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Sorgenkind Musik
Lokales 4 Min. 12.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Mangel an Nachwuchskräften

Sorgenkind Musik

Zusammen Musik machen bedeutet Freude für die Kinder.
Mangel an Nachwuchskräften

Sorgenkind Musik

Zusammen Musik machen bedeutet Freude für die Kinder.
Foto: Paul Mootz
Lokales 4 Min. 12.04.2017 Aus unserem online-Archiv
Mangel an Nachwuchskräften

Sorgenkind Musik

Anne Julie HEINTZ
Anne Julie HEINTZ
In den lokalen Musikvereinen bleiben die Nachwuchstalente weg. Ein schleichender Prozess, der über die Jahre hinweg im ganzen Land zu einem Problem für die lokalen Musikvereine wurde.

(AH) - Am 1. Oktober verabschiedet sich Marc Juncker nach 35 Jahren von seinem Posten als Direktor der Musikschule in Echternach. Seine Sorge für die Zukunft gilt dem Mangel an Zeit und Begeisterung vieler Kinder für eine musikalische Ausbildung.

Vor allem die Blechblasinstrumente finden keinen Anklang mehr. Marc Juncker ist besorgt, nicht nur um das Fortbestehen der lokalen Musikvereine sondern auch darum, das Interesse für Musik bei Kindern und Jugendlichen in Zukunft noch wecken zu können.

In den vergangenen Jahren besuchten jährlich rund 1 000 Musikschüler die Musikschule in Echternach. Eine stolze Zahl, doch ob diese in Zukunft aufrecht erhalten werden kann, ist fraglich. „Ich bin beunruhigt, was den Stellenwert der Musik in Zukunft im Leben der Kinder und Jugendlichen angeht. Junge Eltern müssen heute zu zweit arbeiten gehen, geben ihre Kinder in Ganztagsstrukturen ab und holen sie abends um sieben dort ab. Wo bleibt da noch Zeit für ein Instrument oder Sport? Bereits jetzt merken wir, dass Kinder immer weniger Zeit mit sich bringen, ein Instrument zu lernen. Zudem sind die Anforderungen, die heute an ein Kind gestellt werden, äußerst hoch in Anbetracht der Zeit, die ihnen noch zur Verfügung steht“, erklärt Juncker.

Aus dem gleichen Grund bleibt der Nachwuchs auch in den lokalen Musikvereinen aus. „Viele Eltern wollen sich nicht mehr dazu verpflichten, regelmäßig Proben und Konzerte zu besuchen. Sie haben abends lieber ihre Ruhe und bleiben zu Hause. Es warten also neue Aufgaben auf uns, wenn wir das Interesse und die Neugierde der Kinder für Musik am Leben erhalten wollen. In Zukunft und auch jetzt schon, müssen unsere Musiklehrer die Musik zu den Kindern bringen. Früher war es genau umgekehrt, damals kamen die Kinder zu uns, um die Musik aufzusuchen“, sagt Juncker.

Die Musikschule Echternach hat in diesem Zusammenhang eine intensive Zusammenarbeit mit mehreren Gemeinden und lokalen Musikvereinen aus der Region auf die Beine gestellt. Sie schickt Musiklehrer zu den Kindern in die Dörfer und bietet Musikunterricht und Auditionen an, sei es in der „Maison relais“, in den Schulen oder Kulturzentren. Mit dem Ziel: Wenn Kinder im lokalen Musikunterricht zueinanderfinden, werden sie anschließend hoffentlich auch wieder in die lokalen Vereine zurückkehren.

Die Anzahl der Musikschüler, die sich für Blechblasinstrumente interessieren, ist rückläufig.
Die Anzahl der Musikschüler, die sich für Blechblasinstrumente interessieren, ist rückläufig.
Foto: Paul Mootz

Zurück zur lokalen Identität

Es ist aber nicht alleine die Aufgabe der Musikschule sondern vor allem auch die der lokalen Vereine, jungen Nachwuchstalenten die Musik von klein auf schmackhaft zu machen und sie anzulocken, so dass ein Kind das andere mitreißt. Nur so, sagt Marc Juncker, könnte man wieder auf den Weg der lokalen Identität zurückgelangen. „Die lokalen Vereine müssen präsent sein und für Visibilität sorgen. Sie müssen die Kinder zu ihren Proben und Konzerten einladen und ihnen im Orchester eine Stimme verleihen, die sie mitspielen können. Der Dirigent muss sich die Mühe machen, die Noten umzuschreiben und sie somit an die Fähigkeiten der Schüler anpassen. Dazu sind heute aber nur noch wenige bereit. Es ist nachvollziehbar, dass Kinder das Interesse verlieren, wenn die Anforderungen, die an sie gestellt werden, einfach zu hoch sind“, unterstreicht der Direktor.

Die Mission der Musikschule sei es, so Juncker, den Nachwuchs der Vereine auszubilden und nicht ihnen den Nachwuchs zu beschaffen. „Wir wissen aber, dass wir in Zukunft auch da eine Hand mit anlegen müssen“, sagt er. Seinem Abschied im Oktober sieht der Direktor mit gemischten Gefühlen entgegen. Alle 55 Musiklehrer, die in der Musikschule in Echternach beschäftigt werden, hat er selbst eingestellt.

Politik auf dem Holzweg

„Ich werde diese Leute alle vermissen. Andererseits ist es ein guter Zeitpunkt zu gehen. Die Schule wird in den kommenden Jahren darum bemüht sein müssen, ausreichend Schüler anzuziehen, um alle Lehrer beschäftigen zu können. Es ist ein Zeitphänomen, ein Spiegel der Gesellschaft. Auch ist die Politik meiner Meinung nach in dieser Sache komplett auf dem Holzweg. Anstatt darum bemüht zu sein, Eltern die Möglichkeit zu geben sich noch um ihre Kinder zu kümmern, werden die Kinder immer stärker in Richtung Ganztagsstrukturen gedrängt“, so der Direktor.

Dass der Musikunterricht in den Schulen komplett abgewertet wird und quasi gar nicht mehr zu Stande kommt, bedauert Juncker zutiefst. „Nicht mal mehr ,Ons Heemecht‘ können die Kinder heute noch singen. Eine Katastrophe.“

Eine gute Zusammenarbeit findet mit 23 Flüchtlingen aus Weilerbach statt. Sie werden in Musikklassen integriert („Formation musicale“), erhalten einen Spezialkurs („World music“) und besuchen individuelle Kurse, je nachdem welches Instrument sie spielen. Auch ein paar Flüchtlinge von 22/23 Jahren, die im Lyzeum eine Klasse besuchen, werden in der Musikschule in Echternach musikalisch betreut.

Am 17. Juni findet ab 10 Uhr der Tag der offenen Türen in der Musikschule in Echternach (10, Rue des Merciers) statt. Morgens findet im großen Saal ein Konzert statt. Hauptthema ist ein Kinderlied, das von jedem Instrument gespielt wird. Der zweite Teil des Tages spielt sich im kleinen Saal (Agora) ab. Hier finden die Besucher Stände mit den unterschiedlichen Instrumenten.


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