Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Von Artenschutz und Systemwechsel
Lokales 3 Min. 20.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Von Artenschutz und Systemwechsel

Blick in eine ungewisse Zukunft: Die Bestände des Uhu in Luxemburg haben sich wieder leicht erholt.

Von Artenschutz und Systemwechsel

Blick in eine ungewisse Zukunft: Die Bestände des Uhu in Luxemburg haben sich wieder leicht erholt.
Guy Conrady
Lokales 3 Min. 20.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Von Artenschutz und Systemwechsel

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Bedrohte Vogelarten sind nur ein Symptom der schwindenden Biodiversität. Laut Umweltministerin Carole Dieschbourg wird es ohne Umdenken keine einfachen Lösungen geben.

 Das Wirtschaftsmodell, für das sich Luxemburg in Zukunft entscheidet, wird auch die künftige Lebensqualität und das Erhalten der Biodiversität bestimmen. Mit dieser grundlegenden Schlussfolgerung fasst Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) ihre Antwort auf eine parlamentarische Frage ihres Parteikollegen François Benoy zusammen. Der Abgeordnete wollte wissen, was die Regierung in den letzen Jahren unternommen hat, um vom Aussterben bedrohte Arten und insbesondere Vögel zu schützen.

Laut der letzten Liste der Umweltschutzorganisation natur&emwelt sind 13 heimische Vogelarten ausgestorben, sieben sind stark bedroht und weitere 24 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Folgt man der Umweltministerin, so  soll in erster Linie das neue Naturschutzgesetz die nötigen Instrumente liefern, um bedrohte Arten zu schützen. Dabei geht es vor allem um den Schutz des Lebensraumes und der Nahrungsgrundlage. Ohne natürliche Habitate und Ökosysteme hat keine Tierart eine Überlebenschance.

Lebensräume erhalten

Konkret gehören dazu der Aktionsplan zum Schutz von Arten und Lebensräumen, darunter neun bedrohte Vogelarten mit besonderem Schutzstatus, das Wiederherstellen von schwer geschädigten Habitaten, eine schnellere Ausweisung von Naturschutzgebieten und der Ankauf weiterer Flächen von hoher ökologischer Bedeutung. Zudem soll der Informationsstand, was die betroffenen Arten und Biotope betrifft, verbessert werden. In Ausnahmefällen können strikte Kompensationsmaßnahmen verordnet werden, um weitere Schädigungen der natürlichen Lebensräume zu verhindern.

22 neue Schutzzonen

Abgesehen vom Umstand, dass sämtliche Vogelarten in Luxemburg bereits per Gesetz geschützt sind, soll vor allem eine bessere Ausweisung der Nist- und Rastgebiete für ruhige Rückzugsorte sorgen. Prioritär ist dabei das Ausweisen von nationalen Schutzzonen, den sogenannten zones protégées d’intêret national. Seit 2014 konnten laut Umweltministerin eine ganze Reihe solcher Projekte beschleunigt vorangetrieben werden. So war der Zuwachs der geschützten Flächen alleine in den letzen fünf Jahren größer als der Gesamtbestand der 27 vorangegangenen Jahre.


Politik, Sommerinterview Claude Turmes, Kalleksuewen Aussichtsplattform Ettelbrück, Foto: Guy Wolff/Luxemburger Wort
Claude Turmes: "Luxemburg ist das am meisten zersiedelte Land"
Als Landesplanungsminister sorgt sich Claude Turmes um die harmonische Entwicklung Luxemburgs, als Energieminister setzt et auf Effizienz und Elektromobilität und strebt die Entkopplung von Budget und Benzin an.

Seit 2014 wurden auf diese Weise 22 neue Schutzzonen mit einer Gesamtfläche von 5 000 Hektar ausgewiesen. Neben den Naturschutzzonen spielen aber auch die Natura-2000- Zonen eine sehr wichtige Rolle. Die im Zuge der europäischen Vogelschutzrichtlinie festgelegten Gebiete umfassen in Luxemburg 18 Einzelstandorte, für die meisten besteht auch bereits ein sogenannter Managementplan mit spezifischen Vorgaben und Verpflichtungen zu Ergebnissen.

Problemfall Insektenschwund

Doch Lebensraum ist nicht alles: Auch die Nahrungsmittelgrundlage spielt eine wesentliche Rolle. Der dramatische Schwund der Insektenvielfalt bedeutet für viele Vogelarten das Ende. Hier kommt der Landwirtschaft laut Umweltministerin eine besondere Rolle zu: der weitgehende Verzicht auf Pestizide und andere Chemikalien muss vorangetrieben werden, so wie im nationalen Aktionsplan für die Reduzierung von Pestiziden vorgesehen. Was auf staatlichen Parzellen durch spezielle Verträge bereits gesichert wurde, muss auch auf andere Flächen ausgedehnt werden, so Carole Dieschbourg.


Der Staat will wertvolle Fläche zur Kompensation zusammenlegen
Landreserve in Staatshand
In den letzten zehn Jahren gelangten fast 1.200 Hektar Land in öffentlichen Besitz.

 Die finanziellen Mittel sowohl für Personal als auch technisches Material im Bereich Naturschutz sind laut Dieschbourg seit 2014 vervierfacht worden. Insbesondere die Naturverwaltung, die Wasserwirtschaft, die biologischen Stationen, die Naturparks und eine ganze Reihe von nicht staatlichen Organisationen wurden unterstützt, um im Sinne des Naturschutzes aktiv zu werden. 

Positive Resultate sind wohl bei einzelnen Arten zu beobachten, doch die Bilanz bleibt mager: Tiere, die Offenlandbiotope, Heckenlandschaften oder Feuchtgebiete benötigen, sind komplett am Verschwinden. Viele Anstrengungen bringen nur punktuelle Erfolge, nötig wären eigentlich Veränderungen am gesamten System. So bleibt der Druck auf die Lebensräume weiterhin enorm. Die bebaute und versiegelte Fläche hat sich in den letzten 50 Jahren verdoppelt. Neue Wohn- und Transportprojekte gehen meist zu Lasten von Agrar- und Grünland. Ausgeräumte Landschaften und riesige Agrarflächen ohne Baum und Strauch bieten insbesondere den Vögeln keinen Lebensraum mehr.

Rolle der Landwirtschaft

Der Landwirtschaft, die rund die Hälfte der gesamten Landesfläche nutzt, kommt hier eine sehr wichtige Rolle zu: Künftige Beihilfen sollen auch von umwelt- und naturschützerischen Kriterien abhängig gemacht werden. Zugleich sollen sie die finanzielle Überlebensfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe absichern. Ein Naturpakt, ähnlich wie der Klimapakt, wurde mit dem Koalitionsabkommen ausgehandelt. Dieser soll laut Dieschbourg zusammen mit den Kommunen Maßnahmen zugunsten der Biodiversität erarbeiten und unterstützen.

Zugleich sollen sogenannte grüne Infrastrukturen innerhalb der urbanen Zonen die Lebensqualität verbessern und den Impakt der bebauten Flächen auf die Biodiversität abfedern. Trotz all dieser Maßnahmen bleibt für Dieschbourg die Frage nach dem künftigen Wachstumsmodell die Basis aller Überlegungen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema