War auch Fischbach machtlos?

Gestern stand mit dem früheren Minister der öffentlichen Macht und späterem Justizminister Marc Fischbach ein Schlüsselzeuge vor Gericht. Seine Aussagen lassen den Schluss zu, dass Gendarmeriekommandant Aloyse Harpes sich nicht sonderlich verpflichtet fühlte, mit seinem politischen Vorgesetzten zu kooperieren.

Marc Fischbach und Aloyse Harpes Anfang November 1985 nach dem Banküberfall auf die BIL, bei dem der junge Polizist Patrice Conrardy erschossen wurde. Das Verhältnis zwischen dem Minister und dem Gendarmerieoffizier war angespannt.
Marc Fischbach und Aloyse Harpes Anfang November 1985 nach dem Banküberfall auf die BIL, bei dem der junge Polizist Patrice Conrardy erschossen wurde. Das Verhältnis zwischen dem Minister und dem Gendarmerieoffizier war angespannt.
(Foto: Lé Sibenaler)

(mth) - Die Zeugenaussagen Marc Fischbachs zeichnen ein erschreckendes Bild von den politischen Rahmenbedingungen der 1980er Jahre, unter denen die Anschlagsserie und die erste Phase der Ermittlungen stattfanden. Fischbach, der zwischen 1984 und 1989 als Minister der öffentlichen Macht auch die politische Verantwortung für Armee und Gendarmerie innehatte, erklärte gestern vor Gericht, er habe sich als Minister angesichts der Anschläge stets bemüht, möglichst fähige Ermittler einzusetzen und die Armee zur Unterstützung einzubinden, um die Attentäter zu stoppen. Auf der höchsten Führungsebene der Sicherheitskräfte habe man ihm jedoch klar zu verstehen gegeben, dass die Chancen, die Attentäter anders als auf frischer Tat zu fassen unter den gegebenen Umständen „sehr gering“ seien.

Fischbach zufolge seien seine Anregungen und Forderungen nach einer Verstärkung der Ermittlungsbemühungen bei der Gendarmeriespitze nicht nur auf Ablehnung, sondern geradezu auf Misstrauen gestoßen. Vor dessen Ausscheiden als Gendarmeriekommandant im Oktober 1986 habe er beispielsweise Colonel Jean-Pierre Wagner gebeten, möglichst umfassende Maßnahmen zum Schutz wichtiger Infrastrukturen gegen Anschläge zu treffen. Als er sich zu einem späteren Zeitpunkt über diesen Sicherheitsplan habe informieren wollen, habe Wagner ihm lediglich mitgeteilt, der Plan sei fertiggestellt, sich jedoch geweigert, weitere Details preiszugeben – mit dem Argument, die Vertraulichkeit sei auf Ebene des Ministeriums nicht gegeben.

"Ich musste glauben, was man mir sagte"

Mit anderen Worten: Der Gendarmerieoffizier Wagner sah seinen direkten politischen Vorgesetzten nicht als vertrauenswürdig an oder wie Fischbach es gestern ausdrückte: „Ich musste glauben, was man mir sagte. Aber mir wurde offensichtlich vieles nicht gesagt“.

Ein Misstrauensverhältnis, das sich laut Fischbach unter Wagners Nachfolger Aloyse Harpes noch verstärkte. Das Verhältnis zu dem neuen Gendarmeriekommandanten, welchen Fischbach als „autoritär und sehr auf Eigenständigkeit bedacht“ empfunden habe, sei angespannt gewesen und es sei oft zu harten Auseinandersetzungen gekommen. Fischbach wies vor Gericht entschieden zurück, jemals Ermittlungen gebremst oder Informationen zurückbehalten zu haben und bezeichnete sämtliche Vorwürfe, die in diesem Sinne aus Presseberichten hervorgingen als völlig haltlos – Fischbach ist in diesem Zusammenhang auch bereit, sich vor Gericht jenem Ermittler zu stellen, der in einer Aktennotiz vermerkt hatte, der Ex-Minister habe angedeutet, er wisse über eine Insiderspur innerhalb der Sicherheitskräfte.

Colonel Gretsch bleibt bei Aussage zu Stay Behind

Ein weiterer interessanter Moment der gestrige Sitzung war die Gegenüberstellung der Ermittler Pierre Kohnen und Fernand Ruppert sowie dem Ex-Armeechef Colonel Michel Gretsch. Laut Kohnen hatte Gretsch ihm nach dem Selbstmord des Waffenmeisters der Polizei Henri Flammang eine Mitgliederliste von Stay Behind gezeigt. Gretsch stritt dies jedoch kategorisch ab und blieb auch gestern bei seiner Aussage.