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Unfall in Differdingen: Giftige Zersetzungsprodukte als Ursache?
Lokales 2 Min. 14.06.2016

Unfall in Differdingen: Giftige Zersetzungsprodukte als Ursache?

Der Zwischenfall auf dem  Arcelormittal-Gelände wirft weiterhin Fragen auf.

Unfall in Differdingen: Giftige Zersetzungsprodukte als Ursache?

Der Zwischenfall auf dem Arcelormittal-Gelände wirft weiterhin Fragen auf.
Foto: Lex Kleren
Lokales 2 Min. 14.06.2016

Unfall in Differdingen: Giftige Zersetzungsprodukte als Ursache?

Michel THIEL
Michel THIEL
Die Ursache des Zwischenfalls in Differdingen bleibt rätselhaft, auch wenn mittlerweile Entwarnung gegeben werden konnte. Wir haben einen Experten für die Entsorgung chemischer Kampfstoffe um seine Einschätzung gebeten.

(mth/TJ) - Nach dem Zwischenfall im Stahlwerk in Differdingen am Montag bleibt die Frage offen, welche Substanzen für die Haut- und Augenreizung dreier Werksarbeiter, die sich in der Nähe der beiden Waggons aufgehalten hatten, verantwortlich sind

Der Kampfmittelräumdienst der Armee untersuchte die über 100 Tonnen gemischten Metallschrott bis Dienstagabend ohne schlüssiges Ergebnis. Werksleiter Carlo Koepp sagte am Dienstagnachmittag, es seien keine giftigen Stoffe, welche die beschriebenen Symptome hätten auslösen können, gefunden worden. Der Schrott aus Deutschland sei ordnungsgemäß entsorgt gewesen.

Dies hat die Regierung mittlerweile bestätigt. Zudem wurde der Krisenstab, der nach dem Zwischenfall einberufen worden war, aufgelöst. "Die Bevölkerung war zu keinem Moment einem Sicherheits- oder Gesundheitsrisiko ausgesetzt", so steht es in einem Communiqué der betreffenden Krisenzelle.

Minister Dan Kersch ließ überdies am Dienstag auf RTL Télé verlauten, dass man bis Ende 2016 ein Informationssystem auf die Beine stellen wolle, das es erlaube, schnell und gezielt Personen in einem bestimmten Bereich zu warnen und Anweisungen zu geben.

Untersuchung eingeleitet

 Die Staatsanwaltschaft Luxemburg hat unterdessen eine Untersuchung wegen Verdachts auf Körperverletzung eingeleitet, wie Justizsprecher Henri Eippers am Dienstag bestätigte.

Der Sprecher von Arcelormittal Luxemburg, Pascal Moisy erklärte auf Nachfrage, dass die Lieferung nicht den Vorgaben des Unternehmens entsprochen habe: „Prinzipiell wird in unseren Werken in Luxemburg kein demilitarisierter Waffenschrott mehr verwendet. Die Hohlkörper der Granaten sind für Elektroöfen nicht geeignet, da enthaltenes Wasser oder Luft im Ofen Probleme bereiten können“.

Auf den am Montag von der Regierung freigegebenen Fotos ist der Inhalt der Waggons, der von einem Händler aus der Gegend von Düsseldorf stammt und dessen Unbedenklichkeit offenbar bescheinigt war, deutlich erkennbar. Neben herkömmlichem Metallschrott sind auf den Bildern zweifelsfrei ganze oder zerlegte Artillerie- und Mörsergranaten erkennbar.

Diese entsprechen zudem den Kalibern, die in den beiden Weltkriegen eingesetzt wurden, wie Dr. Andreas Krüger von der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten im deutschen Münster (Geka) bestätigt. Das Unternehmen entsorgt im Auftrag des deutschen Bundesverteidigungsministeriums Munitionsaltlasten und verfügt über die einzige Anlage in Deutschland, in welcher derzeit chemische Kampfstoffe vernichtet werden.

Krüger schließt die Möglichkeit, dass der Zwischenfall durch chemische Kampfstoffe ausgelöst wurde, weitgehend aus: „Die Munitionsteile, die auf den Fotos erkennbar sind, wurden mit ziemlicher Sicherheit thermisch behandelt“.

Giftige Zersetzungsprodukte
als Ursache?

Dies entspreche dem normalen Vorgehen bei derartigen Substanzen, so der Experte: „Die Munition wird bei mindestens 500 Grad in einem Ofen ausgeglüht. Dabei werden jegliche Rückstände chemischer Kampfstoffe zerstört. Die Metallreste werden nach der thermischen Behandlung auf Schadstoffe überprüft, bevor sie als Schrott freigegeben werden“.

Ein Unfall sei dadurch quasi ausgeschlossen. Andreas Krüger gibt jedoch zu bedenken, dass Munitionsreste durchaus andere gefährliche Stoffe enthalten können: „Die Tatsache, dass die Waggons offen waren, lässt den Schluss zu, dass das Material mit Regenwasser in Kontakt kam. Dabei könnten sich durch chemische Zersetzung von Phosphorverbindungen oder Metallstäuben durchaus gefährliche Gase bilden“.

Durch die Reaktion mit Wasser könnten sich etwa so genannte Phosphane gebildet haben – hochgiftige und reizende Phosphorwasserstoffverbindungen, welche durchaus die bei den Arbeitern festgestellten Symptome hätten auslösen können.


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