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SOS aus dem Zellentrakt
Lokales 3 Min. 29.04.2018

SOS aus dem Zellentrakt

In der Haftanstalt Schrassig beteiligten sich in den vergangenen Tagen 
immer mehr Insassen an Streiks.

SOS aus dem Zellentrakt

In der Haftanstalt Schrassig beteiligten sich in den vergangenen Tagen 
immer mehr Insassen an Streiks.
Foto: Gerry Huberty
Lokales 3 Min. 29.04.2018

SOS aus dem Zellentrakt

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Mindestens viermal haben Häftlinge binnen weniger Tage in der Justizvollzugsanstalt Schrassig gestreikt. Während die Gefängnisverwaltung die Beteiligten inzwischen sanktioniert hat, blieben ihre Motive bislang weitgehend im Dunkeln.

Schrassig ist ein Brennpunkt. Das liegt quasi in der Natur der Haftanstalt, denn dort bestraft die Gesellschaft Menschen für von ihnen begangenes Unrecht. Konflikte sind vorprogrammiert und doch noch immer die Ausnahme.

Bereits seit mehreren Wochen machen nun aber Protestaktionen von Häftlingen Schlagzeilen. Es gab Arbeitsniederlegungen, Sitzstreiks und Häftlinge, die den abendlichen Zelleneinschluss verweigerten. Gewalt blieb dabei aus.

Doch worum es den Gefangenen tatsächlich geht, ist diesseits der Mauern nur verschwommen wahrzunehmen. Mehrere Häftlinge haben Kontakt zum „Luxemburger Wort“ aufgenommen, um ihren Forderungen auch außerhalb der Gefängnismauern Gehör zu verschaffen.

Keine Gewalt bei Streiks

Mit Bestimmtheit verweisen dabei alle darauf, dass es zwischen dem Vorfall am 14. April und den Streikaktionen keinen Zusammenhang gebe. An jenem Tag war es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Häftlingen und Wärtern gekommen, wobei zwei Aufseher verletzt wurden. Aus Protest gegen die Verlegung der Unruhestifter verweigerten andere Insassen am Abend den Zelleneinschluss.


 In Schrassig gibt eine gewisse Zahl von Inhaftierten, die keinerlei Skrupel haben und nicht zögern, das unter Beweis zu stellen.
„Kaum mehr als Handschuhe“
Sie arbeiten in einem Umfeld, in dem sie zu jedem Augenblick ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn die Menschen, mit denen sie zu tun haben, sind jene, vor denen die Gesellschaft geschützt werden soll.

Von dem Versuch der an der Auseinandersetzung beteiligten Häftlinge, einen gewaltsamen Aufstand zu provozieren distanzieren sich andere Häftlinge vehement. Auch die Drohungen von außerhalb und via Facebook werden missbilligt. Die Autoren, zwei Ex-Insassen, hätten sich bereits während ihrer Haftzeit nicht mit Ruhm bekleckert, heißt es. Andere würden versuchen, die angespannte Stimmung für ihre ganz eigenen Zwecke auszunutzen.

Strukturelle Probleme

Die Probleme, gegen die man sich mit den Streikaktionen wehre, seien tiefgründiger und struktureller Natur. So werden beispielsweise die Arbeitsbedingungen für Häftlinge angeprangert. So heißt es, es gäbe keine Versicherung für arbeitende Gefangene, deren Arbeitszeit würde nicht für den Rentenbeitrag eingerechnet und die Bezahlung liege bei rund 220 Euro monatlich.


Hinweise auf geplante Gewalttaten gegen Gefängnisaufseher
Mehrere Häftlinge wollen offenbar gezielt einen gewaltsamen Aufstand im Schrassiger Gefängnis herbeiführen. Wie es scheint, werden gezielt Gerüchte über Misshandlungen gestreut, um die Stimmung in der Haftanstalt aufzuheizen.

„Wir arbeiten, aber verdienen nur so viel, wie wir tatsächlich für die alltäglichen Bedürfnisse im Gefängnis brauchen“, erklärt ein Insasse. „Es bleibt nichts übrig, um etwa für ein ehrliches Leben nach der Haft anzusparen.“ Die meisten Verurteilten müssten zudem noch Geldstrafen begleichen und mit dem Verdienst sei auch dies während der Haftzeit nicht möglich. Darüber hinaus sei eine Krankmeldung für Häftlinge nicht möglich.

Wer krankheitsbedingt nicht arbeiten könne, werde disziplinarisch wegen Arbeitsverweigerung belangt. Ein Arztbesuch sei nur an einem Tag pro Woche möglich.

Verwahrung statt Besserung

Folgenreiche Unzulänglichkeiten gibt es den Aussagen zufolge auch bei der Umsetzung von Gerichtsurteilen. So würde Gewalttätern prinzipiell eine psychologische Betreuung auferlegt. Diese finde aber mangels Möglichkeiten nicht statt. Psychologen bekomme man kaum zu Gesicht und Gruppentherapien gäbe es nicht.

„Wir werden hier verwahrt, es wird aber nicht mit uns gearbeitet“, betont ein Häftling. So verlasse man das Gefängnis in schlechterer Verfassung, als man es betreten habe. Für verurteilte Straftäter sei es dann natürlich schwer zu verstehen, dass sich die Vollzugsbehörde selbst nicht an Gesetze halte, heißt es weiter.

Brief an den Minister

Das „Luxemburger Wort“ erreichte zudem eine Kopie eines Briefs an Justizminister Felix Braz. Darin zeigt man sich enttäuscht von der Verweigerung des Ministers, sich mit den Gefangenen an einen Tisch zu setzen. In dem Schreiben, das mit „Les Détenus du CPL“ unterzeichnet ist, gibt es zwar Überschneidungen mit den Aussagen anderer Häftlinge gegenüber dem LW.

Allerdings geht die Kritik am Vollzug auch in eine etwas andere Richtung. So beschweren sich der oder die Verfasser darüber, dass im Ausland Ersttäter bereits nach einem Drittel oder der Hälfte der vorgesehenen Haftzeit unter Auflagen aus dem Gefängnis entlassen würden, Wiederholungstäter nach der Hälfte oder zwei Dritteln.

In Luxemburg liege die Entscheidungskraft alleine bei den Bewährungshelfern und hier sei Missbrauch an der Tagesordnung. Der Strafvollzug scheitere, weil der Gefangene trotz aller Bemühungen, sich in Haft gut zu benehmen, keine Aussicht auf Strafminderung habe.

Der Minister wird gebeten, seine Entscheidung zu überdenken und sich doch mit den Häftlingen auf Gespräche einzulassen.


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Centre Pénitentiaire, Schrassig,Gefängnis,Haftanstalt,Prison.Michel Lucius,Directeur. Foto:Gerry Huberty