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Trier am Tag danach: Eine Stadt ringt um Fassung
Lokales 9 4 Min. 02.12.2020

Trier am Tag danach: Eine Stadt ringt um Fassung

Trauernde legen nach der Amokfahrt mit fünf Toten in Trier an der Porta Nigra Kerzen und Blumen nieder.

Trier am Tag danach: Eine Stadt ringt um Fassung

Trauernde legen nach der Amokfahrt mit fünf Toten in Trier an der Porta Nigra Kerzen und Blumen nieder.
Foto: dpa
Lokales 9 4 Min. 02.12.2020

Trier am Tag danach: Eine Stadt ringt um Fassung

Michael MERTEN
Michael MERTEN
Am Tag nach der Amokfahrt erinnern Blumen- und Kerzenmeere in der Trierer Innenstadt an die Opfer. Bei einer Gedenkveranstaltung macht die Ministerpräsidentin Mut - und dankt den Luxemburgern.

Schweigend stehen Passanten um das Marktkreuz, das den Mittelpunkt des Trierer Hauptmarkts bildet. In normalen Zeiten machen es sich hier meist Menschen bequem, die einen Imbiss verzehren oder sich auf ein Bier treffen. Doch normal ist am Mittwochmorgen nichts in der Trierer Innenstadt. Es liegt eine Schwere, eine Bedrücktheit über der Fußgängerzone - und das, obwohl keine direkten Spuren mehr an den furchtbaren Amoklauf erinnern, der keine 24 Stunden zuvor hier stattgefunden hat. Das Bild des Grauens, von dem Oberbürgermeister Wolfram Leibe gesprochen hatte, es ist tags zuvor fast vollständig beseitigt worden. Aufgeräumt, fast steril wirkt die Fußgängerzone.


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Doch um die Tatorte des Vortags haben sich an diesem Mittwoch kleine Gedenkinseln gebildet; mitten auf der Simeonstraße etwa breitet sich ein Teppich aus Kerzen und Blumen aus. Auch vor einem Kaffeegeschäft stehen einige Kerzen. Doch die beiden Stufen rund um das Marktkreuz ziehen die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Aus den Blumen und Kerzen ragen Teddys in mehreren Größen und Farben hervor. Ein kleiner brauner Bär sitzt direkt neben einem ausgedruckten Foto in Klarsichtfolie, das einen stolz lächelnden Vater mit seinem neu geborenen Baby zeigt. Gerade mal neun Wochen ist dieser glückliche Moment her.

Neun Wochen des jungen Familienglücks, das mit einem Moment so jäh zerstört wurde. Der Vater und seine Tochter zählen zu den fünf Todesopfern, die der in Trier geborene 51-jährige Amokfahrer Bernd W. binnen weniger Minuten umgebracht hat. Die Mutter und ihr anderthalbjähriger Sohn haben die Wahnsinnstat überlebt, sie befinden sich im Krankenhaus.

Der Anblick der Teddys bringt manche Passanten zum Weinen; Verwandte und Freunde umarmen sich. Andere wirken gefasster; die meisten Anwesenden stehen andächtig um das Kreuz herum. Gesprochen wird wenig. „Dat kann ma net begreifen“, sagt eine ältere Triererin. 

Im Supermarkt gibt es keine Kerzen mehr

Eine andere ältere Dame steht mit einem Jutebeutel auf dem Porta-Nigra-Vorplatz. Dort kommen um 10 Uhr Hunderte Menschen zu einer Gedenkveranstaltung zusammen. Eine Freundin winkt ihr aus einer anderen Ecke zu und kommt rüber; die beiden Frauen zögern kurz und überlegen, wie sie sich begrüßen sollen. Den pandemischen Umständen gemäß mit Abstand - oder dem Trierer Ausnahmezustand gemäß mit einer Berührung? Nach einer Wartesekunde kommen sie sich schließlich wortlos näher und umarmen sich. „Mir zittern immer noch die Beine“, erzählt die Triererin ihrer Freundin. Sie habe kaum geschlafen in der Nacht. 

Dat kann ma net begreifen. 

Eine ältere Triererin

Eine halbe Stunde vor dem Amoklauf sei sie noch in der Fußgängerzone gewesen; „das hätte mich auch treffen können“, sagt sie. In einem nahen Supermarkt hat sie vorhin noch Kerzen kaufen wollen, doch die waren ausverkauft; immerhin konnte sie noch einen Strauß Blumen ergattern. Den legt sie nun auf einem steinernen Sockel vor dem Wahrzeichen der Stadt ab. Bis ganz nach vorne, wo ein wahres Blumenmeer entstanden ist, möchte sie nicht gehen; dort stehen die Menschen sehr dicht beisammen. Die sonst von der Polizei bei Demonstrationen streng durchgesetzten Abstandsregeln spielen an diesem Tag keine Rolle. 


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Viele Schülerinnen und Schüler sind gekommen. Der Amoklauf war für Miriam Rings zunächst ein schreckliches Ereignis, mit dem sie aber keine konkreten Schicksale verband.  Das änderte sich für die 18-Jährige am Mittwochvormittag schlagartig , als ihr Unterricht an der Berufsbildenden Schule für Ernährung, Hauswirtschaft und Sozialpflege begann. Dort erfuhr sie, dass auch eine Lehrerin der Schule unter den Toten ist. „Unser Lehrer hat uns heute Morgen gesagt, dass sie von uns gegangen ist und  dass wir Verständnis dafür haben sollen, dass die Lehrer ein bisschen bedrückt sind“. Die Klasse entschied sich, vollständig zu der Gedenkfeier zu gehen, die ihr persönlich gutgetan habe: „Man konnte loslassen, man konnte es hinter sich bringen“, sagt die angehende Erzieherin. Der Unterricht sei für den Rest des Tages abgesagt worden; die Klassenlehrer und Seelsorger stünden als Ansprechpartner bereit. 

Um 10.30 Uhr ist bereits der gesamte Vorplatz der Porta Nigra gefüllt. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD)  hält eine Ansprache: „Trier trauert, Trier leidet, Trier resigniert aber nicht“, versucht er den Menschen Mut zu machen. Er dankt allen Rettungskräften für ihre Hilfe und appelliert an die Solidarität der Bürger. „Geben wir uns gegenseitig das Gefühl von Nähe, geben wir uns das Gefühl von Sicherheit und geben wir uns das Gefühl, dass wir Trierer zusammenstehen.“ 

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagt: „Das große Leid, das durch dieses Attentat verursacht wurde, können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können den Trauernden und Verletzten versichern: Sie sind in Ihrem Schmerz nicht allein.“ Eine Traumaambulanz soll helfen, seelische Verletzungen zu behandeln.

Das große Leid, das durch dieses Attentat verursacht wurde, können wir nicht ungeschehen machen.  

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD)

01.12.2020, Rheinland-Pfalz, Trier: Kräfte der Polizei und des THW sperren den Zugang zur Fußgängerzone. Am Nachmittag war ein Mann mit einem Auto durch die Fußgängerzone von Trier gefahren und hat dabei Menschen verletzt und getötet. Foto: Oliver Dietze/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Am Rande der Gedenkzeremonie dankt Dreyer auch den Luxemburgerinnen und Luxemburgern für ihr Mitgefühl. Am Dienstag hätten sich Premierminister Xavier Bettel (DP) und Außenminister Jean Asselborn (LSAP) umgehend bei ihr gemeldet, um ihre Solidarität auszudrücken und Hilfe anzubieten. „So lebt eben nachbarschaftliche Freundschaft miteinander“, sagt die Landesmutter dem „Luxemburger Wort“. Sie hebt hervor: „Die Luxemburger gehören zu unserer Stadt und für viele Luxemburger ist das auch ein Stückchen Heimat. Insofern leiden und trauern sie mit uns und das tut wirklich auch sehr gut.“  Wie am Vormittag bekannt wird, war auch ein Luxemburger unter den leicht Verletzten.  (Mit KNA) 

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