Vor zwei Jahren begann Bommeleeër-Prozess

Bommeleeër: Von vier Spuren blieb am Ende eine

Der Prozess ist ausgesetzt, doch die Justiz arbeitet mit Hochdruck an einer Wiederaufnahme

Jos Wilmes (l.) und Marc Scheer (r.) mit ihren Anwälten Lydie Lorang und Gaston Vogel beteuerten von Anfang an ihre Unschuld. Im Prozess ging es bislang jedoch nur wenig um die beiden Angeklagten.

Von Michel Thiel und Steve Remesch

Auf den Tag genau vor zwei Jahren begann der größte Gerichtsprozess in der Luxemburger Kriminalgeschichte. Zunächst ging man davon aus, dass das gesamte Verfahren etwa drei Monate dauern könnte. 18 Monate und 177 Verhandlungstage später wurde das Land eines besseren belehrt: Die Attentatsserie aus den 1980er Jahren ist immer noch nicht aufgeklärt und der Prozess steht für unbestimmte Zeit still.

Viele, allen voran die Verteidiger der beiden angeklagten Ex-Gendarmen Scheer und Wilmes, gehen davon aus, dass Aussetzung des Prozesses endgültig sein wird und, dass die Verhandlungen nicht wieder aufgenommen werden.

Dennoch stehen die Ermittlungen nicht still. Acht Kriminalpolizisten, das sind deren mehr als vor dem Prozess, arbeiten an dem Fall. Sie beschäftigen sich dabei weniger mit den Beschuldigten Marc Scheer und Jos Wilmes, die seit Prozessbeginn am 25. Februar 2013 kaum eine Sitzung verpasst haben, als mit jenen Personalien, die sich im Prozessverlauf durch ihr verdächtiges Auftreten und zweifelhafte Aussagen selbst belastet haben. Dabei handelt es sich um ehemalige Gendarmerieoffiziere sowie um ein früheres Mitglied der Gendarmerie-Spezialeinheit „Brigade Mobile“. Letztere könnte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft die Bombenattentate ausgeführt haben. Die Drahtzieher sehen die Ankläger nach wie vor in der höheren Befehlskette der Gendarmerie.

Derzeit führen die Sonderermittler jene Untersuchungsaufgaben aus, welche die vorsitzende Richterin Sylvie Conter angeordnet hat. Als besonders zeitaufwendig entpuppt sich dabei der Abgleich der Aussageprotokolle der neuen Tatverdächtigen. Eine „regelrechte Sisyphusarbeit“, wie zu erfahren ist, welche demnach auch 2015 noch nicht abgeschlossen werden dürfte. Unter der Leitung von Untersuchungsrichter Ernest Nilles wird ermittelt, ob es ausreichende Beweise gibt, um Anklage gegen die Offiziere Aloyse Harpes, Pierre Reuland, Guy Stebens, Armand Schockweiler und Charles Bourg, sowie den Gendarmen Marcel Weydert zu erheben. Sie alle könnten sich in einem zweiten Prozess auf der Anklagebank neben Scheer und Wilmes wiederfinden.

Im Prozessverlauf standen die beiden Angeklagten paradoxerweise nur selten im Rampenlicht. Der Prozess wurde im Juli 2014 unmittelbar vor der Sommerpause auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Bei der Wiederaufnahme im darauffolgenden Herbst sollte sich die Kriminalkammer ursprünglich zunächst mit den Vorwürfen gegen Scheer und Wilmes befassen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Der Prozess erlaubte es der Kriminalkammer allerdings, die Spreu vom Weizen zu trennen, sprich Verschwörungstheorien und Fabulierer als solche zu entlarven. Als unhaltbar erwiesen sich etwa die Hypothesen um Prinz Jean und das Nato-Geheimnetzwerk „Stay Behind“ (siehe unten).

Im Brennpunkt der Ermittlungen steht demnach nach wie vor die Gendarmerie. Je weiter der Prozess voranschritt, desto deutlicher schälte sich heraus, dass die Täter wohl aus den Reihen der Sicherheitskräfte stammen müssen. Ein über alle Zweifel erhabenes Motiv ist allerdings immer noch nicht nachzuweisen. Fragen wirft auch die Rolle des BMG-Gründers Ben Geiben auf. Auch hier bleibt abzuwarten, was die laufenden Ermittlungen ergeben.

Die vier wichtigsten Thesen im Überblick:

Die Rache des „schwarzen Prinzen“

Märchenstunde auf Stammtischniveau

Jean Nassau 2014 in Luxemburg.
Jean Nassau 2014 in Luxemburg.
Foto: Serge Waldbillig

Die Hypothese und das Motiv:

Die Attentate wurden von Jean von Luxemburg, dem jüngeren Bruder des derzeitigen Großherzogs Henri, sowie eventuellen Helfern verübt. Als Motiv wird ein Racheakt des Prinzen am großherzoglichen Hof, beziehungsweise am luxemburgischen Staat postuliert. Auslöser soll ein angebliches Zerwürfnis zwischen dem Prinzen und seinem Vater aufgrund der Beziehung Jeans zu seiner späteren ersten Gattin, der bürgerlichen Hélène Vestur, gewesen sein. Prinz Jean verzichtete kurz nach den Attentaten tatsächlich auf sein Thronfolgerecht, was als zusätzliches Indiz gewertet wurde.

Die Verdächtigen:

Jean Nassau, ehemals Prinz Jean von Luxemburg, sowie möglicherweise Unterstützer aus Sicherheitsapparat und Politik, die den Skandal hätten ersticken können, um die Monarchie zu schützen. Zeitweise waren auch Gerüchte im Umlauf, die wahlweise Jeans Bruder, den Prinzen Guillaume, oder gar den aktuellen Großherzog Henri als mögliche Täter handelten.

Derzeitige Glaubwürdigkeit:

Quasi null. Die Ermittlungen der Kripo förderten nichts zutage, das die Hypothese stützen könnte. Allein schon das angebliche Tatmotiv erscheint an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem hielt sich das Gerücht über den „Bombenleger-Prinzen“ seit den Anschlägen hartnäckig: Die romantische Vorstellung, ein Mitglied des Herrscherhauses könnte als „schwarzer Prinz“ in die Attentate verstrickt sein, bediente offenbar recht tief verwurzelte Vorurteile und Fantasien.

Relevanz während des Prozesses:

Allein schon aus Gründen der Rufschädigung aufgrund der Gerüchte gegen Jean Nassau wurde in diese Richtung ermittelt. Die wenigen Zeugen, die gegenüber den Ermittlern direkt oder indirekt (also vom Hörensagen) Hinweise auf einen Tatverdacht gegen den Prinzen geäußert hatten, wurden im Prozess angehört. Keiner konnte jedoch stichhaltige Informationen liefern, die die Hypothese bestätigen könnten. Ein Alibi des Prinzen, das auf Wunsch der Verteidigung überprüft wurde, wurde für glaubwürdig befunden. Jean Nassau äußerte sich nach dem Prozessabbruch im Interview mit dem „Luxemburger Wort“ zu den Vorwürfen, die er für sich und seine Familie als sehr belastend erlebte.

Staatsterror durch „Stay Behind“

Spielwiese für Verschwörungstheoretiker

Geheime Mitgliedsliste von „Plan“.
Geheime Mitgliedsliste von „Plan“.
Foto: Unbekannt

Die Hypothese und das Motiv:

Die Attentate wurden von “Plan”, dem luxemburgischen Ableger, des geheimen Nato-Netzwerks “Stay Behind” verübt, um im Rahmen des Kalten Kriegs politische Unruhe zu stiften und eine Stärkung des staatlichen Sicherheitsapparates zu bewirken. Grundlage der These sind ähnliche Zwischenfälle in Italien, wo das Stay-Behind-Netzwerk „Gladio“, Mitarbeiter von Geheimdiensten und Sicherheitskräften, sowie Politiker zwischen 1964 und 1980 in einer Reihe von Terroranschlägen und subeversiven Aktionen verstrickt waren.

Die Verdächtigen:

Einzelne eingeweihte Mitarbeiter des luxemburgischen Geheimdienstes Srel oder des Stay-Behind Netzwerks „Plan“, sowie möglicherweise Unterstützer aus Armee, Gendarmerie, Polizei, Verwaltungsapparat und Politik.

Derzeitige Glaubwürdigkeit:

Sehr gering. Jahrzehntelange Ermittlungen der Kripo sowie Nachforschungen der zuständigen Parlamentsausschüsse zu „Plan“ und Srel erbrachten keine Hinweise, welche für diese Hypothese sprechen würden. Allein schon die hohe Anzahl der hypothetischen Mitwisser spricht gegen eine breit angelegte Verschwörung dieser Art, die sehr schwer, wenn nicht unmöglich während so langer Zeit hätte geheim gehalten werden können. In Italien etwa flogen die Terroraktionen von „Gladio“ auf, nachdem immer mehr beteiligte Personen sich gegenüber der Justiz öffneten.

Relevanz während des Prozesses:

Kaum eine andere Hypothese zum Hintergrund der Anschläge förderte so viele zweifelhafte Aussagen vermeintlicher Zeugen zu Tage wie diese, zumal dies aktiv von der Verteidigung gefördert wurde – nicht aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit, sondern vor allem, weil sie die beiden Beschuldigten entlastet. Da die Hypothese ebenfalls im gesamteuropäischen Kontext attraktiv erscheint, rief sie eine der absurdesten Zeugenaussagen des bisherigen Verfahrens hervor – jene des deutschen Johannes Kramer, der haarsträubende Aussagen über die mutmaßlichen Urheber der Anschläge sowie die Verwicklung seines Vaters, eines angeblichen Agenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes machte. Eine Überprüfung ergab keine neuen Erkenntnisse. Kramer gilt mittlerweile als Hochstapler, ein psychiatrisches Gutachten wurde erstellt.

Ben Geiben, die „beste Spur“

Zahlreiche offene Fragen, widersprüchliche Aussagen

Ben Geiben 2013 als Zeuge vor Gericht.
Ben Geiben 2013 als Zeuge vor Gericht.
Foto: Marc Wilwert

Die Hypothese und das Motiv:

Die Attentate wurden von Ben Geiben, dem ehemaligen Kommandanten der Eliteeinheit „Brigade Mobile“ der luxemburgischen Gendarmerie (BMG), geplant und durchgeführt. Als mögliches Motiv wird angeführt, dass Geiben im konservativen Luxemburg der 1980er-Jahre aufgrund seiner Homosexualität gezwungen worden sei, aus der Gendarmerie auszutreten. Die Attentate wären demnach seine Revanche gewesen und zugleich ein Mittel, um die angebliche Inkompetenz der Offiziersebene und die unzureichenden Mittel der Sicherheitskräfte anzuprangern.

Die Verdächtigen:

Ben Geiben sowie einige eingeweihte Komplizen aus den Reihen der BMG, die aus Loyalität gegenüber ihrem früheren Kommandanten gehandelt haben könnten.

Derzeitige Glaubwürdigkeit:

Bestenfalls mittelmäßig. Nach der Aussetzung des Verfahrens gegen die beiden ehemaligen BMG-Mitglieder Marc Scheer und Jos Wilmes sagte Bezirksstaatsanwalt Georges Oswald: „Die Staatsanwaltschaft ist zu diesem Zeitpunkt der Meinung, dass Herr Geiben weder im Dossier noch aus dem Dossier heraus ist“. Das bedeutet im Klartext, dass es auf Ermittlungsebene Verdachtsmomente gegen Geiben gibt oder gab, jedoch bisher keine ausreichenden Erkenntnisse vorliegen, um gegen den früheren „Super-Gendarmen“ Anklage zu erheben. Oswald betonte außerdem, dass zusätzliche Anklageerhebungen gegen weitere Personen im Rahmen der laufenden Ermittlungen nicht ausgeschlossen seien. Details werden aufgrund des Untersuchungsgeheimnisses derzeit jedoch nicht öffentlich gemacht.

Relevanz während des Prozesses:

Dass Ben Geiben schon während der Attentatsreihe unter den Ermittlern zeitweise als die „beste Spur“ gehandelt wurde, ist seit den Anhörungen während des Prozesses bekannt. Warum diese Spur quasi über Nacht vollständig aufgegeben wurde, ist jedoch bislang nicht vollständig geklärt. Alles dreht sich um Geibens Besuch in Luxemburg am Abend des Anschlags auf den hauptstädtischen Justizpalast, sowie um seinen Besuch beim BMG-Vizekommandanten Jos Steil am Tag danach. Vor Gericht und in Interviews verstrickte sich Geiben diesbezüglich in zahlreiche Widersprüche.

Die Gendarmerie-Verschwörung

Die offizielle These der Staatsanwaltschaft

Längst Geschichte: die Gendarmerie.
Längst Geschichte: die Gendarmerie.
Foto: LW

Die Hypothese und das Motiv:

Die Attentate wurden von einzelnen Mitgliedern der Eliteeinheit „Brigade Mobile“ der luxemburgischen Gendarmerie (BMG), sowie möglicherweise einzelnen Offizieren der Gendarmerie geplant und durchgeführt. Als mögliches Motiv gilt der Versuch, durch Anschläge auf Infrastrukturen und wichtige strategische Ziele die damaligen schlechten Einsatzkapazitäten und Ermittlungsmöglichkeiten der Sicherheitskräfte zu demonstrieren und bloßzustellen – mit dem späteren Ziel, 
eine materielle und personalmäßige Verstärkung des Sicherheitsapparates zu provozieren. Einige Offiziere könnten auch ohne eigene Beteiligung die Verschwörer gedeckt, Ermittlungen behindert und Spuren beseitigt haben – entweder aus Loyalität gegenüber ihren Kameraden oder aus Angst vor einem Skandal.

Die Verdächtigen:

Die beiden Angeklagten im bisherigen Bommeleeër-Prozess, Marc Scheer und Jos Wilmes, die ehemaligen Gendarmerieoffiziere Charles Bourg, Aloyse Harpes, Pierre Reuland, Guy Stebens und Armand Schockweiler und der Gendarm Marcel Weydert. Alle gemäß Antrag der Staatsanwaltschaft als Täter, Mittäter und Komplizen angeklagt – ob es tatsächlich zur Anklage kommen wird, bleibt abzuwarten. Weydert, Scheer und Wilmes stehen unter Verdacht, selbst an der Ausführung beteiligt gewesen zu sein. Die Offiziere werden verdächtigt, Kenntnis von der Verschwörung gehabt zu haben, beziehungsweise die Straftaten mitorganisiert oder toleriert zu haben. Zudem könnten sie sich während des ersten Prozesses der Falschaussage unter Eid schuldig gemacht haben.

Derzeitige Glaubwürdigkeit:

Recht hoch, immerhin handelt es sich um die offizielle Hypothese der Staatsanwaltschaft, aufgrund der mehrere Strafanträge ergangen sind.

Relevanz während des Prozesses:

Auch wenn die Verdachtsmomente gegen die bisherigen Angeklagten Wilmes und Scheer im ersten Teil des Verfahrens selten in öffentlicher Sitzung thematisiert wurden, da sich das Gericht mit anderen Hypothesen beschäftigen musste, bleiben erstere bestehen. Der Antrag auf Anklageerhebung gegen die sechs neuen Verdächtigen ändert insofern für Scheer und Wilmes wenig. Es bleibt abzuwarten, ob beide Verfahren verschmelzen.

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