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Verlorenkost: Polizeimuseum vor dem Aus
Lokales 36 4 Min. 24.12.2016

Verlorenkost: Polizeimuseum vor dem Aus

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Sie sind ein Stück Luxemburger Geschichte, doch nun deutet vieles darauf hin, dass die ehemaligen Gendarmeriegaragen in Verlorenkost verschwinden sollen – und mit ihnen das Polizeimuseum.

(str) - Mit viel Herzblut und aus eigener Tasche betreibt seit 2010 eine Handvoll Freiwillige das Polizeimuseum in Verlorenkost. Doch damit ist nun wohl Schluss – denn es wurde entschieden, dass sie keine Besucher mehr empfangen 
dürfen. Das geschichtsträchtige Gebäude sei baufällig. Bei der Frage, ob das nun der Grund oder 
nur ein Vorwand ist, gehen die 
Meinungen auseinander. Denn das kleine Museum könnte ertragreicheren Bauprojekten im Wege stehen.

810 Menschen haben das mit viel Liebe zum Detail gestaltete Museum im Jahr 2016 besucht – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist eine kleine Einrichtung, die außer mit dem Schild an der Fassade und gelegentlichen Infoständen bei Veranstaltungen und im Einkaufszentrum keine Werbung betreibt.

5 000 Exponate wurden aufbereitet und ausgestellt. Darunter zwölf historische Einsatzfahrzeuge und ebenso viele Motorräder. Außerdem Uniformen, Dienstwaffen, Dokumente und Fotos – kurz Polizeimaterial aus zwei Jahrhunderten, von der Fotoausrüstung aus dem Grundgefängnis bis hin zum Erschießungspfahl.

Große Pläne für 2017

Für 2017 waren u. a. Spurensicherungstage im Rahmen eines großen Pfadfindertreffens in Kirchberg geplant. Ebenso eine Ausstellung zum 90. Gründungstag der „Police de la route“.

Das Museum sollte außerdem eine Ausstellung des thüringischen Staatsarchivs zur Luxemburger „Freiwilligen-Kompanie“ im Zweiten Weltkrieg beherbergen. Eine außerordentlich bedeutsame Ausstellung, die offenlegt, wie wenig die meisten Luxemburger Gendarmen und Polizis
ten „freiwillig“ im NS-Deutschland Dienst taten: Von 450 Mann endeten 264 in Gefängnissen und Konzentrationslagern. 48 sollten ihre Heimat nie wiedersehen.

Historisch bedeutsam ist auch das komplexe Gebäude, in dem das Polizeimuseum untergebracht ist. Die Gendarmeriegarage wurde 1954 errichtet, und sie gilt als der einzige derartige architektonische Zeitzeuge dieser Epoche im Großherzogtum. Als besonders schützenswert und einzigartig über die Landesgrenzen hinaus, gilt auch der Betonpilz der Gendarmerie-Tankstelle im Innenhof des Gebäudes.

Das bestätigten nicht nur Experten, sondern auch die staatliche Bautenkommission. Die Mitglieder dieses konsultativen Ausschusses waren offenbar einstimmig der Auffassung, das Gebäude müsse als unbedingt schützenswert klassifiziert werden.

Deshalb waren die Museumsbetreiber, die A.s.b.l. „Le musée de la police grand-ducale – le gardien de la mémoire“ auch etwas verblüfft, als sie vergangene Woche in der Antwort des Kulturministeriums auf eine parlamentarische Anfrage zum Polizeimuseum lasen, das Kulturministerium habe entschieden, keine Klassifizierungsprozedur einzuleiten. Die Begründung: „um andere Projekte zur künftigen Nutzung der gesamten Installationen am Verlorenkost nicht zu gefährden“.

Luxuswohnungen statt Museum?

„Es gab Gerüchte, es sei geplant, auf dem gesamten Verlorenkost-Areal Wohnungen zu errichten“, erklärt der Schatzmeister der Museumsfreunde, Charles Manderscheid. „Sozialwohnungen“, hieß es. Angesichts der außerordentlichen Lage, werden es im unteren Teil in der Rue Marie et Pierre 
Curie wohl eher Luxuswohnungen sein.

Ein anderes Stück Luxemburger Geschichte, das den Bauplänen zum Opfer fallen könnte: Im Hügel hinter der Gendarmeriegarage liegt  der Zugang zu den Kasematten des Fort Neipperg. Obwohl diese nur schlecht geschützt waren, wurden sie im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzräume genutzt. Beim dritten alliierten Luftangriff auf Luxemburg, am 9. August 1944, starben hier nach einem Volltreffer 15 Menschen, darunter sechs Kinder.
Ein anderes Stück Luxemburger Geschichte, das den Bauplänen zum Opfer fallen könnte: Im Hügel hinter der Gendarmeriegarage liegt der Zugang zu den Kasematten des Fort Neipperg. Obwohl diese nur schlecht geschützt waren, wurden sie im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzräume genutzt. Beim dritten alliierten Luftangriff auf Luxemburg, am 9. August 1944, starben hier nach einem Volltreffer 15 Menschen, darunter sechs Kinder.
Foto: Gerry Huberty


Doch das war nicht die einzige Überraschung, die das Ministerium parat hatte. Im gleichen Antwortschreiben hieß es, das Kulturministerium freue sich über die Konservierung der gesammelten Ausstellungsstücke. Deshalb unterstütze man das Polizeimuseum auch über das MuLux-Netzwerk. Ein jährlicher Kredit sei für die Finanzierung gemeinsamer Projekte der Museen, Werbung und Verwaltung vorgesehen.

"Keinen einzigen Euro"

„Wir haben bisher keinen einzigen Euro bekommen, weder vom Staat noch von der Stadt Luxemburg“, stellt Charles Manderscheid klar. „Wir leben von Mitgliedsbeiträgen und Spenden.“ Unterstützung gebe es lediglich auf rein praktischer Ebene durch die Polizeidirektion, indem diese etwa kleinere Arbeiten im Polizeiatelier genehmige. Ein Budget für ein Museum sei aber auch hier nicht vorgesehen.

Auch das Projekt eines gemeinsamen Polizei-, Zoll-, Post- und Rettungsdienstmuseums in Petingen sei längst wegen der zu erwartenden Personalkosten eingestanzt worden. „Ein Problem, das sich für uns hier am Verlorenkost nicht stellt“, sagt Manderscheid. „Wir sind Freiwillige. Wir arbeiten umsonst.“

Totschlagargument: baufällig!

Diese Woche folgte dann ein weiterer Schlag für die Museumsfreunde, der das Schicksal des Polizeimuseums in Verlorenkost für immer besiegeln könnte: Man teilte ihnen mündlich mit, das Gebäude gelte fortan als baufällig, Besucher seien ab sofort nicht mehr geduldet. Arbeiten würden aber keine genehmigt.

Beanstandet wird eine bröckelnde Stelle im Beton in einer Garage, Feuchtigkeit in der Dachrinne und ein kaputtes Heizungsrohr. „Dort, wo früher die Fahrzeuge gewaschen wurden und heute ein 4,5 Tonnen schwerer, gepanzerter Cadillac steht, ist eine Fuge geborsten, die sich ohne Weiteres reparieren lässt“, hält Charles Manderscheid dagegen. Die Dachrinne wurde geputzt und Elektroheizkörper herbeigeschafft.

Feuerwehrmuseum: Aus den Augen - aus dem Sinn

Für die Museumsfreunde aus den Reihen der Polizei ist die neuerliche Entscheidung ein Totschlagargument und somit ein Vorwand, um sich des Museums zu entledigen. „Es gibt keine Ausweichmöglichkeit“, betont Charles Manderscheid. „Es soll uns nicht so ergehen wie dem Feuerwehrmuseum.“ Dessen Fahrzeuge wurden in eine Halle in Roost verschoben – aus den Augen aus dem Sinn.

„Wir haben zu viert oder fünft im vergangenen Jahr insgesamt 1 690 Arbeitsstunden in das Museum investiert“, meint er abschließend. „Sie können sich vorstellen, wie wir uns jetzt fühlen.“

Was bleibt, ist viel Frust und die Befürchtung, die Geschichte der Luxemburger Polizei könne mangels politischen Willens für immer in irgendwelchen Kisten und Kellern verschwinden.


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