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Rückbau nach Plan
Lokales 3 Min. 24.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Rückbau nach Plan

Tonnenweise Aluminium, Glas und Asbest: Das Jean-Monnet-Gebäude soll vorbildlich abgebaut werden.

Rückbau nach Plan

Tonnenweise Aluminium, Glas und Asbest: Das Jean-Monnet-Gebäude soll vorbildlich abgebaut werden.
Foto: Caroline Martin
Lokales 3 Min. 24.07.2018 Aus unserem online-Archiv

Rückbau nach Plan

Jacques GANSER
Jacques GANSER
Um das Problem des Bauschutts in den Griff zu kriegen, wird das Jean-Monnet-Gebäude auf Kirchberg nach den Kriterien der Kreislaufwirtschaft zurückgebaut.

Das Jean-Monnet-Gebäude in Kirchberg ist ein regelrechtes Monster: Auf einer Gesamtfläche von fast 120.000 Quadratmetern arbeiteten hier von 1978 bis 2016 2000 Beamte der europäischen Kommission. Entworfen wurde das Gebäude vom italienischen Konsortium Uniarch, architektonisch angesagt waren damals Glas und Metallfassaden. Asbest galt zudem als ideales Material, um die Metallstruktur einzukleiden und so die Brandbeständigkeit zu erhöhen. Es wurde tonnenweise in dem Riesengebäude verbaut. 2007 entschied die EU-Kommission, dass das Gebäude seine Aufgaben nicht mehr erfüllen könnte und ein Neubau fällig sei. Asbest wurde allerdings nicht ausdrücklich als Ursache genannt.

„Die EU-Kommisison wollte das Gebäude auch nicht kostspielig sanieren, da keine gefährlichen Asbest-Werte im Gebäude festgestellt wurden“, so Patrick Gillen, Präsident des Fonds Kirchberg, dem das Gebäude gehört.


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Wie im Geisterhaus

Im Jahre 2016 haben die letzten Mitarbeiter Jean Monnet I verlassen. Im Innern der kilometerlangen Flure des Bürokomplexes kann man sich leicht verlaufen, an den Büros hängen noch die Namensschilder der schwedischen, finnischen oder portugiesischen Mitarbeiter. Das Ganze erinnert an ein lost place der besonderen Art. Insgesamt 400 Tonnen Aluminium, drei Tonnen Kupfer aus Heizkörpern, 150 Tonnen Glasfläche sowie 400 Tonnen Metallschrott harren jetzt ihrer künftigen Bestimmung. Und die wird nicht Abriss heißen, sondern abfallneutrales Recyceln.

„So wie es die Abfallgesetzgebung vorschreibt, wollen wir den Großteil des Materials wiederverwerten und somit die Abfallmenge drastisch reduzieren“, so Claude Turmes, Staatssekretär in der Umweltabteilung des Nachhaltigkeitsministeriums. Doch nicht nur das: Der Rückbau des Jean-Monnet-Gebäudes soll zum Vorzeigeprojekt werden, zugleich werden sogenannte best practices erarbeitet, um künftigen Bauherren die Arbeit zu erleichtern. Mit Umweltverwaltung, Gewerbeinspektion, dem Ingenieurbüro Schroeder et associés sowie dem Luxembourg institute of science and technology LIST hat sich jede Menge Expertise zusammengefunden.

Immerhin 25 bis 30 Prozent der Gesamtabfallmenge in der EU ist auf Bauschutt und Abrissabfälle zurückzuführen. Mit dem Jean-Monnet-Gebäude soll die neue Technologie des Rückbaus und der Kreislaufwirtschaft nämlich zum ersten Mal in Luxemburg in die Praxis umgesetzt werden. Dazu bedarf es allerdings einer sehr präzisen Arbeitsmethode.

Problemstoff Asbest

So wurde in Zusammenarbeit mit Forschern des LIST eine komplette Prozedur erstellt: Um zu wissen, welche Materialien in dem Gebäude vorgefunden werden können, wird ein Inventar erstellt. Die Art der Gebäudenutzung und vorhandene Pläne werden dabei ausgewertet. In einer zweiten Phase wird ausgewertet, welche Materialien beim Bau zum Einsatz kamen. Hier können auch bereits das anfallende Materialvolumen und die Abfallkategorien eingeschätzt werden. In einer dritten Phase werden schließlich vor allem Problemstoffe identifiziert und überprüft, wie sie fachgerecht wiederverwertet oder entsorgt werden können.

“In diesem Falle war es vor allem Asbest, das problematisch war. Doch die Entsorgung unterliegt sehr strengen Sicherheitsregeln. Die betroffenen Teilgebäude werden isoliert und unter Unterdruck gesetzt, damit keine Fasern entweichen. Das Material wird anschließend verpackt und fachgerecht entsorgt“, so Patrick Gillen. Um Überraschungen zu vermeiden und schon zu Beginn der Arbeiten zu wissen, mit welchem Material man es zu tun hat, wurde ein sogenanntes mock-up installiert: Ein Raum, in dem die einzelnen Materialien und der Ablauf des Rückbaus beispielhaft demonstriert werden.

Der ganze Aufwand und das Trennen der Materialien hat seinen Preis: Insgesamt schlagen die Arbeiten mit 24,5 Millionen Euro zu Buche. Das ist deutlich mehr, als ein simpler Abbruch des Gebäudes. „Man muss aber das Gesamtbild betrachten“, so Marc Feider von Schroeder et associés. „Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Wiederverwertung der Materialien ist das Ganze sicher ein Gewinn.“ Weiterer Vorteil: bei Kostenvoranschlägen für Großprojekte kann künftig die Wiederverwertung des Altmaterials als Bonus verbucht werden.

Recycling nach Maß

So wird das Aluminium im Norden des Landes in einer Gießerei verwertet, das Holz wird in der Minetteregion weiterverarbeitet, die Glasfenster werden in Lothringen eingeschmolzen und recycelt. „Natürlich ist der ganze Prozess auch zeitaufwendig. Wir haben über neun Monaten nichts anderes getan als Pläne und Unterlagen gewälzt“, so Feider.

Die Rückbauarbeiten werden insgesamt 16 Monate in Anspruch nehmen, dann folgt der endgültige Abriss. Die beim Modellprojekt in Kirchberg angewendeten Methoden wurden in einer Anleitungsbroschüre vom Umweltamt veröffentlicht und stehen damit interessierten Bauherren zur Verfügung. Vom Vorzeigeprojekt erwartet man sich neben dem erworbenen Knowhow vor allem einen Vorbildcharakter für künftige Planungen.


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