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Prozess vor der Strafkammer: Opfer im Schlaf missbraucht
Der Beschuldigte hatte auf einen Anwalt verzichtet. Auch wenn seine 
Aussagen ehrlich erschienen, habe er am Tatabend hinterlistig vom Opfer profitiert, so die Anklägerin.

Prozess vor der Strafkammer: Opfer im Schlaf missbraucht

Foto: Pierre Matgé
Der Beschuldigte hatte auf einen Anwalt verzichtet. Auch wenn seine 
Aussagen ehrlich erschienen, habe er am Tatabend hinterlistig vom Opfer profitiert, so die Anklägerin.
Lokales 2 Min. 08.12.2017

Prozess vor der Strafkammer: Opfer im Schlaf missbraucht

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Weil er eine 18-jährige Frau im Schlaf vergewaltigt hat, muss sich seit Donnerstag ein 41-jähriger Mann vor Gericht verantworten.

(str) - Er kennt ihre Not, denn er hat selbst eine Zeit lang auf der Straße gelebt. Deshalb nimmt er die 18-jährige Obdachlose bei sich in der Wohnung auf und unterstützt sie im Rahmen seiner Möglichkeiten auch finanziell.

Er tut das allerdings nicht ohne Hintergedanken, denn, wie der 41-jährige später dem Untersuchungsrichter erklärt, hatte er sich auf den ersten Blick in die junge Frau verliebt.

Dass Robert E. dann Grenzen überschreitet, führt dazu, dass er nun auf der Anklagebank sitzt und die Staatsanwältin am Donnerstag vier Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe fordert. Denn die junge Frau hat ihm offenbar von Beginn an klar gemacht, dass sie lediglich freundschaftliche Gefühle für ihn hege und darüber hinaus keinerlei Beziehung führen wolle. Doch in der Nacht zum 24. Juli 2014 setzt sich Robert E. darüber hinweg.

„Ich hatte Angst“

An jenem Abend konsumieren beide viel Alkohol. Die junge Frau legt sich zuerst schlafen. Er legt sich Stunden später dazu und als er davon ausgeht, dass sie fest schläft, beginnt er, sie unsittlich zu berühren. Später penetriert er sie.

„Ich bin wach geworden, als er mich anfasste“, erzählt sie vor den Richtern der 7. Strafkammer. „Ich hatte große Angst. Ich wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn ich mich wehre.“ Deshalb habe sie so getan, als ob sie schlafen würde und den Missbrauch erduldet.

Am Morgen, als Robert E. zur Arbeit aufgebrochen ist, berichtet sie mehreren Bekannte von den Geschehnissen der Nacht. Einer von ihnen informiert sofort die Polizei. Robert E. wird verhört, ist geständig und zeigt Reue. Er sagt, er sei davon ausgegangen, dass es für die junge Frau in Ordnung gewesen sei, dass sie ihn deshalb gewähren lassen habe. Er sei sich erst später bewusst geworden, dass er einen Fehler begangen habe.

Später nehmen Täter und Opfer trotz des laufenden Verfahrens wieder Kontakt auf. Mehr als 6.700 Facebook-Botschaften werden ausgetauscht. Robert E. entschuldigt sich und sie einigen sich darauf, dass er ihr an jedem Monatsende etwas Geld zukommen lässt – als Wiedergutmachung. Zudem soll es nun vor wenigen Monaten auch einmal zu Geschlechtsverkehr gekommen sein – einvernehmlich.

„Prekäre Situation ausgenutzt“

Doch das Trauma der einen Nacht bleibt und auch das Strafverfahren. „Es gab eine kriminelle Absicht“, stellt die Vertreterin der Staatsanwaltschaft klar. „Er war der Meinung, dass sie schlafen würde“, betont sie. „Er hat die Situation ausgenutzt. Sie hatte ihm klar gemacht, dass nichts laufen würde und er hat sich das genommen, was auf freiwilliger Basis nicht geschehen wäre.“

Das Opfer sei zudem sehr jung, gerade einmal volljährig, von den Eltern vor die Tür gesetzt worden und habe Unterschlupf gesucht. Bei der jungen und noch recht unreifen Frau habe es um eine schutzbedürftige Person in einer prekären Lage gehandelt.

„Sein Ziel war evident“, führte die Anklägerin weiter aus, „und für die junge Frau war nicht erkennbar, welche Mittel er einsetzen würde, um es zu erreichen.“ Auch wenn die Situation untypisch sei, könne man dem verängstigten Opfer nicht vorschreiben, wie es zu reagieren habe.

Klar sei jedoch, dass der Täter gewartet habe, bis das Opfer sich in einer besonders schwachen Position befunden habe. Es habe kein Einvernehmen gegeben. Deshalb seien sowohl die unsittlichen Berührungen als auch die Vergewaltigung zu bestrafen.

Das Urteil ergeht am 21. Dezember.


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