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Versuchter Totschlag an Zöllner: Opfer war "nicht zu übersehen"
Bei dem Zusammenprall wurde der Zollbeamte schwer verletzt.

Versuchter Totschlag an Zöllner: Opfer war "nicht zu übersehen"

Foto: Tania Feller
Bei dem Zusammenprall wurde der Zollbeamte schwer verletzt.
Lokales 4 Min. 05.10.2016

Versuchter Totschlag an Zöllner: Opfer war "nicht zu übersehen"

Sophie HERMES
Sophie HERMES
Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um den versuchten Totschlag an einem Zollbeamten kamen die Kollegen des Opfers zur Aussage. Ihnen zufolge, hätte der Zöllner in einer Einbuchtung gestanden. Eine Aussage, die der Beifahrer des Unglückswagens verneinte.

(SH) - Am zweiten Prozesstag um einen versuchten Totschlag an einem Zollbeamten während einer Kontrolle in der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 2013 an der Aire de Capellen kam am Mittwoch u. a. der medizinische Experte zur Aussage.

Bei dem Zwischenfall wurde ein damals 26 Jahre alter Zollbeamte angefahren und schwer verletzt. Der 29-jährige Franzose Jérémy L., Fahrer des Unfallautos, muss sich deshalb wegen versuchten Totschlags vor Gericht verantworten. Sein Beifahrer Suleyan S. ist ebenfalls angeklagt, wegen unterlassener Hilfeleistung.

Über einen Monat lang lag das schwer verletzte Opfer im Krankenhaus, bevor es in eine Rehabilitationseinheit entlassen werden konnte. "Bei den Verletzungen handelte es sich um solche, die für einen Zusammenstoß zwischen Auto und Fußgänger typisch sind", so die Worte des Mediziners.

Multiple Brandmarken und Prellungen

Bei dem Zollbeamten seien demnach zahlreiche Verletzungen - Brandmarken, Schürfwunden, Prellungen und Frakturen - vorgefunden worden. Dabei sei die rechte Körperseite stärker betroffen gewesen als die linke. Dem Experten zufolge würde dies die Aussagen der Kollegen des Zöllners belegen, die während der Ermittlungen betonten, der Unfallfahrer hätte auf Höhe der Einbuchtung, in der sich das spätere Opfer befand, nach rechts gezogen, dann wieder nach links.

Die Verletzungen seien potenziell lebensgefährlich gewesen, die Risiken hätten sich jedoch nicht verwirklicht. Während körperlich kaum mit Spätfolgen zu rechnen sei, sei dies aus neurologischer Sicht anders. Aufgrund der Unterlagen, die ihm vorlagen, könnte er hier allerdings keine Schlussfolgerungen ziehen, zumal diese auch erst nach einiger Zeit festzustellen wären, so der Mediziner.

"Er stand in der Einbuchtung"

Befragt wurden am Mittwoch zudem die Arbeitskollegen des Opfers, die in der Unfallnacht mit ihm zusammen arbeiteten. "Meiner Meinung nach hätte der Fahrer einfach geradeaus fahren können", so die Aussagen jener Zollbeamten, an deren Kontrollpunkt Jérémy L. nach dem Tankstopp an der Aire de Capellen vorbeigefahren war - aller Wahrscheinlichkeit nach, um der Kontrolle zu entgehen.

Zwischen dem Moment, in dem der Unfallfahrer an ihnen vorbeigefahren war und dem Zusammenprall, seien etwa sechs Sekunden vergangenen, meinte einer der Beiden. Dass Jérémy L. den Kollegen nicht gesehen habe, scheine unwahrscheinlich, schließlich hätte er eine gelbe Sicherheitsjacke getragen.

"Ich bin formell. Ich habe ihn gesehen. Er stand in der Einbuchtung", so einer der Beamten. Als sein Kollege ausgenommen habe, um die Nagelsperre zu werfen, habe der Fahrer nach rechts gezogen und sei dann wieder nach links gefahren. Der Fahrer habe wohl versucht, zu vermeiden, dass das spätere Opfer die Nagelsperre auf die Straße werfen konnte. Sein Kollege sei durch die Luft geschleudert worden. Erst nach dem Zusammenstoß sei die Nagelsperre dann auf die Straße geflogen, so der Zöllner. So wie der Fahrer steuerte, sei es unmöglich gewesen, das Opfer nicht zu treffen.

"Beine nicht gespürt"

Der mitangeklagte Beifahrer hat unterdessen einen anderen Tathergang in Erinnerung. "Nach dem Tanken haben wir zwei Zollbeamte gesehen. Einer stand auf der linken Seite, einer an der rechten. Danach habe ich mich gebückt, um meine Papiere zu suchen", ein Detail, das er bis jetzt nicht genannt hatte. "Erst als Jérémy wieder Gas gegeben hat, habe ich den Kopf gehoben. Dann sah ich den dritten Zöllner vor uns auf der Fahrbahn."

Er habe im ersten Moment etwas unter Schock gestanden. Dann habe er sich gefragt, was passiert sei und wie es weitergehen solle. "Ich dachte an meine Familie." Nach dem Unfall habe Suleyan S. seine Beine nicht mehr gespürt und seinen Freund deshalb gebeten, anzuhalten. Dieser habe dann nachgesehen, ob die Erkennungstafeln noch am Wagen waren.

In den Tagen nach dem Unfall hätten er und Jérémy L. versucht, nicht über den Unfall zu reden. Seinem kleinen Bruder und seinen Eltern hatte er sich jedoch anvertraut, die ihn darum gebeten hätten, sich zu stellen. Erst danach habe er die Fahndungsfotos gesehen.

Ein BMW mit Exporttafeln

Dass die Kontrolle am Ausgang der Raststätte durchgeführt werde sei üblich, hatten  die Beamten zuvor erklärt. An der Zapfsäule selbst sei dies nämlich zu gefährlich. Ob er die Kontrolle noch einmal ähnlich durchführen würde, wisse er nicht. Immerhin gelte ein Zöllner mit gelber Weste und Nagelsperre auch als potenzielle Zielscheibe.

Nach dem Zwischenfall verständigten die Beamten Rettungskräfte und Polizei. Letztere machten sich auf die Suche nach dem flüchtigen Fahrzeug, blieben jedoch erfolglos. "Durch die Bilder der Kameras kamen wir an die Nummern der Erkennungstafeln", so der Polizist, der betonte, dass es sich dabei um Exporttafeln handelte. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, sind solche Tafeln gegen Vorlage des Personalausweises zu bekommen. Registriert werden sie nicht, weshalb sie öfters bei Straftaten benutzt werden. Wohl auch ein Grund, weshalb der BMW kontrolliert werden sollte. Den Polizeibeamten wurde während der Fahndung zunächst auch nur der Name des Beifahrers genannt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgeführt.




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