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Visionen für die Brache Esch/Schifflingen
Der Kühlturm (links im Vordergrund) der Industriebrache zwischen Esch und Schifflingen könnte erhalten bleiben.

Visionen für die Brache Esch/Schifflingen

Foto: Claude Piscitelli
Der Kühlturm (links im Vordergrund) der Industriebrache zwischen Esch und Schifflingen könnte erhalten bleiben.
Lokales 5 Min. 06.04.2019

Visionen für die Brache Esch/Schifflingen

Vier Expertenteams haben jeweils ein Projekt für die Revitalisierung der Industriebrache zwischen Esch und Schifflingen ausgearbeitet. Die Jury hat sich auch schon eine Meinung dazu gebildet.

Manchen Architekten und Stadtplanern war am Donnerstagabend auf der Industriebrache Esch/Schifflingen die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Gleichzeitig herrschte im dort provisorisch aufgeschlagenen Zelt aber auch eine gewisse Euphorie. Es war der Abschluss einer langen Woche, während der vier internationale Planungsteams jeweils ein Projekt für die Revitalisierung der Brache ausgearbeitet haben (siehe unten). 

Manche Vorgabe galt es zu verfolgen, wie die Renaturierung der Alzette, den Schutz von besonderen Industriegebäuden oder noch den Anschluss vom Standort an Zug, Schnelltram und Schnellbussystem (BHNS). 

Die Renaturierung der Alzette ist eine der Vorgaben an die Urbanisten.
Die Renaturierung der Alzette ist eine der Vorgaben an die Urbanisten.
Foto: Claude Piscitelli

Tipps von Einwohner


Quartier Alzette - Workshop - porte ouverte - Esch/Alzette - Quartier Alzette - 30/03/2019 - photo: claude piscitelli
Entdeckungstour auf der Industriebrache
Zahlreiche Bürger sind am Samstag dem Aufruf gefolgt, um am Bürgerbeteiligungsprozess zur Revitalisierung der Industriebrache zwischen Esch und Schifflingen teilzunehmen.

Außerdem sollte etwa die Hälfte der 64 Hektar dem Wohnungsbau vorenthalten werden. Zusätzlich hatten Bürger während der geführten Tours und Workshops den Experten in den vergangenen Tagen Ideen sowie Bedenken mit auf den Weg gegeben. 

Das Resultat dieser Arbeit waren vier umfassende Projekte. Gemeinsam haben alle, dass die Alzette zur Lallinger Seite, vom Schlassgoart bis in etwa zum Cactus Lallingen renaturiert werden soll. Dort soll auch die Mündung der Dipbech naturgerecht gestaltet werden. 

Auch sahen alle Projekte den Erhalt von Industriegebäuden vor, wenn auch nicht alle in gleichem Maße. So wurde in drei Projekten vorgeschlagen, den runden, markanten Kühlturm zu erhalten. Die Ideen reichten von einem Aussichtspunkt bis zu einem zentralen Ort um ihn herum. 

Der Kühlturm

Geht es nach den Architektenmannschaften, dürfte der Kühlturm  in das neue Viertel integriert werden.
Geht es nach den Architektenmannschaften, dürfte der Kühlturm in das neue Viertel integriert werden.
Foto: Claude Piscitelli



Ehemaliges Stahlwerksgeländes Esch/Schifflange - ARBED - Esch-Schifflange - Foto : Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Turmes: "Der Süden soll keine Schlafsiedlung werden"
Lange waren sie eine Art No man's land, jetzt kommt aber Bewegung in die Industriebrachen im Süden des Landes. Minister Turmes geht im Interview auf die Chancen ein, die sich damit bieten.

Der imposante Bau, in dem sich einst der Elektroofen befand, war nur in den Modellen von zwei Teams zurückbehalten worden. Dafür waren sich alle einig, den Wasserturm auf Schifflinger Seite aufzuwerten und im Pumpenhaus an seinem Fuß ein Kulturzentrum einzurichten.

 In Sachen Mobilität plädierten die meisten für ein autoberuhigtes oder gar ein autofreies Viertel. Drei Projekte sahen außerdem einen Umbau der Straßenlage beim Schlassgoart vor, dies, um eine Fußgängerzone zu ermöglichen, die bis zum Escher Rathaus reichen würde. 

Vonseiten der Agora, die diese Entwurfswerkstatt organisiert hatte, zeigte man sich mehr als zufrieden. Sowohl die Qualität der vier Projekte als auch das Interesse der Bürger habe gestimmt. Doch steht die eigentliche Arbeit für die Entwicklungsgesellschaft nun erst bevor. Frühestens 2023 sollen erste Einwohner im neuen Viertel einziehen können. 

Team1: Die Stahlfabrik

Das Modell von Team 1. Unten im Bild ist der Schlassgoart zu erkennen. Etwa in der Mitte der runde Kühlturm. Braun eingezeichnet sind historische Industriegebäude.
Das Modell von Team 1. Unten im Bild ist der Schlassgoart zu erkennen. Etwa in der Mitte der runde Kühlturm. Braun eingezeichnet sind historische Industriegebäude.

Von der Stahlfabrik zur Stadtfabrik, lautet das Motto von „Team 1“, eine dänisch-luxemburgische Mannschaft. Die großen Werkshallen könnten während der Bauphase übergangsmäßig als Produktionsstandort für zum Beispiel Holzbaukonstruktionen genutzt werden. Später könnten sie fragmentar erhalten werden. 

Team 1 plant weniger hohe Wohngebäude, als in den Konkurrenzprojekten. Diese sollen nicht systematisch sechs bis sieben Stockwerke hoch sein, sondern auch Mal nur drei bis vier Etagen betragen. Im Gegenzug müsste aber mehr verbaut werden. Der Kühlturm könnte, von einer Wasserfläche umrahmt, zum Treffpunkt des Viertels werden. 

Das Viertel soll autofrei sein. Innen sollen Fahrradwege dominieren, darunter auch der geplante Schnellfahrradweg der in Zukunft Esch mit der Hauptstadt verbinden soll. Regenwasser soll in offenen Rinnen verlaufen und eine Fußgängerachse zum Escher Stadtzentrum hergestellt werden. 

Team 2: Der Strand an der Alzette

Etwa in der Mitte des Areals ist der "Alzettestrand" vorgesehen. Rot eingezeichnet sind hier öffentliche Gebäude und blau historische Industriegebäude die erhalten werden sollen.
Etwa in der Mitte des Areals ist der "Alzettestrand" vorgesehen. Rot eingezeichnet sind hier öffentliche Gebäude und blau historische Industriegebäude die erhalten werden sollen.

Das italo-belgische „Team 2“ hat sich von den verschiedenen Ebenen auf dem Standort leiten lassen. Das Plateau mit Kühlturm und Elektroofengebäude, die beide erhalten bleiben sollen, steht auf 293 Meter Höhe. Das Walzwerk steht auf 287 Meter Höhe, während die Alzette tiefer, auf 283 Meter, fließt. 

Auf dieser niedrigen Ebene könnte ein großer Eingang in Höhe des heutigen Lallinger Supermarktes entstehen. Das Team spricht diesbezüglich von einem „Alzette-Strand“, der in einen Park und dann einen öffentlichen Platz übergehen würde. 

Laut ihrer Planung soll kein Boden, auch nicht verseuchter Boden, entsorgt werden müssen. „Ein Standort muss seine Probleme selbst lösen“, so Urbanistin Poala Vigano. Sie schlagen auch vor, die Schienen, die zum Zementwerk in der Industriezone Monkeler führen, zu verlegen, um Schifflingen besser, via eine Schule, an das Gelände anzubinden. 

Team 3: Historische Ankerpunkte

Hier sind die zu erhaltenden Gebäude braun eingezeichnet.
Hier sind die zu erhaltenden Gebäude braun eingezeichnet.

Das „Team 3“, das sich aus Büros aus England, den Niederlanden und Deutschland zusammensetzt, hat Industriekultur im Zentrum seiner Planung gestellt. Ehemalige Werksgebäude sollen als Ankerpunkte des neuen Viertels dienen. So könnte der Kühlturm als Aussichtsturm und Projektionsfläche dienen. Im Elektroofengebäude könnte eine Museum entstehen. 

Die Pförtnerlogen am Rande des Gebietes könnten Dienste beherbergen, die von Gartenhilfe bis zum Paketdienst reichen und so auch eine Verbindung zu den bestehenden Vierteln herstellen. Eine neue „Ronn Bréck“ könnte die Verbindung zum Galgenberg herstellen. 

 Auf Escher Seite soll die Fußgängerzone entlang des Schlassgoart in das neue Viertel verlängert werden und so eine Achse vom Escher Brillplatz bis nach Schifflingen herstellen. Autos sollen an den Eingängen des Viertels in Parkhäusern abgefangen werden. 

Team 4: Autofrei unterwegs

So stellt sich Team 4 die Brache künftig vor.
So stellt sich Team 4 die Brache künftig vor.

Ein autofreies Viertel hat auch die französisch-schweizerische Mannschaft von „Team 4“ im Blick. Parkplätze sollen die Autos auffangen. Mit etwa 8 000 Einwohnern, wäre die notwendige Dichte erreicht, damit sich kleine Geschäfte wie Bäckereien niederlassen könnten, erklärten sie. 

Planen tun sie die Tramhaltestelle in der Walzwerkhalle, während der Zughalt näher am Escher Viertel Neudorf liegen würde. Dies weil sowohl Schnelltram als auch Zug dasselbe Ziel haben: Belval in die eine Richtung und die Hauptstadt in die andere. Beim Bahnhof haben sie auch das Lyzeum sowie einige Hochhäuser vorgesehen. 

Auf Schifflinger Seite könnten zusätzliche Weiher mit kleinen Inseln entstehen, während auf Escher Seite, Fußgängerverbindungen zum Galgenberg und zum Rathausplatz geplant sind. 

Beim Modell des Team 4 sticht hervor, dass teils sehr unterschiedliche Viertel geplant wurden. Während Wohnviertel in grüner Umgebung vorgesehen sind, soll ein „Maker-Viertel“ bei den Walzwerkhallen entstehen.


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