Tihange, Doel und die grenzübergreifende Sorge

Belgische "Bröckel-Reaktoren"

Doel 3 soll genau wie Tihange 2 vom Netz genommen werden, bis alle Sicherheitsfragen geklärt sind.
Doel 3 soll genau wie Tihange 2 vom Netz genommen werden, bis alle Sicherheitsfragen geklärt sind.
AFP

(dpa/tom) - Von „belgischen Bröckel-Reaktoren“ spricht Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel, die deutsche Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl gar von einer „Zeitbombe an unserer Grenze“. Wenn in Deutschland über belgische Atomkraftwerke gesprochen wird, schwingt Panik mit. Seit 2012 Tausende feine Risse in zwei Reaktorbehältern gefunden wurden, fühlen sich nicht nur in Deutschland die Mahner bei jedem Vorfall bestätigt und fordern: Die Meiler Doel 3 und Tihange 2 müssen vom Netz.

Die Sorge ist nicht unbegründet: "Wenn in Tihange etwas passiert, sind wir bei ungünstigem Wind betroffen. Wir wollen Druck aufbauen und den Finger auf die Wunde legen", sagt Frank Arndt. Er vertritt als Bürgermeister von Wiltz die Gemeinde in Luxemburg, die der belgischen Grenze und damit dem AKW Tihange am nächsten liegt. 


Die Kernenergie-Agentur hat "großes Vertrauen"

Aber sind belgische Reaktoren tatsächlich so gefährlich? Ganz so eindeutig, wie mitunter behauptet wird, ist es wohl nicht. Ja, die belgischen Atomkraftwerke haben häufiger Pannen. Aber eine Gefahr, dass die Kraftwerke bald in die Luft fliegen, sehen Experten nicht.

Die OECD-Kernenergie-Agentur NEA, in der auch Belgien organisiert ist, beschwichtigt: Man habe großes Vertrauen, dass die Aufsichtsbehörden die Gesundheit und Sicherheit der Menschen schützen, heißt es dort.

Und auch die deutsche Reaktorsicherheitskommission in Bonn sieht keine akute Gefahr - solange alles nach Plan läuft. Zweifel äußern die Experten nur für den Ausnahmefall und besondere Belastungen: Ob der Meiler Tihange 2 bei Liège (rund 80 Kilometer von der Luxemburer Grenze) und Doel 3 bei Antwerpen auch bei Störungen sicher wären? Hinweise auf das Gegenteil gibt es nach einer Expertise vom April 2016 aber auch nicht. Genaues weiß man nicht.

Was würde im Ernstfall passieren? Eine Studie der Universität für Bodenkultur in Wien von Ende Oktober nimmt eine Reaktorkatastrophe in Tihange an und bezieht die Folgen auf die deutsche Grenzregion. Aachen und das Umland könnten demnach unbewohnbar werden. Bei ungünstigem Wetter wären die Auswirkungen mit der 20-Kilometer-Sperrzone im japanischen Fukushima vergleichbar, erklären die Experten.

Der Reaktorsicherheitsexperte Hans-Josef Allelein von der RWTH Aachen warnt vor Hysterie, zumindest aus Aachener Sicht. Zwar könnte die Region bis Aachen unter bestimmten Bedingungen von Radioaktivität aus Tihange betroffen sein, sagt der Inhaber des Lehrstuhls Reaktorsicherheit und -technik. In der Wiener Expertise sieht er jedoch Schwächen und findet das Ergebnis, die ganze Region müsse evakuiert werden, „ein bisschen tendenziös“.

Mängel in der belgischen Sicherheitskultur

Sorgen bereitet Allelein vielmehr die belgische Sicherheitskultur. Die Personaldecke sei dünn. Der Chef der Aufsichtsbehörde FANC habe früher das Kraftwerk Doel geleitet. Es bestünden Mängel im Brandschutz.

Eigentlich hatte Belgien bereits den Atomausstieg für 2015 ins Auge gefasst, doch dann entschied sich die Regierung, die Laufzeit einiger Meiler bis 2025 zu verlängern. Die internationale Atomenergie-Organisation IAEA schickte deshalb Experten zur Überprüfung. Die zusammenfassenden Berichte lesen sich in etwa so: Die Betreiber tun viel für die Sicherheit, aber Luft nach oben ist schon noch.

Das AKW Tihange liegt rund 80 Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt.
Das AKW Tihange liegt rund 80 Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt.
Foto: Reuters

Es fehle ausgebildetes Personal, heißt es da. Führungsprozesse müssten sich an die verlängerte Laufzeit anpassen. Über die Meiler Doel 1 und 2 sowie Tihange 1 vermerken die IAEA-Experten: „Die Besichtigung hat gezeigt, dass die Anlage in einem guten Zustand ist.“ Diese Meiler sind allerdings auch nicht von den Haarrissen betroffen.

Die beiden besonders kritisch beäugten Anlagen sollen planmäßig nach 40 Jahren vom Netz gehen: Doel 3 im Oktober 2022, Tihange 2 ein knappes Jahr später.

Maßstab in Sachen Reaktorsicherheit ist die 1990 eingeführte Ines-Skala. Ereignisse, die mit 0 bewertet werden, haben keine oder nur sehr geringe Bedeutung. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl liegt auf der höchsten Stufe 7. Die belgische Atomaufsicht FANC registrierte zwischen 2007 und 2016 in den Kraftwerken Tihange und Doel immerhin 94 Zwischenfälle der Stufe 1. Hinzu kommt im Kraftwerk Doel ein Ereignis der Stufe 2. Zum Vergleich: In deutschen Kernkraftwerken gab es nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz zwischen 2007 und November 2016 nur vier Ereignisse, die mit Stufe 1 bewertet wurden.

Die belgische Aufsicht hält den reinen Zahlenvergleich für wenig aussagekräftig. „Die Anzahl der Vorfälle, die einer Ines-Bewertung unterzogen werden, ist kein Indikator für die Sicherheit der betreffenden Einrichtung“, sagt ein FANC-Sprecher. Allelein meint indes, die Zahlen seien „ein weiteres Indiz für die offensichtlich mit Mängeln behaftete Sicherheitskultur des belgischen Betreibers und der Sicherheitsbehörde.

Großregionale Beschwerden

Die Nachbarn beunruhigt dieser Schlendrian. Eine Allianz von 90 Kommunen aus den Niederlanden, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kämpft unter der Federführung der Städteregion Aachen für ein Abschalten des grenznahen Meilers Tihange 2. Für Luxemburg hat die Stadt Wiltz an dieser Initiative teilgenommen.

Auch auf nationaler Ebene wurde Druck aufgebaut: Die luxemburgische Regierung schloss sich der Forderung der deutschen Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) an, Doel 3 und Tihange 2 vom Netz zu nehmen - zumindest für eine eingehende Überprüfung der Risiken.

Davon will Belgien allerdings nichts wissen. „Im Moment bin ich zu 100 Prozent gewiss, dass unsere Atomanlagen sicher sind“, sagte Belgiens Innenminister Jan Jambon im Dezember.

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