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Stay behind: kalter Krieg oder kalter Kaffee?
Am 10. November 1990 enthüllt Romain Hilgert in einem Artikel die Existenz der luxemburgischen "Stay behind"-Truppe, die er fälschlicherweise mit dem Codenamen ihres italienischen Pendants, "Gladio" bezeichnet. Von Anfang an stellt er dabei einen Zusammenhang zur "Bommeleeër"- Affäre her.

Stay behind: kalter Krieg oder kalter Kaffee?

Michel Thiel
Am 10. November 1990 enthüllt Romain Hilgert in einem Artikel die Existenz der luxemburgischen "Stay behind"-Truppe, die er fälschlicherweise mit dem Codenamen ihres italienischen Pendants, "Gladio" bezeichnet. Von Anfang an stellt er dabei einen Zusammenhang zur "Bommeleeër"- Affäre her.
Lokales 9 Min. 25.03.2012

Stay behind: kalter Krieg oder kalter Kaffee?

Die "Bommeleeër"-Affaire hält die Öffentlichkeit weiter in Atem. Während die Ermittlungen ihren normalen Lauf nehmen, wird jetzt wieder spekuliert über mögliche Zusammenhänge zwischen der Anschlagsserie und einem anderen großen Rätsel der jüngeren Vergangenheit: dem so genannten "Stay behind"-Agentennetz in Luxemburg, dessen Existenz Ende 1990 bekannt wurde. Kann es sein, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen jenem Überbleibsel des kalten Krieges und der Anschlagsserie in den Jahren 1985 und 1986 gab?

(mth) - Die "Bommeleeër"-Affaire hält die Öffentlichkeit weiter in Atem. Während die Ermittlungen ihren normalen Lauf nehmen, wird jetzt wieder spekuliert über mögliche Zusammenhänge zwischen der Anschlagsserie und einem anderen großen Rätsel der jüngeren Vergangenheit: dem so genannten "Stay behind"-Agentennetz in Luxemburg, dessen Existenz Ende 1990 bekannt wurde. Kann es sein, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen jenem Überbleibsel des kalten Krieges und der Anschlagsserie in den Jahren 1985 und 1986 gab?

Ein Interview sorgt für Aufregung

Eine Frage, die jetzt, nach den rezenten Enthüllungen um die Bombenattentate, auch wieder das Parlament interessieren zu scheint. So beantragen die liberalen Abgeordneten Xavier Bettel und Colette Flesch in einem Brief vom 17. Januar, die parlamentarische Justizkommission - der sie beide selbst angehören - möge sich in seiner kommenden Sitzung am 29. Januar mit angeblichen Verbindungen zwischen der Anschlagsserie und dem geheimen Netzwerk beschäftigen.

Als Anlass nehmen sie ein Interview mit dem Schweizer Historiker und Autoren eines Bestsellers zum Thema "Stay behind", Daniele Ganser, den die Wochenzeitschrift "Revue" am 19. Januar veröffentlichte. Die angeblichen "neuen Elemente" im Zusammenhang mit der Bommeleeër-Affäre, aufgrund derer Bettel und Flesch gegebenenfalls einen parlamentarischen Untersuchungsauschuss fordern, liefert das Ganser-Interview allerdings kaum.Auf die Frage, was Ganser bei seinen Forschungen über die "Stay behind"-Aktivitäten herausgefunden habe gibt dieser zu: "Wenn ich ganz ehrlich bin, eigentlich wenig. Meine einzige Quelle war ein Artikel aus dem "Luxemburger Wort" vom 15. November 1990. In Luxemburg sind bislang nur in sehr begrenztem Umfang Informationen über die Stay-Behind-Organisation verfügbar gemacht worden." Daniele Ganser gibt im Revue-Interview selbst zu, er habe sich erst seit kurzem mit der "Bommeleeër "-Affäre befasst. Er habe sich mittlerweile "eingelesen".

Auf die Frage, ob er der Meinung sei, dass es sich bei der Bommeleeërt-Affäre um einen Fall von Staatsterror gehandelt habe, antwortet Ganser: "Das ist eine reine Hypothese auf der Basis der neusten Daten zum internationalen Gladio-Netzwerk, wie ich sie in meinem Buch darlege. Ich will nur deutlich machen, dass es so gewesen sein könnte. Bewiesen ist das überhaupt nicht. Es könnte auch anders gewesen sein."

Staatsterror und False Flag-Attacken

Eine der Hauptquellen, die Daniele Ganser in seinem Buch nennt, um die Hypothese von staatsterroristischen Aktivitäten der "Stay-behind"-Netze zu untermauern ist übrigens heutzutage sehr umstritten. Es handelt sich um ein ominöses Geheimdokument namens "US Army Field Manual 30-31 - Annex B" (kurz FM 30-31B), dass angeblich Richtlinien über verdeckte Kriegsführung und subversive Aktionen gibt. Eine Technik sind die so genannten "False flag"-Attacken - wobei terroristische Aktionen durchgeführt und diese politischen Gegnern in die Schuhe geschoben werden.

Ein Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses kam bereits 1979 zu dem Ergebnis, es handele sich bei dem Dokument FM 30-31B um eine Fälschung des sowjetischen Geheimdienstes KGB, der in Umlauf gebracht worden sei, um die verdeckten Operationen der Vereinigten Staaten zu diskreditieren.

Der "Stay behind"-Untersuchungsauschuss des belgischen Senats, beruft sich in seinem Abschlussbericht aus dem Jahr 1991 ebenfalls auf das FM 30-31B, weist aber darauf hin, dass bei der Inbetrachtnahme dieser Quelle "eine gewisse Vorsicht angebracht ist, da die Kommission keinerlei Gewissheit über die Echtheit des Dokumentes hat".

Stay behind in Luxemburg: die offizielle Version...

Auf den ersten Blick scheint der Fall "Stay behind" in Luxemburg relativ klar. Nachdem der Journalist Romain Hilgert am 10. November 1990 in der "Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek" einen Artikel veröffentlicht, in welchem die Existenz eines "Stay behind "-Netzes in Luxemburg enthüllt wird, richtet der DP-Abgeordnete Charles Goerens eine Dringlichkeitsanfrage an den damaligen Premierminister und gleichzeitigen obersten Geheimdienstchef Jacques Santer.Dieser bestätigt am 14. November die Existenz der Truppe vor dem Parlament. Er verteidigt die Schaffung der Organisation gleichzeitig , indem er sagt, dass "das eigentliche Prinzip einer Untergrundorganisation mit dem Ziel der Verteidigung des Vaterlandes im Fall einer Invasion nicht in Frage zu stellen sei" und auf die Untergrundkämpfer während des Zweiten Weltkriegs hinweist.Santer, der gleich klarstellt, keine Kenntnis von der Existenz des Netzwerks gehabt zu haben, ordnet dessen sofortige Auflösung an und gibt eine administrative Untersuchung bei Armee und Geheimdienst in Auftrag. Einem Monat später präsentiert er dem zuständigen Parlamentsausschuss für institutionelle Fragen und Verfassungsrevision einen kurz gefassten Bericht über das luxemburgische "Stay behind"-Netz, der vor allem auf den freiwilligen Angaben des damaligen Geheimdienst-Direktors Charles Hoffmann basiert. Die Steuerung des Netzwerks, das in den 50er-Jahren vorbereitet und ab 1959 unter dem Codenamen "Stay behind" aktiv gewesen sei, sei von "Service de renseignement de l'Etat", also dem Geheimdienst übernommen worden.Der damalige Premier Pierre Werner habe grünes Licht zur Schaffung der Organisation gegeben. Ähnliche Netze hätten in allen Nato-Staaten existiert und die Koordination habe eine geheime Kommandostelle der Nato übernommen.

Zwei Maschinenpistolen, vier Pistolen und vier Handgranaten...

Die Aufgabe der Agenten, deren Zahl sich maximal auf zwölf und 1990 noch auf neun belaufen habe, sei es gewesen, im Fall einer sowjetischen Invasion alliierte Kommandos zu unterstützen, Informationen zu sammeln und gegebenenfalls Personen aus der besetzten Zone ein- und auszuschleusen. Zu den Missionen hätten keine Sabotageakte oder direkte Kampfeinsätze gehört. Auch habe es keine illegalen Aktivitäten wie manchen anderen Ländern gegeben.Die Truppe habe sich ausschließlich aus freiwilligen Zivilisten zusammengesetzt, die ihre Befehle über Funkgeräte erhalten hätten. 1973 sei ein Waffenlager zum Selbstschutz der Agenten im Ernstfall angelegt worden, das zwei Maschinenpistolen, vier Pistolen, vier Handgranaten und Munition enthalten habe - das Waffenversteck sei nie geöffnet worden und das gesamte Material sei nach dem 14. November 1990 sichergestellt worden. Die Truppe habe sich während ihrer gesamten Existenz lediglich an harmlosen Trainingsaktivitäten beteiligt, so Santer.Die Vertreter der Justizkommission, die unter dem Vorsitz von Léon Bollendorf (CSV) stand und der Jean Asselborn (LSAP), François Colling (CSV), Lydie Err (LSAP), Henri Grethen (DP), François Kuffer (LSAP), Robert Mehlen (damals 5 /6-Aktiounskomitee), Ernest Mühlen (CSV) und Jean-Paul Rippinger (DP) und André Hoffmann (KPL) angehörten, stellte sich mit den Erläuterungen des Premiers zufrieden und beschloss fast einstimmig, keinen Untersuchungsausschuss einzusetzen - lediglich André Hoffmann stimmte dagegen. Eine Motion der fraktionslosen Opposition wird ebenfalls verworfen. Damit ist das das Kapitel "Stay behind" in Luxemburg vorerst geschlossen.

Zwischen Spekulation und Wahrheitsfindung

Die Tatsache, dass die Mitglieder der zuständigen Parlamentskommission damals die Einberufung eines Untersuchungsauschusses nicht für nötig hielten, wirft gewisse Fragen auf. Denn bereits damals war in der Presse in aller Ausführlichkeit über mögliche Zusammenhänge zwischen "Stay-behind" und der Anschlagsreihe spekuliert worden.

Neben der kommunistischen "Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek" spekulierten sowohl das liberale "Lëtzebuerger Journal" wie auch das den Sozialisten nahestehende "Escher Tageblatt" über eventuelle Verbindungen zwischen rechtsextremen Kreisen in Luxemburg und Belgien, den Urhebern der Bombenattentate und dem geheimen Nato-Agentennetz.

Zwei solcher Artikel, in denen die beiden Verfasser erklären, eine "heisse" Spur im Milieu der rechtsextremen Szene gefunden zu haben und den Ermittlern helfen zu wollen, bewirken gar eine parlamentarische Frage von Henri Grethen (DP). Justizminister Marc Fischbach antwortet am 17. Januar 1991 lediglich, zwei Journalisten seien tatsächlich angehört worden und gewisse Spuren würden überprüft, bisher hätten die Informationen jedoch keinen Einfluss auf das Ermittlungsverfahren gehabt.

Interessant ist, dass Hilgert in seinem Artikel mit dem suggestiven Titel "Fünf Jahre Staatsgeheimnis Bombenleger - Nato-Terrorkommando Gladio auch in Luxemburg" die Geheimtruppe von Anfang an mit der Attentatsserie in Verbindung bringt. Er weist auf auffällige Parallelen zwischen den Terroranschlägen der "Tueurs fous du Brabant" in Belgien, den Aktivitäten des italienischen "Stay behind "-Netzes "Gladio" und den Anschlägen in Luxemburg hin und beruft sich dabei unter anderem auf Berichte der belgischen Tageszeitung "Le Soir" und auf einen Untersuchungsbericht des belgischen Parlaments.

Die "Stay behind"-Truppe wurde auch in Zusammenhang mit dem "Ösling84"-Manöver im Mai 1984 gebracht, an der belgische und amerikanische Spezialeinheiten teilgenommen haben sollen. Zur gleichen Zeit wurde die Kaserne einer belgischen Armeeinheit in Vielsalm von einem mysteriösen Kommando überfallen, wobei Kriegswaffen gestohlen wurden und ein Wachsoldat schwer verletzt wurde. Die Täter wurden nie identifiziert, aber ein gestohlenes Sturmgewehr wurde später in einem Versteck der belgischen linksextremen Terrorgruppe "Cellules Communistes Combattantes" gefunden.

Justizminister Luc Frieden und Verteidigungsminister Jean-Louis Schiltz haben am 23 Januar die Teilnahme von luxemburgischen Armeeeinheiten und von US-Spezialeinheiten an dem Manöver bestätigt. Zu den Vorfällen in Vielsalm äußerten sich die Minister nicht. Sie betonten zudem, bisher keine persönliche Kenntnis von dem Manöver gehabt zu haben.

Tappen die Ermittler im Dunkeln?

Wer sich jedoch auf spektakuläre Enthüllungen gefasst macht, könnte bitter enttäuscht werden. In einem "Luxemburger Wort"-Interview vom 30. November 2007 antwortete Staatsanwalt Robert Biever auf die Frage, ob es Verbindungen zwischen "Stay behind" und den Urhebern der Attentate gebe: "Ich sehe keinen Zusammenhang ".

Im Rahmen seines Treffens mit der parlamentarischen Justizkommission am 5. Dezember vergangenen Jahres bestätigte Biever allerdings, dass der Geheimdienst während der Anschlagsserie im Auftrag der Gendarmerie und auf ausdrücklichen Befehl des Premierministers ermittelt habe und zwar wegen "terroristischer Aktivitäten". Auch wenn die Definition des Terroristmus dehnbar ist, scheinen die Ermittler also schon damals gewusst zu haben, dass sie nicht nach einer einfachen Erpresserbande suchen.

Eine Verbindung zwischen beiden Affären dürfte heutzutage allerdings schwerer denn je herzustellen sein. Das luxemburgische "Stay-behind"-Netz wurde nach seiner Entdeckung 1990 aufgelöst. Viele seiner ehemaligen Angehörigen sind mittlerweile verstorben. Die Namen der Agenten wurden nie öffentlich bekannt und liegen derzeit auch nicht den "Bommeleeër"-Ermittlern vor.

Weitere Informationen zum geheimen Agentennetz in Luxemburg liegen entweder in in- oder ausländischen Geheimdienst-Archiven unter Schloss und Riegel oder sie wurden möglicherweise vernichtet. Auch deshalb wäre eine tiefergehende Untersuchung in Luxemburg schon 1990 wünschenswert gewesen, sei es auch nur, um Spekulationen aller Art den Nährboden zu entziehen.

Denn eine parlamentarische Untersuchungskommission hat leider nur begrenzte Mittel der Wahrheitsfindung - besonders im Bereich der Geheimdiensttätigkeiten. Das mussten auch die Mitglieder der belgischen Senatskommission zum Thema "Stay behind", erfahren, die in ihrem Abschlussbericht schreiben: "Weder die Anhörungen noch die Analyse der zahlreichen Unterlagen erlauben es, verdächtige Zusammenhänge zwischen kriminellen Individuen und Organisationen oder dem rechtsextremen Milieu einerseits und dem 'Stay behind'-Netz andererseits herzustellen, und dies trotz der hohen Zahl von Personen, die im Laufe der Jahre an diesen Aktivitäten beteiligt waren".