Verfahrensaussetzung nach 176. Sitzungen

Das Fazit der Verteidigung

Die Anwälte der beiden Angeklagten sehen sich in ihrer Position bestärkt

Me Gaston Vogel nach Bekanntwerden der Verfahrensaussetzung vor versammelter Presse.
Me Gaston Vogel nach Bekanntwerden der Verfahrensaussetzung vor versammelter Presse.
Marc Wilwert

(mth) - Die beiden Anwälte von Marc Scheer und Jos Wilmes fühlten sich gestern bestätigt in ihrer Strategie, welche sie von Anfang an verfolgt hätten: Me Gaston Vogel sah die absehbare Aussetzung des Verfahrens als „Demonstration dessen, was die Verteidigung vom ersten Tag an angeprangert hat, nämlich eine Anklageschrift, hinter der völlig unzureichende Ermittlungen stecken“. Der Staatsanwalt habe eine Verfahrensspaltung forciert, um Marc Scheer und Jos Wilmes unabhängig von den laufenden Ermittlungen gegen die weiteren Verdächtigen auf der Anklagebank zu halten. Nun müsse er sich sozusagen „an die eigene Nase packen“ und die Spaltung wieder aufheben, um die sechs neuen Verdächtigen aufgrund der selben Tatbestände zusammen mit Scheer und Wilmes vor Gericht zu bringen.

Me Vogel drückte zudem sein Unverständnis darüber aus, dass Ben Geiben, der während des Prozesses „auf viele Fragen keine Antwort geben konnte“, nicht unter den neuen Angeklagten sei: „Ich habe mein Bedauern darüber ausgedrückt und die Tatsache, dass vielleicht weitere Anklagen folgen werden, lässt mir diesbezüglich zumindest etwas Hoffnung“. Was den zeitlichen Rahmen einer Weiterführung des Prozesses betrifft, so verortete Vogel diesen in „unendlicher Ferne“.

Me Lydie Lorang, die Verteidigerin von Jos Wilmes, war der Meinung, dass die Staatsanwaltschaft die Entwicklung hätte voraussehen müssen: „Wenn wir von Anfang an Recht mit unserer Position bekommen hätten, im Sinne dass die Ermittlungen auf Ebene des Untersuchungsrichters weitergeführt worden wären, dann hätten wir das alles hier nicht nötig gehabt. Alle Personen wären zusammen angeklagt worden, und wir wären nicht 176 Mal hergekommen, um dann in ein paar Jahren wieder von vorne zu beginnen. Das bisherige Verfahren könnte sich dann tatsächlich als völlige Zeitverschwendung erweisen, da laut Lorang aller Voraussicht nach bei einer Neuauflage des Verfahrens mit neuen Beschuldigten die im aktuellen Verfahren gehörten Zeugen erneut geladen werden dürften: „Verfahrensrechtlich kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Anwalt sich mit den Tonaufzeichnungen der Zeugenanhörungen zufrieden gibt und keine eigenen Fragen stellen möchte. Wäre ich an ihrer Stelle, dann würde ich die Zeugen erneut anhören wollen, weil meine Mandanten ja nicht unbedingt die selben Interessen haben wie Wilmes und Scheer.“

Lorang ist zudem nicht der Meinung, dass die neuen Anklageerhebungen eher die These einer Verschwörung innerhalb der Gendarmerieführung stützen, als die von der Verteidigung bisher favorisierte Stay-Behind-Theorie: „Ich hätte mir kaum vorstellen können, dass die Staatsanwaltschaft in eine andere Richtung geht, da sie immer die Stay-Behind-These dermaßen vehement ablehnte. Aber auch das zeigt, dass sie in den 175 Sitzungen nichts dazugelernt hat. Stay Behind ist eine Spur, nach der auch ermittelt werden muss, denn wir haben genug Elemente dazu. Wenn die Staatsanwaltschaft offen dafür gewesen wäre, hätte sie in diese Richtung ermittelt. Ich fürchte jedoch, dass sie den selben Fehler wieder machen wird.“

Lorang hofft außerdem, dass der sich aufdrängende Verdacht, die Anklage gegen Scheer und Wilmes könnte nur dazu gedient haben, die wahren Hintermänner der Anschlagsreihe zu überführen, sich nicht bewahrheitet: „Wenn das die Taktik war, dann fände ich dies extrem schlimm. So etwas macht man nicht mit zwei unbescholtenen Bürgern, die man vorführt, weil man ein anderes Ziel hat. Wenn das tatsächlich die Daseinsberechtigung dieses Prozesses gewesen sein sollte, dann wäre ich noch stärker angeekelt, als ich es ohnehin schon bin.“

Staatsanwaltschaft geht in die Offensive