Vorzeigemodell in Palliativpflege

Lebensqualität im Fokus - auch am Lebensende

Im Haus Omega haben viele Bewohner ein Zimmer mit Terrasse und Zugang zum Garten. Ehrenamtliche 
Helfer nehmen sich die Zeit, die unheilbar Kranken bei den Spaziergängen zu begleiten.
Pierre Matgé

Von Laurence Bervard

Für Menschen mit einer unheilbaren Krankheit ist es oft unwahrscheinlich schwer, den bevorstehenden Tod zu akzeptieren. Viele wollen nicht wahrhaben, dass jegliche Fortführung von medizinischer Therapie keine Verbesserung ihres Zustandes mehr bringt. Wie man im "Haus Omega" sieht, müssen die verbleibenden Wochen aber nicht aus schlechten Momenten, Angst und Schmerzen bestehen. Hier gibt die Vereinigung „Omega 90“ ihnen die Möglichkeit, ihre letzten Tage, Wochen oder Monate wahrhaftig zu genießen und verwöhnt sie zur Entlastung der Schmerzen mit Massagen und Aromatherapie. Hier, wo der Erhalt des Lebens nicht mehr möglich ist, werden der Erhalt der Lebensqualität und Schmerzlinderung durch Palliativpflege großgeschrieben.

Im Gegensatz zu dem, was man annehmen könnte, ist das Betreten des "Haus Omega" von einer Aura der Ruhe und der Akzeptanz umgeben. Beim Betreten des Hauses lächeln einen sowohl die Pfleger als auch die Kranken an – jeder kennt jeden, alle wissen einander zu schätzen. Es ist eine ausgiebige, sehr persönliche Betreuung, bei der das Personal oft enge Beziehungen zu den Bewohnern aufbaut und sich Zeit für sie nehmen kann. Für die 15 Bewohner stehen 20 Pfleger zur Verfügung. Hinzu kommt eine Gruppe von ehrenamtlichen Helfern, die beliebig bei den Bewohnern vorbeischauen, mit ihnen reden, sie unterstützen, oder sie bei ihren Spaziergängen um den Teich im Garten begleiten.

Pierre Matgé

Vergangenes Jahr entschieden sich 109 unheilbar kranke Menschen für diese Betreuungseinrichtung, wie aus dem Jahresbericht der Vereinigung „Omega 90“ hervorgeht, der am Montag vorgestellt wurde.

„98 Menschen sind vergangenes Jahr hier gestorben, sechs Menschen konnten wieder nach Hause gehen“, so Henri Grün, Direktor der Vereinigung „Omega 90“. Wie er erklärt, sei die Entwicklung einiger Krankheiten schwer vorauszusehen. „Es gibt jedes Jahr wieder Menschen, die nach ihrem Aufenthalt bei uns eine Verbesserung des Zustandes feststellen und danach noch zwischen einem und drei Jahren zu Hause leben können“, weiß Henri Grün. Die meisten Menschen bleiben zwischen einer und vier Wochen. Das Durchschnittsalter beträgt 72 Jahre.

186 Kinder begleitet

Die Familien der sterbenden Menschen lässt „Omega 90“ nicht allein. „Trauer ist etwas normales und natürliches, und es geht darum, den Menschen zu helfen, ihre Ressourcen zu aktivieren“, erklärt Henri Grün. Den Familien wird bereits beim bevorstehenden Verlust eines Angehörigen eine psychologische Betreuung, Trauer- und Mediationsgruppen angeboten. Zusätzlich zur Einzelberatung werden für Kinder und Erwachsene Gruppen zur Trauerbewältigung angeboten. 2016 wurden 792 Erwachsene und 186 Kinder begleitet. Insgesamt wurden 2 861 Therapie- und Beratungsgespräche geführt.

Mit diesen Zahlen stößt die Beratungsabteilung an ihre Grenzen. „Unsere Beratungsaktivität kennt seit 2009 einen Anstieg von 85 Prozent. Unser Personal konnte aber nicht gleichermaßen aufgestockt werden“, erklärt der Finanzbeauftragte Fabian Weiser. Diese Aktivität wird demnach von den Spenden mitfinanziert. „Wir wollen garantieren, dass wir in akuten Fällen schnell reagieren können und es nicht, wie in anderen Beratungsstellen, eine zwei- bis dreimonatige Wartezeit gibt“, erklärt Henri Grün.

Ausgaben von 5,4 Millionen Euro

Die Ausgaben der Vereinigung bezifferten sich 2016 auf 5,4 Millionen Euro. Die Vereinigung wird zum Großteil von der Krankenkasse CNS, dem Familienministerium und dem Gesundheitsministerium finanziert. Spenden in Höhe einer halben Million Euro deckten elf Prozent der Ausgaben der Vereinigung.

Spenden in Höhe von rund 265 000 Euro wurden für die Trauerbegleitung und die psychologische Unterstützung von sterbenden Menschen und ihre Familien eingesetzt. Spenden von etwa 180 000 Euro wurden für den Ausbau des Pflegeteams im "Haus Omega benutzt". Die Vereinigung zählte 2016 38 Vollzeit-Mitarbeiter und 64 ehrenamtliche Helfer.


Pierre Matgé

"Es fehlt an einem Gesamtkonzept"

Vergangenes Jahr bildete "Omega 90" zudem 850 Mitarbeiter des Gesundheitssektors in Palliativpflege aus. In diesem Zusammenhang stellt die Vereinigung in den Alten- und Pflegeheimen unterschiedliche Vorgehensweisen in der Betreuung der Patienten am Lebensende fest. Deshalb fordert der Direktor die Ausarbeitung eines nationalen Palliativkonzepts, das von allen Akteuren des Gesundheitssektors bekannt und in allen Pflegeeinheiten umgesetzt werden könnte.

„Es fehlt an einem Gesamtkonzept, um herauszufinden, wohin Luxemburg in den kommenden Jahren steuern will“, bemängelt Grün. Je nach Einrichtung mangele es dem in Palliativpflege geschulten Personal manchmal an der Unterstützung ihrer Direktion. In diesem Zusammenhang startete „Omega 90“, gemeinsam mit acht Alten- und Pflegeheimen, das Pilotprojekt „Palliative Geriatrie“, um in diesen Einrichtungen eine palliative Kultur zu entwickeln und den Bewohnern bis zum Tod eine bestmögliche Lebensqualität zu garantieren.