Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ein Stern leuchtet in die Zelle
Lokales 3 Min. 25.12.2014 Aus unserem online-Archiv
Weihnachten in einer vergitterten Welt

Ein Stern leuchtet in die Zelle

Ausschnippeln und Freude machen.
Weihnachten in einer vergitterten Welt

Ein Stern leuchtet in die Zelle

Ausschnippeln und Freude machen.
FOTO: MARC THILL
Lokales 3 Min. 25.12.2014 Aus unserem online-Archiv
Weihnachten in einer vergitterten Welt

Ein Stern leuchtet in die Zelle

Zum Weihnachtsfest bringen sie etwas Wärme hinter die grauen Gefängnismauern. Sie singen Weihnachtslieder und verschenken selbst gebastelte Sterne. „Da Capo“ nennt sich diese Gesangsgruppe, deren einzige Auftritte in der Öffentlichkeit allein den Häftlingen in Schrassig vorbehalten sind, wobei aber hier das Wort „Öffentlichkeit“ 
etwas fehl am Platz ist.

von Marc Thill

Wer einmal in Schrassig im Gefängnis zu Besuch war, weiß es: Der „Prison“ ist ein undurchsichtiges Labyrinth und eine komplexe Architektur der Strafe. Endlose Korridore führen vorbei an winzigen Zellen, in denen die Häftlinge mit ihrer Tat, ihrem Verbrechen, ihrer Strafe aber auch mit ihren Ängsten, Gefühlen und bösen Erinnerungen alleine sind. Dabei werden die Zellen zu stummen Zeugen, die hohen Gefängnismauern zu Klagemauern, zu Mauern der Verzweiflung, der Zwietracht und der Wut.

Das ist der graue Alltag in einem Gefängnis. Tag für Tag, jahraus, jahrein. An Weihnachten wird dieses Leben zwischen Klammern noch um einiges schlimmer. Wenn andere mit ihren Familien, Verwandten, Freunden und Bekannten das große Fest der Familie feiern, dann verbringen Häftlinge diesen Tag einsam und abgesondert in ihren Zellen, fern von der Familie, fern von Ehefrau, Partner und Kindern ...

Der Pfarrverband Sandweiler denkt an Weihnachten auch an die Inhaftierten in Schrassig.
Der Pfarrverband Sandweiler denkt an Weihnachten auch an die Inhaftierten in Schrassig.
FOTO: MARC THILL

Um dieser Tristesse ein bisschen entgegenzuwirken und um etwas Wärme, etwas Mitgefühl und ein ein kleines Lächeln hinter die Gefängnismauern zu bringen, kommen jedes Jahr zu Weihnachten eine Handvoll Sänger nach Schrassig, wo sie die Messe mit den Häftlingen feiern, Weihnachtslieder singen und jedem einen selbst gebastelten Weihnachtsstern schenken. „Da Capo“ nennt sich diese Gesangsgruppe, die eigentlich nur diesen einzigen Auftritt hat, das aber schon seit mehr als 20 Jahren. Es sind älter gewordene ehemalige Scouts, die der ehemalige Gefängnisaumônier Mark Kubajak einmal zu dieser Aktion angeregt hatte.

„Ihr habt mir geholfen“

Oetringen, im Dezember an einem Montagabend: Weihnachten steht vor der Tür. Der Ortskern ist leergefegt, nur in der Kirche brennt Licht. Darin haben sich vor dem Altar und den brennenden Adventskerzen einige Männer und Frauen vom Pfarrverband Sandweiler versammelt. Sie reden darüber, wie die Welt etwas besser sein könnte, und auch über die Haftanstalt. Unter ihnen ist Myriam Di Santolo, einer der Sängerinnen, die dieses Jahren am zweiten Weihnachtstag im Gefängnis singen wird. Übrigens, auch Erzbischof Jean-Claude Hollerich wird am 26. Dezember die Häftlinge im Gefängnis besuchen.

Noch ein weiterer Gast hat sich für diesen Abend angemeldet. Es ist ein ehemaliger Häftling. Er saß mehr als elf Jahre in Schrassig und kam erst vor zwei Wochen frei: Max N.*

Ein Stern gegen das Alleinsein an Weihnachten.
Ein Stern gegen das Alleinsein an Weihnachten.
Foto: Marc Thill

Er spricht über das Leben in Schrassig, über Weihnachten, und über das klamme Gefühl an diesen Festtagen. „11 Jahre, das ist eine lange Zeit, eine schlechte Zeit“, sagt der Ex-Häftling und erzählt über Weihnachten im Knast. „Man ist von der Familie isoliert, abends hat man nur noch den Fernsehapparat in seiner Zelle, mit dem man reden kann.“

Natürlich habe er sich jedes Mal darüber gefreut, wenn er eine Wunschkarte oder einen Weihnachtsstern von Da Capo geschenkt bekam, es sei ein Geschenk einer unbekannten Person gewesen, „etwas, was einem dann doch für einen kurzen Moment das Herz mit Freude erfüllt hat“. Max N.* bedankt sich an diesem Abend bei allen für diese kleine Geste, auch im Namen seiner ehemaligen Mitgefangenen, die auch dieses Jahr wieder Weihnachten „da oben“ verbringen werden.

Fliehen, ausbrechen, durchbrennen, türmen ... es gibt eine Vielzahl an Bezeichnungen dafür. Die schönste aber ist die französische: „se faire la belle“, eine Redewendung, die sich vermutlich von „à la belle étoile“, unter freiem Himmel, ableitet.

„La belle étoile“

„La belle étoile“, der schöne Stern, der wegweisende und hell leuchtende Weihnachtsstern – die Pfarrangehörige basteln ihn an diesem Abend. Dazu gibt es Verstärkung: Glühwein, Tee und Kuchen. Oft sind es ältere, zittrige Hände, die die Zacken herausschnippeln. „Doch auch die Kinder in den Schulklassen helfen in den Tagen vor Weihnachten“, erklärt Myriam Di Santolo, eine der Verantwortlichen von „Da Capo“.

Und auch Max N*, der Ex-Häftling, greift an diesem Bastelabend in der Pfarrkirche zu Papier und Schere. Was er dabei empfindet? Die Frage erübrigt sich, und wird nicht gestellt. Die Antwort hätte vermutlich gelautet: Die Freude darüber, anderen das zu geben, was man auch während vielen Jahren geschenkt bekam. Etwas Licht bringen in eine dunkle, vergitterte Welt.

* Der Name wurde von der Redaktion verändert.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema