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Psychische Krankheiten: Kaum Vorsorge und überlastete Hilfsstellen
Mentale Erkrankungen sind immer noch mit einem negativen Stigma behaftet.

Psychische Krankheiten: Kaum Vorsorge und überlastete Hilfsstellen

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Mentale Erkrankungen sind immer noch mit einem negativen Stigma behaftet.
Lokales 4 Min. 08.02.2018

Psychische Krankheiten: Kaum Vorsorge und überlastete Hilfsstellen

Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einer psychischen Krankheit zu erkranken, liegt bei 43 Prozent. Eine flächendeckende Psycho-Prophylaxe gibt es bisher nicht, und die Anlaufstellen sind mit der Nachfrage überfordert.

Von Maximilian Richard

38 Prozent der Bevölkerung leidet jährlich in Europa unter einer psychischen Krankheit. Die meisten sind von Angststörungen, Depressionen oder Schlafstörungen betroffen. Genaue Zahlen für Luxemburg gibt es nicht, einer Studie aus Deutschland zufolge liegt aber die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben eine psychische Krankheit zu entwickeln, bei 43 Prozent. Eine weitgreifende Prophylaxe gegen die Volkskrankheiten gibt es aber bislang nicht.

Die Regierung hat in den vergangenen Jahren mit den nationalen Präventionsplänen gegen Suizid und Depression wichtige Schritte zur Bekämpfung und Enttabuisierung der Krankheiten unternommen. Die Aktionspläne umfassen allerdings hauptsächlich passive Maßnahmen, die der Sensibilisierung dienen. Etwa liegen Flyer und Broschüren in Arztpraxen aus, eine Webseite wurde geschaffen und eine Roadshow soll bei Veranstaltungen wie der Springbreak-Messe über die Leiden informieren.

Eigentlich müsste man nicht nur zum Arbeitsarzt, sondern auch zu einem Arbeitspsychologen.

„Eine systematische Politik für die Bekämpfung von psychischen Krankheiten gibt es nicht“, sagt Dr. Fränz D'Onghia. Das zeige sich bereits in der Schulzeit. „Beim Schularztbesuch werden hauptsächlich körperliche Aspekte überprüft, aber ob die Kinder psychisch gesund sind, kontrolliert niemand“, so der Direktionsbeauftragte des Informations- und Präventionszentrums der Ligue luxembourgeoise d‘hygiène mentale (LLHM). Auch in der Schule würden Kinder und Jugendliche nur punktuell über die Krankheiten aufgeklärt werden, bemängelt der Psychologe. Das Thema müsse bereits in der Grundschule intensiver behandelt werden

Weiterhin ein Tabu

„Für viele körperliche Krankheiten gibt es Impfungen, ein solches Vorsorgeprinzip könnte auch für psychische Leiden angewendet werden“, sagt der Chargé de direction des Behandlungszentrums der LLHM, Vincent Navet. Anstelle eines Präparats würde man dafür andere Methoden wählen, etwa das systematische Anbieten von Gesprächsmöglichkeiten, so der Psychologe. Ein solches Angebot kann Betroffenen bereits helfen. Denn viele Personen – besonders Männer – suchen sich erst Hilfe, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist. Dies liege unter anderem daran, dass psychische Krankheiten immer noch mit einem negativen Stigma behaftet sind. Sie werden von vielen Personen als Schwäche angesehen.

Das Gesprächsangebot könnte ähnlich wie der Besuch beim Kontrollarzt organisiert werden. „Eigentlich müsste man nicht nur zum Arbeitsarzt, sondern auch zu einem Arbeitspsychologen“, sagt D'Onghia. Bisher werden die psychischen Krankheiten in der Arbeitswelt aber weitgehend ignoriert.

Dr. Fränz D'Onghia (l.) und Vincent Navet.
Dr. Fränz D'Onghia (l.) und Vincent Navet.
Foto: Lex Kleren

„Schlimme Arbeitsunfälle drohen etwa beim Ausüben von Büroberufen in der Regel nicht“. Dennoch beschränke sich die Untersuchung beim Arbeitsarzt auf rein körperliche Probleme, so D'Onghia. Dabei seien es vor allem psychische Krankheiten unter denen diese Arbeitnehmer leiden. „Die Diagnose Burn-out fällt immer häufiger“, betont Navet.

Psychologische Krankheiten sind nicht nur für ein paar Krankheitstage hierzulande verantwortlich. Mindestens 17 Prozent aller Fehltage sind auf mentale Erkrankungen, insbesondere Depressionen, zurückzuführen. Zudem sind sie für etwa ein Viertel der Langzeitkrankschreibungen (ab 21 Tagen) verantwortlich.

In die Statistik des Ministeriums für Soziale Sicherheit fließen zudem nur Personen ein, die in Luxemburg wohnen. Die Berücksichtigung der Grenzgänger würde die Werte wohl weiter erhöhen. Denn durch die lange tägliche Anfahrt zur Arbeit und die entsprechend verkürzte Erholungszeit steigt der Stressfaktor und damit eine der Hauptursachen für psychologische Probleme.

Zu lange Wartezeiten

Zudem seien die Behandlungsmöglichkeiten hierzulande nicht ausreichend, so Navet. Eine Therapie bei einem Psychologen wird zurzeit nicht von der Gesundheitskasse (CNS) übernommen. Für eine solche Behandlung müssen die Betroffenen sich an einen Psychiater wenden. Von diesen Spezialisten gebe es aber hierzulande zu wenige.

119 Psychiater praktizierten 2016 im Großherzogtum. Neben etwa 4 900 Einwohnern kommen somit auf einen Psychiater noch zahlreiche Grenzgänger, die das Gesundheitssystem im Großherzogtum nutzen. „Dementsprechend lange muss man auf einen Termin warten“, betont Navet. Auch bei der LLHM und bei anderen Anlaufstellen für Betroffene ist die Situation nicht besser, weiß der Psychologe. Bis zu einem ersten Termin vergehen mindestens drei Monate – bis zum Therapiebeginn sogar sechs Monate.

Die Folge: Das Risiko eines Suizids infolge einer Depression steigt. Die Krankheit steht nämlich mit etwa 70 Prozent aller Selbstmorde in Verbindung. In Luxemburg nimmt sich im Durchschnitt alle vier Tage ein Mensch das Leben.

Antidepressiva helfen nur langsam

Viele der Betroffenen wenden sich somit mit ihren Problemen an einen Allgemeinarzt, der in solchen Fällen oft ein Antidepressivum verschreibt. „Die Medikamente sind zwar ein wirksames Mittel gegen Depressionen, das beste Ergebnis erzielen sie aber nur mit einer begleitenden Therapie“, erklärt Navet.

Die medikamentöse Behandlung birgt zudem Risiken. Das Befinden der Betroffenen verbessert sich in den ersten Wochen nämlich nur sehr langsam. Wurden die Patienten vorher nicht ausreichend über die Wirkung der Präparate informiert, besteht die Gefahr, dass sie die Behandlung ohne Rücksprache mit dem Arzt wieder abbrechen, was ihre Situation bedeutend verschlechtert.

„An der prekären Behandlungssituation wird zukünftig auch das Psychotherapeutengesetz nur bedingt etwas ändern“, sagt D'Onghia. Denn die Hilfsangebote hinken der schnellen Verbreitung der Krankheiten hinterher. Die Bevölkerung wachse jährlich um etwa zwei Prozent und werde zudem immer älter – und damit steigt das Risiko, eine psychische Krankheit zu entwickeln. Das Gesetz sieht unter anderem die Rückerstattung von Therapien durch Psychotherapeuten vor und ist bereits seit 2015 in Kraft. Die dafür notwendigen Tarife bei der nationalen Gesundheitskasse gibt es aber bislang nicht, und somit keine Rückerstattung.



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