dass die Person sich die Ohren zuhält und schreit, wenn sie Zahnschmerzen hat. Ein solches Verhalten ist schwer zu deuten“. Dass dieses „sich nicht verstehen“ zu Frustration und auch zu aggressivem Verhalten führen kann, ist verständlich. Dazu kommt, in vielen Fällen, dass diese Menschen über- oder unterempfindlich auf Reize, wie etwa Geräusche oder Gerüche, reagieren. Insgesamt ist es für sie kompliziert, Informationen zu filtern und sich so auf eine Sache zu konzentrieren. Die repetitiven Gesten und Handlungen, ohne bestimmtes Ziel, seien wohl, um sich zu beruhigen bei Reizüberflutung, so Claude Schmit.

Da die Betroffenen aufgrund ihrer Schwierigkeit, sich zu integrieren, häufig viel Zeit alleine verbringen, beschäftigen sie sich anderweitig. Dies führt dazu, dass relativ viele Menschen mit einer leichten Form von Autismus eine Inselbegabung entwickeln. Manche kennen etwa das Telefonbuch auswendig, andere wissen fast alles über den Amerikanischen Bürgerkrieg.

Die Ursache ist bisher unbekannt

Die Ursache der Behinderung ist weiterhin unklar. Jedoch ist heute gewusst, dass bei den Betroffenen eine neurologische Störung im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation im Gehirn vorliegt. Es ist anzunehmen, dass eine genetische Prädisposition existiert. Epilepsie ist häufig eine Begleiterscheinung von schwerem Autismus, die möglicherweise durch die Störung im Gehirn ausgelöst wird. Lange Zeit hatte sich auch die These gehalten, dass die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Autismus auslösen könne. Die Behauptung ist aber mittlerweile mehrfach widerlegt worden.

Für alle Betroffenen gibt es Behandlungsmöglichkeiten, jedoch keine Heilung. Sie können lernen, sich im Alltag zurechtzufinden, indem sie Regeln einstudieren, etwa, wie sie sich in einer gewohnten Situation angemessen verhalten. „Manchmal fühle ich mich wie auf einem fremden Planeten und muss die Gepflogenheiten mühsam lernen“, drückt es ein autistischer Junge aus.

Fast alle Betroffenen brauchen zwar lebenslang Hilfe im Alltag, es kann aber sein, dass sie lernen, irgendwann ein relativ autonomes Leben zu führen, was jedoch stark vom Grad ihrer Behinderung abhängt.

Autismus erkennen

Wichtig sei aber auch die Aufklärung des Umfeldes über die Behinderung, sagt Claude Schmit. Häufig wird Autismus im dritten Lebensjahr diagnostiziert, da sich dann das Sozialverhalten entwickelt. Doch regelmäßig wird die Störung erst im Erwachsenenalter entdeckt. Um dies zu verhindern, sollte das Schulpersonal ausgebildet werden, rät Schmit. So werden betroffene Kinder nicht als störend und unsensibel wahrgenommen, sondern erhalten frühzeitig Hilfe. Dass Menschen mit Autismus keine Gefühle hätten, ist nämlich ein verbreiteter Irrtum. Es ist eben schwer, mitzuteilen, wie es einem geht, wenn niemand einen versteht.



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