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Freifahrtschein für Sirichai Kiesch
Lokales 3 Min. 13.09.2021
Verurteilter Mörder entgeht Strafvollzug

Freifahrtschein für Sirichai Kiesch

Verurteilter Mörder entgeht Strafvollzug

Freifahrtschein für Sirichai Kiesch

Lokales 3 Min. 13.09.2021
Verurteilter Mörder entgeht Strafvollzug

Freifahrtschein für Sirichai Kiesch

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Der wegen Totschlags in Luxemburg verurteilte und jahrelang in Spanien untergetauchte Luxemburger Jean-Marc Sirichai Kiesch ist frei. Ein Gericht aus Madrid erkennt das Urteil aus dem Großherzogtum nicht an.

Vor mehr als 20 Jahren tötet ein junger Mann im Großherzogtum eine Frau. Nach einer Verurteilung zu einer langjährigen Haftstrafe gelingt ihm 16 Jahre lang die Flucht, dann wird er festgenommen. Alles deutet darauf hin, dass er nun seiner Strafe zugeführt wird. Doch es kommt anders. Ein spanisches Gericht macht aus dem inzwischen 40-Jährigen einen freien Mann. 

Der Fall erschien lange Zeit wie eine endlose Geschichte. Dass diese nun so enden würde, war aber nicht absehbar – und das Ende dürfte weder für Justitia noch für die Hinterbliebenen des Opfers leicht zu verdauen sein

Ein erschütterndes Verbrechen

Im Januar 1999 wird in Eppeldorf eine Frau auf bestialische Art und Weise getötet: Ein Einbrecher fesselt eine Hausbewohnerin und schlägt mit einem Holzhammer auf sie ein. Das 69-jährige Opfer erstickt schließlich an seinem eigenen Blut


Mord in Befort: Am 5. Januar 1999 entdeckt eine Nachbarin die Leiche der alleinstehenden 69-jährigen Frau.
Tödliches Fernweh
Jüngst hat die Kriminalpolizei die Fahndung nach dem seit 13 Jahren untergetauchten Mörder Jean-Marc Kiesch wieder neu ausgeschrieben. Doch worum ging es eigentlich bei der Tat?

Der Täter ist schnell identifiziert, es ist ein junger Mann aus dem Nachbarort. Im Oktober 2000 wird der Tatverdächtige wegen Totschlags und versuchter Brandstiftung zu einer Haftstrafe von 20 Jahren, davon fünf auf Bewährung, verurteilt. Für die Teilbewährung ist damals das junge Alter des Täters mit ausschlaggebend: Der Tag nach der Bluttat ist sein 18. Geburtstag. 

Dass sein Name heute im Land ein Begriff ist, dafür sorgt Jean-Marc Sirichai Kiesch vier Jahre später selbst. Nach seinem ersten Hafturlaub kehrt er nicht nach Schrassig zurück. Es bleiben zu diesem Zeitpunkt 3.275 Tage Haft zu verbüßen. Der damals 23-Jährige verschwindet spurlos.

Auf der Liste der Europe's Most Wanted

2016 setzt ihn die Zielfahndungseinheit der Luxemburger Kriminalpolizei auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher Europas. Vier Jahre später, am 10. August 2020, gelingt luxemburgischen und spanischen Zielfahndern an der südspanischen Küste in Punta Umbria in der Provinz Huelva der Zugriff.


16 Jahre auf der Flucht: Das neue Leben des Sirichai Kiesch
Seit 2016 stand er auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher Europas. Am Montagabend ging Jean-Marc Sirichai Kiesch nun spanischen Zielfahndern in der Nähe von Sevilla ins Netz.

Sirichai Kiesch wird festgenommen. Luxemburg stellt binnen Tagen einen Überstellungsantrag. Doch dann wird die Sache schnell kompliziert. 

Der Antrag wird abgelehnt. Kiesch beantragt im Gegenzug, seine verbleibende Haftstrafe in einer spanischen Haftanstalt zu verbüßen. Ein Untersuchungsrichter setzt ihn vorläufig auf freien Fuß. Die Luxemburger Generalstaatsanwaltschaft beantragt daraufhin ebenfalls den Vollzug der verbleibenden 3.275 Tage Haft in Spanien. Schließlich gibt es seit 2008 ein EU-Abkommen, das die gegenseitige Anerkennung von Urteilen in Strafprozessen und von freiheitsentziehenden Maßnahmen vorsieht. 

Spanien geht eigene Wege

Doch es folgt Funkstille – monatelang. Nicht nur dem „Luxemburger Wort“ verweigern die spanischen Behörden Auskunft zum Fall Kiesch, sondern offenbar auch der Luxemburger Generalstaatsanwaltschaft. Bis zum vergangenen Freitag – und was dann folgt, gleicht einer gellenden Ohrfeige für die, die sich jahrelang für die Strafverfolgung eingesetzt haben


Spanien verweigert Auskunft im Fall Kiesch
Vor acht Monaten wurde der verurteilte Luxemburger Gewaltverbrecher Jean-Marc Sirichai Kiesch in Südspanien festgenommen.

Wie die Pressestelle der Justiz am Montagnachmittag mitteilt, hat das Zentralgericht von Madrid entschieden, das Luxemburger Urteil weder anzuerkennen noch auszuführen. Ein Rekurs gegen diese Entscheidung ist nicht möglich. 

De facto bedeutet das: Sirichai Kiesch ist in Spanien nun ein freier Mann und kann dort wegen seiner Taten in Luxemburg nicht mehr belangt werden. Begründet wird die Entscheidung damit, dass Kiesch bei der Tat noch minderjährig gewesen sei. Deshalb sei es nicht möglich, die Luxemburger Entscheidung anzuerkennen oder umzusetzen. 


Ein Video zeigt den Festgenommenen bei der Überführung in ein Polizeirevier
Fall Kiesch: Haft in Spanien als vergiftetes Geschenk
Die Entscheidung für einen Vollzug der verbleibenden Haftstrafe in Spanien könnte für Jean-Marc Sirichai Kiesch von Nachteil sein. Es ist ein Danaergeschenk.

Dabei berücksichtigen die spanischen Behörden allerdings nicht, wie auch die Generalstaatsanwaltschaft in ihrer Pressemitteilung hervorhebt, dass Luxemburger Prozeduren es sehr wohl ermöglichen, einen Minderjährigen ab 16 Jahren nach Erwachsenenstrafrecht zu verfolgen und zu verurteilen

Außerdem, heißt es im Kommuniqué weiter, habe das Gericht aus Madrid auch die EU-Rahmenentscheidung 2008/909/JAI außer Acht gelassen, die eben die gegenseitige Anerkennung der strafrechtlichen Entscheidungen der anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verpflichtend eingeführt habe. 

Ohne Möglichkeit, gegen die Madrider Entscheidung vorzugehen, bleibt der Luxemburger Generalstaatsanwaltschaft nichts anderes übrig, als diese zur Kenntnis zu nehmen. Das ist auch so in der Pressemitteilung zu lesen. 

Der scheinbar endlose Krimi um Sirichai Kiesch hat demnach doch ein Ende gefunden. Das Paradoxe an der Geschichte ist, dass Kiesch nun eben durch seine Festnahme seine Freiheit wiedererlangt hat. Jahrelang musste er stets mit einer Verhaftung rechnen. Das ist nun vorbei – solange er Spanien nicht verlässt. 

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