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Prozess um Wasserbilliger Drogenhaus: Die Selbstinszenierung des Gottgesegneten
Lokales 10 5 Min. 17.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um Wasserbilliger Drogenhaus: Die Selbstinszenierung des Gottgesegneten

Die 21 Angeklagten werden im Gerichtssaal und auf der Fahrt von und nach Schrassig von zwei Mannschaften von jeweils rund 20 Polizisten bewacht.

Prozess um Wasserbilliger Drogenhaus: Die Selbstinszenierung des Gottgesegneten

Die 21 Angeklagten werden im Gerichtssaal und auf der Fahrt von und nach Schrassig von zwei Mannschaften von jeweils rund 20 Polizisten bewacht.
Foto: Steve Remesch
Lokales 10 5 Min. 17.01.2017 Aus unserem online-Archiv

Prozess um Wasserbilliger Drogenhaus: Die Selbstinszenierung des Gottgesegneten

Steve REMESCH
Steve REMESCH
Er ist ein geschäftstüchtiger Wohltäter, sie handelte aus Liebe und wusste von nichts. Beim Prozessauftakt um das Drogenhaus in Wasserbillig standen am Dienstag der mutmaßliche "Pate" des Dealerrings und seine Geliebte im Fokus.

(str) - Der Prozessauftakt um das Drogenhaus in Wasserbillig bot am Dienstag einen tiefen Einblick in das Selbstverständnis jenes Mannes, der beschuldigt wird, einer der wichtigsten Hintermänner der organisierten Kriminalität in Luxemburg zu sein. Für Szenekenner gilt er als der "Pate" des nigerianischen Netzwerks, das seit Jahren den Drogenhandel im hauptstädtischen Bahnhofsviertel kontrolliert.

„Ich war schon Millionär, als die Nigerianer noch gar nicht wussten, dass es ein Land namens Luxemburg gibt“, erklärte Joseph E. am Dienstag vor der Strafkammer. Noch lange vor der Flüchtlingskrise. Nun engagiere er sich, um anderen Menschen zu helfen. Das sei sein Geschäftsmodell. Er zelebriere jeden Dienstag einen Gottesdienst und bete darum, die Menschen von der Drogenlast zu befreien.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist Joseph E. jedoch weit vom Bild des sozial engagierten Geschäftsmanns entfernt. Beschuldigt ist er in diesem Verfahren, das Haus an Nummer 33 in der Grand-Rue in Wasserbillig so eingerichtet zu haben, dass eine große Zahl von Drogendealern dort untergebracht werden konnten.  Die Rauschgifthändler verkauften dann in den Straßen der Hauptstadt Kokain und Heroin.

"Nicht studiert, um Drogen zu verkaufen"

Von diesen Menschen soll er dann für jede Übernachtung 20 Euro kassiert haben, mit der Gewissheit, dass dieses Geld aus Drogenhandel stammen würde. Von 51 am 27. Oktober 2015 festgenommenen Bewohnern ergaben die Ermittlungen ausreichend Erkenntnisse, um rund 20 in diesem Prozess als Drogenhändler anzuklagen. Beschuldigt sind zudem neben Joseph E. auch die Verwalterin des Hauses sowie ein Drogenimporteur.

Vor dem Bezirksgericht wies Joseph E. diese Vorwürfe weit von sich. Keineswegs habe er irgendetwas mit einem Drogennetzwerk zu tun. „Ich habe acht Jahre lang studiert und einen Master gemacht“, betonte er. „Und das sicher nicht, um Drogen zu verkaufen. Ich bin ein Autor. Ich habe drei Bücher geschrieben.“

Rassismus-Karte gleich zum Prozessauftakt

Bei dem Prozess ginge es ohnehin nicht im Geringsten um Drogen. Das sei nur ein Vorwand. Es gehe darum, das „neue Gesetz“ durchzusetzen, mit dem man versuche, die Nigerianer aus dem Land zu werfen. Der Beweis: Die Polizei habe die angeklagten Drogendealer über Monate hinweg observiert. Sie habe zugelassen, dass einer der Beschuldigten 114 Mal Drogen nach Luxemburg eingeführt habe. „Polizisten sind aber gar nicht da, um zu fotografieren“, erklärte er. „Polizisten sollen Dealer festnehmen.“

Details zu diesem angeblichen "neuen Gesetz" nannte er keine. Joseph E. unterstrich allerdings, er habe selbst nur Schaden durch die Dealer erlitten. Er habe gar Angst vor ihnen. Gleich bei seiner zweiten Vernehmung durch die Kriminalpolizei habe er daher auch die beiden wichtigsten Drogenbosse im Land denunziert. Doch die Polizei habe sie laufen lassen.

Fremdes Kokain im Klo

Auf seine mehrjährige Haftstrafe wegen Drogenhandels angesprochen, meinte Joseph E., bereits damals habe es einen Justizirrtum gegeben. Später sagte er dem vorsitzenden Richter, auch in dessen Klo könne man Kokain verstecken. Das mache ihn dafür aber noch lange nicht zum Drogenhändler.

Joseph E. war unter anderem Besitzer jenes Hauses in der Rue de Strasbourg, in dem sich die für Drogenhandel berüchtigte "Nice Bar" befand.
Joseph E. war unter anderem Besitzer jenes Hauses in der Rue de Strasbourg, in dem sich die für Drogenhandel berüchtigte "Nice Bar" befand.
Foto: Guy Jallay

Seinen Reichtum habe er nicht auf Drogengeldern aufgebaut. Seit 22 Jahren lebe er im Großherzogtum. 1998 habe er sein erstes Haus gekauft – mit einem Darlehen. Nach seiner Heirat mit einer Luxemburgerin habe er bei dieser gewohnt und so sein Haus weiter vermieten und irgendwann weitere Häuser kaufen können, etwa in Petingen, in der hauptstädtischen Rue de Strasbourg und später in Wasserbillig. Damit habe er viel Geld verdient.

"Ein göttlicher Segen"

„Sogar im Gefängnis bin ich zu Reichtum gekommen“, führte er aus. „Es ist ein göttlicher Segen. Er sei nach Luxemburg gekommen, um seinen Traum zu leben. Und daran könne auch das „neue Gesetz“ - jenes mit dem die Regierung versuche, Afrikaner abzuschieben – nichts ändern. „Meine erste Frau war Luxemburgerin“, erklärte Joseph E. „Meine zweite Frau ist Luxemburgerin. Und wenn es der Polizei gelingt, sie zu überzeugen, dass ich mit Bekky T. geschlafen habe, dann wird auch meine dritte Frau Luxemburgerin sein.“

Die mitangeklagte Bekky T., die am Dienstag vor Joseph E. zu Wort gekommen war, hatte die Beziehung jedoch in der Verhandlung eingeräumt. Sie gilt für die Staatsanwaltschaft als Verwalterin der „Sleep Well Hotel“-getauften illegalen Massenunterkunft in der Grand-Rue in Wasserbillig.

Als solche soll sie laut Anklage nicht nur die Miete kassiert haben, sondern auch einen hausinternen Supermarkt betrieben haben. Im September 2015 gab es den Beobachtungen der Polizei zufolge 4.210 Übernachtungen im Haus. Am 6. Oktober 2015 wurden 81 Gäste gezählt. Das ergibt Mieteinnahmen von mehr als 1.600 Euro in einer einzigen Nacht.

"Er ist ein guter Mensch"

Sie habe nie für Joseph E. gearbeitet, stellte Bekky T. in der Sitzung am Dienstag klar. Sie habe alles nur aus Liebe gemacht. Er sei ein guter Mensch, der nichts mit den anderen Männern auf der Anklagebank zu tun habe und noch viel weniger mit Drogen.

Genau wie sie selbst: Sie wisse nicht einmal, wie Drogen aussehen würden. Sie sei eine Prostituierte. Ihr Werkzeug sei das Handy, mit dem sie bei einem einzigen Anruf 500 Euro verdienen würden. Sie würde nicht für 20 Euro auf dem Bürgersteig stehen.

Sie wisse auch nichts über Drogen im Wasserbilliger Haus, erklärte Bekky T. Lediglich von Prostitution wisse sie. Sie habe die Männer immer in den Straßen des hauptstädtischen Bahnhofsviertels gesehen und sei davon ausgegangen, dass diese sich prostituieren würden. Hätte sie etwas von Drogen mitbekommen, hätte sie sofort die Polizei gerufen.Was in den knapp 25 Zimmern des Hauses in Wasserbillig passiert sei, wisse sie nicht. Sie habe dort nie nachgesehen.

"Sie beuten Menschen aus"

Ob die Unschuldsbekundungen von Joseph E. und Bekky T. Früchte tragen werden, scheint zweifelhaft. Der Vorsitzende Richter fand zumindest gegenüber von dem Erstgenanntem deutliche Worte: "Sie klopfen sich selbst hier auf die Schulter. Aber wir stellen präzise Fragen und bekommen keine Antworten. Sie wussten ganz genau, dass die Menschen aus ihrem Haus Drogen verkaufen. Sie haben nichts dagegen unternommen. Im Gegenteil: Sie haben damit viel Geld verdient", stellte Marc Thill fest. Joseph E. sei kein Wohltäter, er beute Menschen aus und profitiere von deren Drogengeschäften.

Am Mittwoch werden weitere Beschuldigte vor dem Richterpult zu den Tatvorwürfen Stellung beziehen. Erst danach werden erste Zeugen angehört – darunter auch insgesamt sieben Ermittler der Drogenfahndung – bevor die Beschuldigten im Detail befragt werden. Bis zum 10. Februar soll der Prozess gegen die 21 Angeklagten abgeschlossen sein.

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