Prozess um toten Obdachlosen

Streit um eine Zigarette im Bus

Angeklagter belastet Mitbeschuldigten: Erst Ohrfeige, dann Fußtritte

Das Opfer und die beiden Beschuldigten waren zur Obdachlosenunterkunft der „Wanteraktioun“ in Findel unterwegs.
Foto: Steve Remesch

(str) -  „Es ist ein komplizierter Fall“, sagte gestern ein Neurologe im Prozess um den Tod eines Obdachlosen im April 2014. Treffender könnte er es nicht formulieren – und doch, so scheint es, kommt nach und nach etwas Licht in die Affäre.

Im Mittelpunkt steht ein alkoholkranker Obdachloser – laut Zeugenaussagen mit Hang zu rassistischen Beleidigungen – und zwei ebenfalls obdachlose und am Abend des 28. März 2014 betrunkene Männer, ein Pole und ein Litauer. Beide werden beschuldigt, den 41-jährigen Luxemburger an diesem Abend so schwer verletzt zu haben, dass dieser zehn Tage später starb.

Zeugen haben die drei Männer am Tatabend an der Bushaltestelle unweit der „Wanteraktioun“, einer Unterkunft für Obdachlose in Findel gesehen. Genauer gesagt, sie haben zwei Gestalten gesehen, von denen eine mindestens einmal auf einen am Boden liegenden Gegenstand eingetreten hat. Es wird sich jedoch zeigen, dass am Boden ein Mensch liegt, der nach zehn Tagen im Koma verstirbt.

Die Männer sind schnell identifiziert. Ein 35-jähriger Litauer wird in Frankreich verhaftet und ihm wird seit Dienstag vor der Kriminalkammer der Prozess gemacht. Der zweite, der Pole, befindet sich weiter auf der Flucht.

Knackpunkt Autopsie

So weit, so gut. Doch das Ergebnis der Obduktion ist alles andere als klar. Dem rechtsmedizinischen Gutachten zufolge, hat das Opfer zwar eine schwerwiegende Gesichtsfraktur und ist an einer Hirnblutung gestorben. Die Ursache der Blutung kann nicht eindeutig festgestellt werden. Hinweise auf Schläge und Tritte gebe es nicht, so der Rechtsmediziner.

Ein Neurologe, der ein zusätzliches Gutachten erstellen soll, kommt jedoch zu einer anderen Schlussfolgerung: Gewalteinwirkung durch Dritte sei die wahrscheinlichere Ursache. In der Verhandlung am Mittwoch kann dieser Widerspruch jedoch schnell aufgeklärt werden. Der Experte hat sich bei seiner Schlussfolgerung lediglich auf statistische Studien zu diesem Verletzungsbild berufen: Am häufigsten seien diese Verletzungen in hoch entwickelten Ländern eine Folge von zwischenmenschlicher Gewalt.

Angeklagter kommt zu Wort

Der Widerspruch zwischen den Zeugenaussagen und den fehlenden Spuren von Fußtritten, lässt auf einen unsicheren Ausgang des Verfahrens schließen. Doch einer war im Verfahren bislang nicht zu Wort gekommen: der Angeklagte. Und der lässt sich nicht bitten.

Evaldas B. erzählt von den aggressiven Gebaren seines polnischen Bekannten. Er berichtet von einer ersten verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Mitbeschuldigten und dem Opfer im Bus – ersterer hatte sich im fahrenden Bus eine Zigarette angezündet.

An der Haltestelle in Findel habe der Mitbeschuldigte sich darüber geärgert, dass der Luxemburger ihm vorgeschrieben hatte, was er zu tun und lasse habe. Die Angelegenheit sei eigentlich schon geklärt gewesen, als das spätere Opfer den Polen als „schwul“ bezeichnet habe.

Schlag mit der flachen Hand

Der habe sich umgedreht und sein Kontrahent sei bereits nach dem ersten Schlag mit der flachen Hand zu Boden gegangen. Dann führt der Angeklagte eindrucksvoll vor, wie sein Bekannter den am Boden liegenden Mann mit Füßen gegen den Kopf getreten habe.

Und auch das sagt der Angeklagte: Der Mitbeschuldigte habe erst aufgehört auf das Opfer einzutreten, als ein Autofahrer hupte und anhielt. Der Wagen sei dann aber weitergefahren. Demnach gibt es noch einen weiteren Zeugen, der bislang noch nicht angehört wurde.

Der Prozess wird am Donnerstagnachmittag weitergeführt.