Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Umweltschutz im Müllerthal: „Der Tagestourist bringt uns nicht viel“
Lokales 3 Min. 25.08.2017

Umweltschutz im Müllerthal: „Der Tagestourist bringt uns nicht viel“

Wanderer im Müllerthal werden an Stellen mit sensibler Flora und Fauna vorbeigeführt.

Umweltschutz im Müllerthal: „Der Tagestourist bringt uns nicht viel“

Wanderer im Müllerthal werden an Stellen mit sensibler Flora und Fauna vorbeigeführt.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 3 Min. 25.08.2017

Umweltschutz im Müllerthal: „Der Tagestourist bringt uns nicht viel“

Volker BINGENHEIMER
Volker BINGENHEIMER
Touristen wollen vor allem die Natur genießen. Gleichzeitig bedeuten Hotelbauten, Campingplätze und Ströme von Aktivurlaubern immer auch einen Eingriff in die Umwelt. Ein Interview mit Sandra Bertholet, Direktorin des ORT Müllerthal.

Interview: Volker Bingenheimer  

Touristen wollen in ihrem Urlaubsgebiet vor allem die Natur genießen. Gleichzeitig bedeuten Hotelbauten, Campingplätze und Ströme von Aktivurlaubern immer auch einen Eingriff in die Umwelt. Im Interview erklärt Sandra Bertholet, Direktorin vom ORT Müllerthal, welche Rolle der nachhaltige Tourismus in der Region spielt.

Sandra Bertholet, was tun Sie, damit Touristen der Natur möglichst wenig Schaden zufügen?

Wir versuchen, die Wanderer auf das Thema Abfall aufmerksam zu machen. Die Mülltonnen auf den Wanderparkplätzen werden häufig, teilweise täglich, geleert. Aus dem Wald möchten wir Abfalleimer so weit wie möglich heraushaben, weil sonst Füchse den Müll herauszerren und verteilen. Außerdem achten wir bei der Wegführung darauf, dass die Wanderer die Wege nicht verlassen. Es gibt im Müllerthal Felsschluchten mit konstantem, dauerhaft feuchtem Klima, wo wertvolle Farne, Moose und Flechten wachsen. Diese Bereiche schützen wir vor Wanderern, zum Beispiel mit Geländern. Das heißt, wir opfern einige Flächen, um andere zu bewahren.

Wandern, das seit Jahren im Trend liegt, gilt ja generell als naturnah. Aber es gibt auch Schattenseiten ...

Wir achten darauf, dass Wanderer keine Tiere stören. Deshalb sind Nachtwanderungen tabu. Außerdem möchten wir das Segment mit Übernachtungsgästen stärken. Tagesausflügler hingegen, die mit ihrem eigenen Auto anreisen und ihr eigenes Essen mitbringen, bringen der Region keine Einnahmen und haben auch einen ungünstigen ökologischen Fußabdruck. Trotz alledem erfordern die Tagesgäste öffentliche Ausgaben: Wir müssten riesige Wanderparkplätze schaffen, wo sie morgens ihr Auto abstellen und abends wieder heimfahren.

Stichwort Auto: Fast 99 Prozent der Wandertouristen kommen mit dem Privatwagen. Es dürfte schwierig sein, sie für den öffentlichen Transport zu begeistern.

Es geht aber. Ein Vorteil ist, dass die Fahrkarten in Luxemburg sehr günstig sind und das Tarifsystem einfach zu verstehen ist. Unser Problem ist, dass wir nicht an die Eisenbahn angeschlossen sind. Die Touristen kommen mit dem Zug und müssen am Bahnhof Luxemburg in den Bus umsteigen. Trotzdem: Die allermeisten Urlauber kommen nach wie vor mit dem Auto. Unser Ziel ist, dass sie das Auto am Hotel oder Camping stehen lassen und sich hier mit Bus, zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewegen.

Sandra Bertholet, Direktorin des ORT Müllerthal.
Sandra Bertholet, Direktorin des ORT Müllerthal.
Foto:Gerry Huberty

Hier im hügeligen Müllerthal sind die Besucher doch bestimmt froh über die Erfindung des E-Bikes?

Absolut. Wir haben zwölf Mietstationen für Fahrräder, auch E-Bikes. Und seit 2012 steigen die Mietzahlen jedes Jahr. Auch Hotels können bei den Stationen anrufen und eine ganze Anzahl Räder reservieren. Was noch hier und da fehlt, sind die Aufladestationen für E-Bikes.

Neue Campingplätze, Spaßbäder und Hotels nehmen der Natur wichtigen Raum weg. Schreitet auch hier der Flächenverbrauch voran?

Im Moment kommt es nicht zu solchen Projekten, weil die Flächen nicht zur Verfügung stehen. Wenn es mal Bauland gibt, ist die Wohnbebauung meist renditeträchtiger als zum Beispiel ein Hotel. Das führt auch dazu, dass vor allem ältere Hotelbesitzer erwägen, ihre Immobilie an einen Bauträger zu verkaufen, anstatt einen Nachfolger zu suchen.

Gerade Hoteliers klagen, Umweltzertifikate wie das Luxemburger „Ecolabel“ hätten zu komplizierte Anforderungen. Wie ist das Echo?

Von den Betrieben kommt der Vorwurf, dass es viele Labels gibt, aber kein spezifisches Marketing. Wer so ein Label möchte, muss oft viel investieren, zum Beispiel für eine neue Heizung oder Isolierung. Der Kunde sucht sein Hotel aber nicht danach aus, ob es das Ecolabel hat.

Wie sehen die Hotelbesitzer denn das Thema Nachhaltigkeit?

Das ist bei uns implizit. Wir haben nie gesagt, wir sind eine Destination für nachhaltigen Tourismus.

Für den früheren Tourismusminister Fernand Boden war das aber eine beliebte Parole ...

Man gewinnt keinen Kunden dadurch, dass man sagt: Machen Sie Urlaub in der nachhaltigen Region Müllerthal. So funktioniert das einfach nicht. Das Reisemotiv des Kunden ist ein anderes.

Das heißt, Nachhaltigkeit spielt sich hinter den Kulissen ab, Sie werben aber nicht damit?

Bei jeder Überlegung spielt Nachhaltigkeit eine Rolle. Nur so können wir das bewahren, was wir haben, damit Touristen in zehn oder 15 Jahren die Landschaft noch genießen können. Und diese Verantwortung tragen wir alle zusammen.