Überlastete Krankenhäuser

Notaufnahme in Not

Hier will man schnell rein, aber nicht lange bleiben: Die Notaufnahmen sind während der Wintermonate oft überlastet.
Hier will man schnell rein, aber nicht lange bleiben: Die Notaufnahmen sind während der Wintermonate oft überlastet.
Foto: Lex Kleren

Von Jacques Ganser

Den Wintermonaten sehen die Mitarbeiter der Notaufnahmen in den Krankenhäusern besorgt entgegen: Stürze durch rutschige Gehsteige, Autounfälle und Grippewellen sorgen dann regelmäßig für überfüllte Säle und lange Wartezeiten. Bereits im vergangenen Winter quollen die Notaufnahmen über, viele Patienten mussten an andere Krankenhäuser überwiesen werden oder durften gleich wieder nach Hause.

Einzelne, dramatischere Fälle hatten für Aufsehen gesorgt und auch die zuständigen Stellen im Gesundheitsministerium auf den Plan gerufen. Nun mehren sich wieder die Hiobsbotschaften verzweifelter Patienten, die nicht verstehen wollen, warum sie im Notfall längere Zeit auf Hilfe warten müssen.

Zwei Fallbeispiele

Die folgenden Fälle wurden zum Teil in den sozialen Netzwerken verbreitet, in jedem einzelnen Fall wurde aber Rücksprache mit den Betroffenen genommen, um die genauen Umstände aus erster Hand erklärt zu bekommen. So erfuhr Jeff K. am vergangen Montag vom Verkehrsunfall seiner Partnerin in Pommerloch. Im Auto, das bei einem Frontalunfall schwer beschädigt wurde, befanden sich seine Freundin und ihr anderthalb Monate altes Mädchen. Die Notrufzentrale meinte zuerst, das Kind solle in die „Kannerklinik“ verbracht werden, die Mutter in ein anderes Krankenhaus.

„Zum Glück meinten die Ambulanzfahrer sofort, sie würden ein Kleinkind nicht von ihrer Mutter trennen“, so Jeff K. „Die Ersthelfer waren sehr verständnisvoll“. Mutter und Kind wurden schließlich von den Mitarbeitern des Notdienstes ins CHdN nach Ettelbrück gebracht. Nach einem ersten Check durch die Krankenpfleger wurde Jeff K. mitsamt seiner Freundin und dem Kleinkind in einen Wartesaal geschickt. Dort dauerte es nach Angaben des Betroffenen bis 22.35 Uhr, bevor sich ein Arzt des Kleinkindes annahm.

Dreieinhalb Stunden Wartezeit

Seit dem Unfall waren zu dem Zeitpunkt mehr als dreieinhalb Stunden vergangen. „Er schaute ihm kurz in die Augen und meinte, die Pupillen würden normal reagieren. Da das Mädchen sich während des Aufpralls in einem speziellen Kindersitz befand, hätten wir nichts weiter zu befürchten und könnten es nach Hause bringen“, so Jeff K. „Es gab keine weitere Untersuchung, nicht mal ein Abtasten. Als wir am nächsten Tag unserem Kinderarzt die Umstände erklärten, war dieser entsetzt. Er untersuchte das Mädchen auf eventuelle Organverletzungen oder Schäden an der Wirbelsäule. Zum Glück hatte es nichts davongetragen.“

Mit Wirbelbruch nach Hause

Auch Philippe Z. hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Genau wie Jeff K. geht es ihm nicht darum, einzelne Handelnde zu beschuldigen. „Das System hat einfach Fehler“, so Philippe Z. Sein 87 Jahre alter Großvater war die Treppe hinuntergestürzt. Er klagte über Rückenschmerzen und Atemnot. Der Mann wurde vom Notdienst zügig ins CHL gebracht, dort stellte man die Fraktur eine Halswirbels fest. Weil im CHL kein Bett mehr frei war, musste der Mann wieder nach Hause.

„Es war zwar ein stabilisierter Bruch, aber bringen Sie mal einen 87-jährigen, der unter Schmerzen und einem Wirbelbruch leidet, eigenständig nach Hause und dann noch ins erste Stockwerk.“ Den Transport erledigte schließlich eine Privatambulanz. Am nächsten Tag folgten eingehendere Untersuchungen im „Hopital Kirchberg“, dort bekam der Mann dann auch ein Zimmer. „Das Personal sowohl im Krankenhaus als auch im Notdienst war sehr zuvorkommend, sie machen wohl das Beste aus der Situation“, so Philippe Z. „Aber das System als Ganzes ist unbedingt verbesserungswürdig.“

Nun ist natürlich niemand subjektiver als der Patient, der, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben und dazu noch mit starken Schmerzen, eine Notaufnahme besucht und nicht verstehen kann, warum nicht sofort alles für ihn stehen und liegen gelassen wird. In der Notaufnahme ist man halt immer nur ein Notfall unter vielen, und während man selbst den Tod schon fast vor Augen hat, sieht die routinierte Krankenschwester auf den ersten Blick vielleicht nur einen kleinen Schwächeanfall. So viel Routine in Notfällen kann für den Durchschnittspatienten durchaus eine schockierende Erfahrung sein. Aber das Gesundheitswesen muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob es angesichts seiner Kosten wirklich die Bedürfnisse seiner Patienten, und Finanzierer, erfüllt.

Antworten am 15. Dezember

Der Notfallplan „Plan blanc“ wurde am ersten Dezemberwochenende nicht ausgelöst, erklärt Gesundheitsministerin Lydia Mutsch in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Frage des Abgeordneten Fernand Kartheiser (ADR). Dieser wollte wissen, ob es in diesem Zeitraum zu Engpässen gekommen war. Es würden wohl Belastungsspitzen bestehen und die Verwaltung der freien Betten innerhalb dieser Dienste sei eine wahre Herausforderung, so die Ministerin.Es läge aber an den einzelnen Krankenhäusern, diese organisatorischen Probleme anzugehen.

Weil das Thema bereits mehrere Male hochkochte, hatte Gesundheitsministerin Lydia Mutsch eine Überprüfung des gesamten Notaufnahmebetriebs in Auftrag gegeben. Die Schlussfolgerungen und Empfehlungen wurden bereits mit allen Beteiligten abgesprochen. Die Öffentlichkeit soll darüber am 15. Dezember informiert werden.