Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Was in Waldhof passiert sein könnte
Lokales 4 Min. 15.02.2019

Was in Waldhof passiert sein könnte

Durchschnittlich 250 Mal im Jahr müssen in Luxemburg Munitionsreste und Blindgänger aus beiden Weltkriegen geborgen werden – eine tödliche Gefahr für die Soldaten des „Service de déminage“.

Was in Waldhof passiert sein könnte

Durchschnittlich 250 Mal im Jahr müssen in Luxemburg Munitionsreste und Blindgänger aus beiden Weltkriegen geborgen werden – eine tödliche Gefahr für die Soldaten des „Service de déminage“.
Foto: Chris Karaba / Luxemburger Wort
Lokales 4 Min. 15.02.2019

Was in Waldhof passiert sein könnte

Zwei Sprengstoffexperten sterben bei einem scheinbaren Routinevorgang im Armeedepot Waldhof. Warum beim Entsorgen von Weltkriegsmunition immer ein Restrisiko bleibt.

Von Jörg Tschürtz und Michel Thiel

Im Camp Major Jules Dominique in Waldhof, einem Munitionslager der Armee und Stützpunkt des Kampfmittelräumdienstes Sedal, ist am Donnerstagvormittag eine Artilleriegranate aus dem Zweiten Weltkrieg detoniert. Zwei Unteroffiziere kamen bei dem Zwischenfall ums Leben. Ein weiterer Soldat befand sich am Freitag weiterhin in ernstem Zustand, ein vierter wurde leicht verletzt. Ermittler untersuchen nun, warum die Granate bei einem laut offiziellen Angaben „routinemäßigen Vorgang“ explodieren konnte. 


Waldhaff , Militärlager Armee  , Explosion Munition , 2 Tote , 2 Verletzte , Foto:Guy Jallay/Luxemburger Wort
Waldhof: Unteroffizier weiter in ernstem Zustand
Zwei Tote, zwei Schwerverletzte – so die Bilanz des Unglücks in Waldhof am Donnerstag. Am Freitag gab Ressortminister François Bausch neue Einzelheiten über den Gesundheitszustand der Verletzten bekannt.

Das „Luxemburger Wort“ bat Gerhard Schmitt, Experte für Kampfmittelbeseitigung und Ausbildungsleiter bei der Deutschen Feuerwerker Ausbildungs- und Beratungsgesellschaft mit Sitz in Stein-Neukirch (Rheinland-Pfalz), um eine allgemeine Einschätzung zu dem Zwischenfall in Waldhof. „Je nach Zusammensetzung verändern sich die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Explosivstoffe und dadurch werden Granaten oder andere Kampfmittel mit der Zeit immer empfindlicher für Stöße und Schläge“, erklärt Schmitt. Eine stärkere Belastung kann ausreichen, um eine fatale Explosion auszulösen – selbst dann, wenn der Zünder an der Bombe fehlt, wie es offenbar bei der Luxemburger Artilleriegranate der Fall war. 

Tickende Zeitbomben

Von den womöglich Tausenden Granaten und Bomben, die im Großherzogtum noch in der Erde stecken, geht eine tödliche Gefahr aus. Das Geschoss aus Waldhof schlummerte wahrscheinlich mehr als 70 Jahre lang als Blindgänger im Luxemburger Boden. Weil das Munitionserbe aus dem Zweiten Weltkrieg durch Witterungseinflüsse, chemische Zersetzung oder Korrosion immer instabiler wird (siehe Infobox), wird auch der Job der professionellen Bombenentschärfer praktisch jeden Tag gefährlicher. „So etwas wie Routine gibt es bei der Handhabung von Kampfmitteln nicht“, betont der Experte. „Die Ausbildungsanforderungen in der Kampfmittelbeseitigung werden immer höher. In den Entschärfungsdiensten sind Spezialisten und erfahrene Leute tätig. Einen Laien lassen Sie da nicht ran.“ 

Die Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg in der Region sind enorm: Gut 73 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen werden im Westen Deutschlands, je nach Bundesland, immer noch zwischen 65 und 150 Tonnen jährlich an Granaten, Fliegerbomben oder Minen geborgen. „Und niemand weiß, wie viel davon noch im Boden liegt“, sagt Schmitt. Auch den Spezialisten vom Sedal wird einiges abverlangt: Jedes Jahr müssen die Sprengstoffexperten etwa 250 Mal ausrücken, um explosives Material zu sichern. 

Der Umgang mit Kampfmitteln erfordert enorme Sorgfalt, Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Schmitt über das Prozedere: „In der Regel erfolgt zunächst eine Bestimmung des Munitionstyps. Das geht normalerweise ziemlich schnell. Danach wird eine Risikoanalyse vorgenommen.“ Doch selbst erfahrene Entschärfer können nicht immer abschätzen, wie es im Inneren einer Bombe aussieht. Immer wieder geraten Einsätze außer Kontrolle. 2007 kam es in Ressaincourt bei Metz (F) zu einem sehr ähnlichen Zwischenfall wie in Waldhof, bei dem zwei Sprengstoffexperten starben. Auch hier war eine bereits entschärfte Granate beim Verladen explodiert. Glimpflich endete hingegen im Juli 2018 die Detonation einer Weltkriegsgranate während eines Transports auf der Autobahn A1 bei Wittlich (D). Verletzte gab es nicht, doch der Pick-up des Kampfmittelräumdienstes und zwei weitere Fahrzeuge wurden bei dem Vorfall teils schwer beschädigt. 

Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.