Veggie-Welle

Claude Feyereisen

Mit dem Vorschlag eines wöchentlichen fleischlosen Tages in Kantinen haben die Grünen in Deutschland in ein Wespennest gestochen. Ein ganzes Land schreit nach Veränderung, will neue Wege gehen, fordert Zukunftsgestaltung, aber beim Essen hört der Spaß offenbar auf. Ob so geplant oder nicht, mit den „Veggie Day“-Parolen haben die Grünen mitten im (politischen) Sommerloch einen (medialen) Treffer gelandet. Zu jeder anderen Jahres-Zeit wäre dieses Thema wohl eher belächelt als diskutiert worden.

Dennoch bedarf der Grünen-Vorstoß genauerer Betrachtung, zumal der Ansatz grundsätzlich ein begrüßenswerter ist – auch außerhalb Deutschlands. Nie wurde so viel Fleisch verzehrt wie heute. Die Konsequenzen des in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegenen Fleischkonsums (mit anhaltender Tendenz) sind hinreichend bekannt, doch werden die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme für den Menschen und die jeglicher Rechtfertigung entbehrende Massentierhaltung (man führe sich die erschreckenden Bilder einschlägiger Reportagen vor Augen) sowie deren Einfluss auf das Ökosystem bei diesem Thema einfach ausgeblendet.

Man will nicht darüber reden. Wenn es um das Essen auf dem eigenen Teller geht, werden sämtliche weltverbessernde Maßnahmen mit einem Schlag zunichtegemacht, von Freiheitsbedrohung ist gar die Rede. Hier stimmt die Verhältnismäßigkeit von Vorschlag und Reaktion dann aber nicht mehr.

Von Bevormundung kann keine Rede sein, der „Veggie Day“ ist lediglich eine gut gemeinte Empfehlung der Grünen. Allerdings eine solche, die in Form einer landesweiten Sensibilisierungskampagne vom Gesundheitsministerium hätte ausgehen sollen. Im Interesse der Volksgesundheit.

Dennoch, die Wiederbelebung des (freiwilligen) fleischlosen Tages ist ein Ansatz, der auch hier zu Lande Schule machen sollte. Der „Veggie Day“ ist obendrein alles andere als neu. Er war bis vor nicht allzu langer Zeit weit verbreitet und er gehörte im Großteil der Luxemburger Haushalte zum guten Ton. Es wurde allerdings reichlich wenig Aufhebens davon gemacht. Der fleischlose Tag war schlichtweg der Freitag, ohne dass man ihn so genannt hat.

Der „Veggie Day“-Vorschlag hat erneut eindrücklich verdeutlicht, wie es um die tatsächliche Veränderungsbereitschaft einer Gesellschaft bestellt ist, die jahrein, jahraus nach Veränderung schreit: Die Nimby-Mentalität ist allgegenwärtig, Veränderung nur dann, wenn sie die anderen betrifft. Selbst dann, wenn sie einerseits vorsorglicher Natur und im Interesse der Gesundheit und somit der Lebenserwartung des Einzelnen, und andererseits ganz im Sinne der Wahrung des immer stärker unter Druck geratenden Ökosystems ist.

Der „Veggie Day“-Vorschlag, von dem sich angesichts der Heftigkeit der Reaktionen offenbar ein ganzes Land betroffen fühlt, macht eines deutlich: Die Veränderung des Lebenswandels des Einzelnen ist eine emotionale Angelegenheit. Es geht dabei um Genuss, Vorlieben und Gewohnheiten. Wer letztere dauerhaft verändern will, benötigt Argumente und Ausdauer. Mit Vorschriften allein stellt sich der gewünschte Erfolg nicht ein.