Stay Behind: zwischen Verschwörungstheorien und Fakten

Die 156. Sitzung begann gleich mit einem Einwurf der Verteidigung, die erneut die Seriosität der Arbeit der Ermittler in der Bommeleeër-Affäre in Frage stellte. Im Fokus der Kritik standen diese Mal die Angaben, die der Kriminalbeamte Joël Scheuer bereits am Dienstag zu Beginn seiner Ausführungen zu einer möglichen Verwicklung des luxemburgischen Stay-Behind-Ablegers „Plan“ gemacht hatte.

Me Gaston Vogel und der Zeuge Andreas Kramer, der im April 2013 spektakuläre Aussagen über die angebliche Verstrickung von Stay Behind und Geheimdiensten in die Anschläge machte. Alle Überprüfungen durch Ermittler ergaben: Kramers Behauptungen hatten nicht den geringsten Wahrheitsgehalt.
Me Gaston Vogel und der Zeuge Andreas Kramer, der im April 2013 spektakuläre Aussagen über die angebliche Verstrickung von Stay Behind und Geheimdiensten in die Anschläge machte. Alle Überprüfungen durch Ermittler ergaben: Kramers Behauptungen hatten nicht den geringsten Wahrheitsgehalt.
(Foto: Marc Wilwert)

  Die Verteidigung wirft der Staatsanwaltschaft vor, den Hinweisen zu einer möglichen Verstrickung von „Plan“ und Geheimdiensten in die Bombenattentate nicht mit der nötigen Sorgfalt und im Sinne einer Entlastung der beiden Angeklagten nachgegangen zu sein.

Die offizielle Version: Zivilisten mit Funkgeräten

Scheuer hatte seine Ausführungen mit der allgemeinen Anmerkung begonnen, dass die luxemburgische Stay-Behind-Truppe mit dem Codenamen „Plan“ als Mission ausschließlich Operationen im Inland gehabt habe und im Falle einer feindlichen Invasion mit der Beschaffung und Übermittlung von Informationen, sowie dem Ein- und Ausschleusen von wichtiger Personen beauftragt gewesen wäre.

Der dritte Aufgabenbereich, dessen Vorbereitung in ausländischen Stay-Behind-Organisationen umgesetzt worden sei, betreffe „Psyops“, also psychologische Kriegsführung, was auch beispielsweise Sabotageakte beinhaltet hätte. Die luxemburgische Struktur habe jedoch aufgrund der unzureichenden Ressourcen des Landes nicht über eine solche Abteilung verfügt. Stattdessen habe man in Betracht gezogen, im Ernstfall auf alliierte Agenten zurückzugreifen, um derartige Operationen durchzuführen. Es habe also im Gegensatz zum Ausland keinen militärischen Zweig des luxemburgischen Stay Behind gegeben.

Die luxemburgischen Agenten seien in Navigationskunde, Nachrichtenübermittlung und konspirativen Techniken zum Selbstschutz ausgebildet worden. Sie verfügten über spezielle Funkgeräte mit Verschlüsselungskapazitäten. Ein angelegtes Waffenlager sei nie geöffnet worden und die Agenten, die sich aus Sicherheitsgründen nicht persönlich kannten, seien in Friedenszeiten nie bewaffnet gewesen.Den Oberbefehl über „Plan“ oblag anfangs der Armee und dem Staatsminister. Anschließend sei die Kontrolle an den zivilen Geheimdienst Srel übergegangen.

Zuletzt sei Jacques Santer  als Staatsminister politisch für das Netzwerk verantwortlich gewesen. Der Chef des Srel, Charles Hoffmann, habe den Staatsminister regelmäßig über die Aktivitäten von „Plan“ informiert. Nachdem das Netzwerk 1990 in der Öffentlichkeit bekannt geworden sei, habe Hoffmann eine Informationsversammlung organisiert, um Santer und den damaligen Armeeminister Marc Fischbach im Detail über das Netzwerk und seine Aktivitäten aufzuklären.

Auch einzelne Mitglieder des parlamentarischen Kontrollausschusses für Verfassungsfragen, darunter die Parteivorsitzenden, hätten an derartigen Visiten teilgenommen. Nach einer diesbezüglichen Entscheidung der Regierung aufgrund einer fehlenden Daseinsberechtigung des Netzwerks nach dem Ende des Kalten Kriegs sei „Plan“ aufgelöst worden. Die Agenten seien schriftlich darüber informiert worden, dass ihre Mission beendet sei. Das einzige angelegte Waffenlager habe keinen Sprengstoff enthalten und sei vom Srel entsorgt worden.

Verschwörungstheorien, Lügen und Hirngespinste?

Scheuer erklärte in einem Zwischenfazit, es gebe nicht den geringsten Anhaltspunkt, der vermuten lasse, dass es eine Verbindung zwischen dem luxemburgischen Stay Behind und den Attentaten gebe. Laut dem Ermittler hätten die „haarsträubenden Verschwörungstheorien“, die im Zusammenhang mit Stay Behind im Raum stünden, aus Sicht der Untersuchungsbehörde „absolut gar nichts mit der Bommeleeër-Affäre zu tun“.

Es gebe auch keinen einzigen Hinweis darauf, dass es neben „Plan“ eine weitere, geheime Struktur gegeben habe, die mit Verbindungen zu Gendarmerie und Polizei für die Attentate verantwortlich zu machen sei. Auch die in der luxemburgischen Presse sei kolportierte These, es gebe Zusammenhänge zwischen dem Nato-Manöver „Ösling 84“ oder eine Einflussnahme durch die „World Anticommunist League“ (Wacl), seien in keiner Weise belegbar.Die Schlussfolgerungen der Ermittler zum Zeugen Andreas Kramer, der im April 2013 vor Gericht durch seine spektakulären Aussagen für Aufsehen sorgte, sparte sich Scheuer mit Einverständnis des Gerichts und der Verteidigung ganz. Mittlerweile sei klar, dass Kramers Aussagen zu Stay Behind und den Anschlägen nicht im geringsten der Wahrheit entsprächen.

Scheuer wird am kommenden Montag seinen Bericht über die Ermittlungen zu Stay Behind abschließen.

Interessante Zeugenaussagen in Aussicht

In den kommenden Wochen wird das Thema Stay Behind weiterhin das Prozessgeschehen bestimmen. In diesem Zusammenhang sind eine Reihe hochkarätiger und interessanter Zeugen vorgeladen, angefangen mit Jacques Santer, der als ehemaliger Staatsminister zwischen 1984 und der Auflösung von Stay Behind im Jahr 1990 für das geheime Netzwerk politisch verantwortlich war.

Ebenfalls als Zeuge aussagen soll Jacques F. Poos, der als Vizepremier und Außenminister ebenfalls bestens über die Existenz von „Plan“ informiert gewesen sein dürfte. Des Weiteren sollen quasi alle mit dem Thema vertrauten Mitarbeiter des Srel erneut vor Gericht aussagen: Neben dem aktuellen Srel-Direktor Patrick Heck sind dessen beiden Vorgänger Marco Mille und Charles Hoffmann sowie mehrere ehemalige Srel-Mitarbeiter und frühere Mitglieder von „Plan“ als Zeugen geladen – bei letzteren muss die Staatsanwaltschaft teilweise zunächst noch die Namen ermitteln.

Interessant, wenn auch eher im anekdotischen Sinne, dürfte auch die Aussage des Belgiers Lucien Dislaire werden, der als Buchautor viel zum Thema der verdeckten Kriegsführung geschrieben hat. Dislaire saß zudem aufgrund diverser Straftaten in Luxemburg im Gefängnis und kann auf eine beeindruckende Laufbahn als Schwerverbrecher zurückblicken – er wurde in Belgien unter Anderem wegen bewaffnetem Raub, Fälschung und illegalem Waffenbesitz belangt.