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Vor 20 Jahren wurde Marc Dutroux verhaftet: Vom Umgang mit Monstern
Lokales 6 Min. 13.08.2016 Aus unserem online-Archiv

Vor 20 Jahren wurde Marc Dutroux verhaftet: Vom Umgang mit Monstern

Marc Dutroux hat sechs Mädchen entführt. Zwei davon sowie einen Komplizen hat er ermordet. Für den Tod von zwei weiteren ist er verantwortlich.

Vor 20 Jahren wurde Marc Dutroux verhaftet: Vom Umgang mit Monstern

Marc Dutroux hat sechs Mädchen entführt. Zwei davon sowie einen Komplizen hat er ermordet. Für den Tod von zwei weiteren ist er verantwortlich.
Foto: LW-Archiv
Lokales 6 Min. 13.08.2016 Aus unserem online-Archiv

Vor 20 Jahren wurde Marc Dutroux verhaftet: Vom Umgang mit Monstern

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Kurz bevor der Dutroux-Fall für weltweites Entsetzen sorgte, hatte auch die Luxemburger „Police judiciaire“ neue Wege im Jugendschutz eingeschlagen. Der erste Abteilungschef der „Protection de la jeunesse“ im Interview.

Von Steve Remesch

1995 war das Jahr, in dem in Liège die achtjährigen Mädchen Julie Lejeune und Melissa Russo sowie zwei Monate später die 17-jährige An Marchal und ihre 19-jährige Freundin Eefje Lambrecks in Ostende verschwanden.

1995 war aber auch das Jahr, in dem in Luxemburg die „Section protection de la jeunesse“ der Kriminalpolizei ins Lebens gerufen wurde. Auch im Großherzogtum war erkannt worden, dass es einer spezialisierten Polizeieinheit für den Umgang mit minderjährigen Opfern und Tätern bedurfte. Es mussten Polizisten sein, die mit Kindern reden konnten.

Drei Mann wurden zur neu geschaffenen Abteilung abbestellt, alles Drogenfahnder, demnach auch im Umgang mit problematischen Jugendlichen erfahren. Doch was auf sie zukommen sollte, ging weit über alles hinaus, was die erfahrenen Ermittler zuvor kannten. Der langjährige Leiter der neu geschaffenen Jugendschutzabteilung der „Police judiciaire“, Chefkommissar Camille Weydert, erinnert sich.

Camille Weydert kam 1971 zur Gendarmerie und war ab 1981 Drogenfahnder bei der „Sûreté“. 1995 gründete er mit zwei Kollegen die „Section protection de la jeunesse“ der Kriminalpolizei. Seit 2005 ist der heute 65-Jährige für seine gewerkschaftlichen Aktivitäten bei der CGFP vom Polizeidienst freigestellt.
Camille Weydert kam 1971 zur Gendarmerie und war ab 1981 Drogenfahnder bei der „Sûreté“. 1995 gründete er mit zwei Kollegen die „Section protection de la jeunesse“ der Kriminalpolizei. Seit 2005 ist der heute 65-Jährige für seine gewerkschaftlichen Aktivitäten bei der CGFP vom Polizeidienst freigestellt.
Foto: Pierre Matgé

Camille Weydert, was änderte sich an dem 13. August 1996 für die Jugendschutzabteilung der Kriminalpolizei?

Die Tatsache, dass es Menschen wie Marc Dutroux gab, hatten zuvor viele aus dem Bewusstsein verdrängt. Nun begannen sie erstmals darüber nachzudenken, das führte dann oft dazu, dass diese Idee sie zu sehr vereinnahmte: Auf einmal gab es überall Kinderfänger. Wir gingen allen Hinweisen nach und eigentlich gab es immer eine Erklärung für das, was als verdächtig empfunden wurde: ein Anstreicher, der gegenüber einer Schule auf Einlass wartete, ein Hobbyfotograf, der Züge knipste, oder amerikanische Touristen, die ein Kriegsdenkmal fotografierten. Irgendeinen Verdächtigen fanden die Leute immer.

Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung bleibt?

Ein Fall, der keiner war, war etwa jener eines vermissten Jungen aus der Oberstadt. Der Zehnjährige war abends gegen acht noch kurz mit dem Fahrrad weg und um elf immer noch nicht zurück. Wir waren schnell vor Ort, haben die Nachbarschaft befragt. Da kamen schon Leute, die einen verdächtigen grauen Lieferwagen gesehen hatten. Andere wollten sogar das Rad des Jungen im Lieferwagen gesehen haben. Manche sogar den Jungen selbst. Die Aufregung war groß. Doch dann kam der Junge plötzlich in Tränen um die Ecke geradelt. Es zeigte sich, dass er mit dem Fahrrad in eine Tiefgarage gefahren war, dann das Tor zuging und er warten musste, bis der nächste Wagen hineinfuhr, bis er wieder raus konnte. Wenn die Leute sich in etwas hineinsteigern und sie plötzlich Dinge sehen, die es so nie gab, dann müssen wir zusehen, dass wir Fiktion und Realität trennen.

Kinderfänger wurden also allenthalben gesichtet. Aber wie war das mit Dutroux, gab es da Verstrickungen nach Luxemburg?

Die Belgier haben uns damals regelrecht mit Interpol-Telegrammen zugeschüttet. Jedes Mal, wenn irgendwer irgendetwas gesehen hatte, das einen Bezug mit Luxemburg haben konnte, mussten wir das überprüfen. Jeder Falschparker wurde auf einmal zum Verdächtigen. Das war eine regelrechte Hexenjagd. Konkrete Hinweise nach Luxemburg gab es aber keinen einzigen.

Ihre Abteilung betrat damals Neuland. Gab es denn Dinge, die Sie anders machten als die Belgier?

Wir waren immer dagegen, Plakate von vermissten Jugendlichen aufzuhängen, solange wie kein Hinweis auf ein Verbrechen vorlag. Bei jugendlichen Ausreißern hätte das nur zur Folge gehabt, dass diese durch die Plakate noch weiter aus ihrem Umfeld getrieben würden.

Was war denn für Sie die größte Schwierigkeit?

Die Wahrheit zu erfahren und sie auch zu erkennen. Jeder erzählt seine Geschichte und nie weiß man, was sich tatsächlich dahinter verbirgt. Und, ob es nicht eigentlich um etwas ganz anderes geht. Wir hatten Mädchen, die uns die schlimmsten Geschichten erzählt haben, nur um von Zuhause weg zu kommen. Schwarz und Weiß liegen aber auch oft sehr dicht beieinander. Man muss sich stets bewusst sein, dass man ein mögliches Opfer vor sich hat. Da darf man nicht zu forsch vorgehen, um das Kind nicht noch mehr zu traumatisieren. Da bedarf es Fingerspitzengefühl. Ich war und bin auch heute noch immer der Meinung, dass man den Ermittler-Beruf auf der Straße erlernt. Da lernt man die Menschen kennen.

Und was war für Sie die wichtigste Erkenntnis?

Dass man Kinder immer für voll nehmen muss. Dabei ist es auch wichtig, dass der Richtige mit den Kindern spricht. Mein Kollege Jhemp war immer der Richtige. Der war so etwas wie ein großer Teddybär. Jhemp hatte ein sehr sanftes Wesen. Seine dicke Statur und sein Bart taten ihr Übriges. Bei ihm sprachen sie alle. Auch die ganz schwierigen Fälle.

Wo Sie zum Einsatz kamen, ging es oft um Gewalt und Sexualität. Wie spricht man bei Kindern Tabuthemen an?

Im Grunde muss man die Kinder selbst erzählen lassen. Dann sieht man, wie weit sie sich engagieren wollen. Dann muss man die Schraube nach und nach etwas zudrehen. Man sagt den Kindern nicht, wir werden den Bösen bestrafen. Man sagt ihnen, wir sind da, um dafür zu sorgen, dass derjenige, der etwas mit dir gemacht hat, das dir nicht gefallen hat, das nie wieder tut. Man tastet sich sehr vorsichtig heran. Ein 08/15-Schema gibt es nicht.

Wie war der Umgang mit Tätern?

Ja, da gab es welche, die hätte man am liebsten gleich totgeschlagen. Aber, du sagst dir, du bist Polizist und du machst das nicht. Du siehst zu, dass du dich peinlichst genau an die Prozeduren hältst. Es gibt Täter, die knicken sofort ein und gestehen. Andere, denen ist alles egal. Die streiten einfach alles ab. Dann ist es an dir, eine wasserdichte Beweiskette zu erstellen.

Gab es Fälle, in denen Sie dem Kontrollverlust nahe waren?

Nein. Aber es gab Situationen, die mich sehr aufgewühlt haben. Da gab es einen Fall, da hatte ein Vater seinen zwölf oder dreizehn Monate alten Sohn anal vergewaltigt. Das Kind hat sehr schlimm ausgesehen. Der Vater blieb dabei, das Kind sei lediglich vom Bett gefallen. Keine Einsicht. Da braucht es Nerven wie Drahtseile. Ein anderes Mal begegnete ich mit meiner Frau und meinem neunjährigen Sohn quasi vor unserer Haustür einem polizeibekannten Wiederholungstäter. Er meinte, was ich denn für einen süßen kleinen Knaben hätte.

Zurück zu Dutroux: In Belgien wurden Ermittlern und Behörden gravierende Fehler nachgewiesen. Haben Sie Fehler gemacht?

Nein. Das hat aber auch seinen Grund: Entscheidungen wurden immer gemeinsam und in Absprache mit Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern gefällt. Es ist zwar vorgekommen, dass man den einen oder anderen Zeugen etwas früher hätte befragen müssen, aber schwerwiegende Fehler gab es nicht. Wenn unsere Fälle vor Gericht landeten, dann kam es immer zu einer Verurteilung. Ich kann mich nicht an einen einzigen Freispruch erinnern.

Von Dutroux wird in Belgien immer wieder als „Monster“ gesprochen. Gab es auch in Luxemburg ein solches Monster?

Ja, in geringerem Ausmaß allerdings. Es gab in den 90er Jahren einen Pädophilen, der war nach einer langen Haftstrafe auf freien Fuß gekommen. Wir waren uns sicher, er würde weiter Minderjährige missbrauchen. Doch beweisen konnten wir es nicht. Wir haben uns dann zum Schein mit ihm angefreundet, um mögliche Opfer in seinem Umfeld ausfindig machen zu können. Wie dreist der Mann war, zeigte sich, als er dann eine Vereinigung zur Unterstützung von Missbrauchsopfern gründete. Jugendliche, die damals wegen des Kriegs am Balkan nach Luxemburg gekommen waren, ließ er im ganzen Land Mitgliedskarten verkaufen. Keiner von ihnen wollte zu diesem Zeitpunkt etwas Belastendes über den Mann sagen. Später zeigte sich, dass auch sie missbraucht wurden. Einmal saß er sogar bei einem Elternabend, mit dem die Polizei und andere Organisationen über sexuellen Missbrauch von Kindern aufklärten, in der ersten Reihe. Aufgeflogen ist er schließlich, weil zwei rumänische Mädchen, die er gefangen gehalten hatte, entkommen konnten.

Wo ist dieser Mann heute?

In Schrassig.